Die großen Manöver 2017 und 2018 - Reihe

„Eine Betrachtung“ (4)

Horst Pleiner

Die beiden bereits dargestellten Großmanövern „Wostok 18“ und „RIMPAC 18“ unterstrichen den aktuellen Spannungsbogen Arktis, Fernost und Westpazifik, in dem die Interessensphären der drei Großmächte VR China, Russland und USA sich unmittelbar berühren und im Rahmen der dort entstandenen Vertragssysteme sich mehrfach überschneiden. Hier haben sich die politisch-strategischen Einflusskreise in dem global aktuell wohl wesentlichsten Bereich berührt und es wird zunehmend deutlicher, dass Europa eigentlich dabei nur mehr der Status einer Randerscheinung verbleibt, die zwar enorme wirtschaftliche und technologische Kapazität aufweist, aber selbst nicht mehr als global wirksamer Akteur in Erscheinung treten will oder kann. Es bemühen sich die peripher dazu liegenden Großmächte um das Abschöpfen wirtschaftlichen Potenzials und technologischer Innovation, sehen in Europa einen Raum für ökonomische Durchdringung und exorbitante Gewinne, aber Europa selbst hat seine Möglichkeiten des Mitspielens weitgehend verloren. Die Tatsache des Scheiterns der bisherigen Versuche um den „Schutz der Außengrenzen“ unterstreicht die Zurückstufung auf eine defensive, reaktive Strategie, sofern hier für Europa überhaupt von einer gemeinsamen, tragfähigen Strategie gesprochen werden kann. Solche Strategien haben aber die anderen Großmächte ins Treffen gebracht, man denke an die „One Road and Belt“ Initiative, das Programm von „Made in China 2025“ oder den Einstieg der VR China in Afrika, die dynamischen Aktivitäten Russlands in Nahost und nunmehr auch in Afrika oder an die Ziele, die die USA in einem auf- und abschwelenden „Handelskrieg“ mit den Kontrahenten verfolgt. Alle diese Initiativen usw. stehen aber in Beziehung zu ausgeprägtem, wenn auch unterschiedlich gestaltetem militärischem Potenzial der Großmächte und dem Netz strategischer Vertragswerke, verbunden mit dem Willen, dieses militärische Potenzial auch macht- und außenpolitisch und außenwirtschaftspolitisch aktiv einzubringen. Gerade darin aber hat Europa, trotz vereinzelter Ansätze (wie 2011 in Libyen), sich weitgehend herausgenommen und nur in Teilbereichen wie eben bei „RIMPAC 18“ im Ansatz zu bekunden versucht ein „Mitspieler“ sein zu wollen. So zeigen gerade die bisher und im Folgenden dargestellten Manöver nicht nur Wo, sondern auch Wie, die aktuelle „Musik“ spielt. Es wäre es wert, gerade die Entwicklungen auf diesem Sektor auch in die Zukunft hinein eingehender zu beobachten und zu analysieren. Es folgt daher abschließend ein Blick auf die Großereignisse 2017 und 2018, abgerundet durch eine Bewertung der nunmehrigen Rolle von Paraden und eine allgemeine Betrachtung. Manöver verbessern grundsätzlich militärische Fähigkeiten und demonstrieren gleichzeitig nach außen an bestimmte Adressaten das Ausmaß dieser Fähigkeiten und damit verbundene potenzielle Nutzungsmöglichkeiten.

Es zeigt sich, dass Europa nicht mehr das Zentrum des Geschehens bildet, auch wenn sich Europa gerne noch als solches sieht. Die politisch-strategischen Konsequenzen daraus sollten in langfristiger Vorausschau gezogen und dann entsprechende Konsequenzen zur Folge haben. Wird eine solche Perspektive nicht ausreichend berücksichtigt, wird sich Europa irgendwann in der Situation des „Goldenen Apfels“ finden, den die Osmanen vor Jahrhunderten angeblich in Besitz nehmen wollten. Nur werden es dann nicht die Osmanen sein und die mutigen Verteidiger sind nicht vorhanden.