Der britische Ostafrikafeldzug 1940-41

Eine historische Operation analysiert anhand moderner operativer Konzepte

Gregor Scheucher

Der Ostafrikafeldzug der britischen Streitkräfte scheint eine weitgehend unbeachtete militärische Operation, während die Schlachten zwischen Montgomery und Rommel in Ägypten und Libyen die weitaus bekannteren Kriegsschauplätze am afrikanischen Kontinent darstellen. Dabei wird übersehen, welche Rolle die Operation in Ostafrika zur Weiterführung des Krieges Großbritanniens gegen Italien in Nordafrika spielte. Sie bescherte Großbritannien den ersten Sieg im Zweiten Weltkrieg, Äthiopien wurde als erstes Land von einer Besetzung der Achsenmächte befreit und der Feldzug ermöglichte eine Weiterführung der Operation in Nordafrika. Italien betrachtete Ostafrika als Raum, welcher die Chance auf einen schnellen Sieg über die zahlenmäßig deutlich unterlegenen britischen Truppen in Britisch Somaliland ermöglichte. Italiens Diktator Mussolini verfolgte hier das Ziel eine Landverbindung zwischen Nord- und Ostafrika herzustellen. Großbritannien hingegen, im Juni 1940 praktisch an allen Kriegsschauplätzen in der Defensive, konnte die Operation in Ostafrika in einen Sieg verwandeln. Dieser sollte in der Folge für den Kriegsschauplatz Nordafrika von essenzieller Bedeutung werden, da in der Folge das Rote Meer durch die US-Handelsflotte wieder genutzt werden konnte. Ein entscheidender Schritt zur Durchhaltefähigkeit der Briten in Nordafrika war dadurch getan. Der Beitrag verfolgt das Anliegen, die strategischen und operativen Zielsetzungen des Vereinigten Königreichs am Horn von Afrika herauszuarbeiten. Der Aufsatz spannt den Bogen weiter als eine bloße historische Abhandlung der Geschehnisse am Horn von Afrika. Es wird die These vertreten, dass Großbritannien seine Operationsziele evolutionär abändern konnte und somit von ursprünglich defensiven Operationszielen zu offensiven Operationszielen übergehen konnte, wofür die entscheidenden Einflussfaktoren identifiziert werden. Hierzu werden zeitgemäße operative Werkzeuge der NATO Comprehensive Operational Planning Directive (COPD) ausgewählt und den damaligen Ereignissen überlagert. Konkret verwendet der Aufsatz Elemente eines Operational Design, die Lines of Operation (LoO) und die operativen Ziele (OpObj). Zur besseren Kontextualisierung werden die Operationsziele nach moderner Diktion definiert und die Einflüsse zur Abänderung der Operationsziele herausgearbeitet. Im Idealfall orientiert sich der operative Kräfteeinsatz an den Zielen und dem operativen Plan zur Erreichung der Ziele. Eine Balance der Ziele und Ressourcen erscheinen hierfür erforderlich. Ist ein Ungleichgewicht vorhanden, so bedarf es einer Änderung der beiden verbleibenden Faktoren, eben eine Aufstockung der Ressourcen oder der Reduktion der Ziele. Im Fall der Operation in Ostafrika war man in der Lage, Ziele und Ressourcen koordiniert weiterzuentwickeln. Die taktischen Erfolge wurden gespeist aus unzureichenden italienischen Aufklärungsergebnissen, einer defensiven Einstellung der italienischen Truppen sowie der Überlegenheit der britischen Aufklärung. Hier zeigt sich der Einfluss der Taktik auf die Operation. Die anfangs begrenzten Ziele konnten erreicht werden und beeinflussten die operative Führungsebene im Nachjustieren folgender Ziele. Abschließend soll der Leser noch angeregt werden darüber zu reflektieren, inwieweit in modernen Operationen (z.B. militärisches Engagement gegen die Taliban in Afghanistan) der Volatilität Rechnung getragen wird, indem Ressourcen verändert bzw. ambitionierte strategische und operative Ziele reduziert werden.