RUSSLANDS MILITÄRINTERVENTION IN SYRIEN


Seit der russischen Annexion der Krim 2014 ist der maritime Raum zwischen dem Asowschen Meer im Osten und der Straße von Gibraltar im Westen Schauplatz eines gesteigerten strategischen machtpolitischen Gewichts durch Russland. Die daraus resultierenden geostrategischen Verschiebungen haben die allgemeine Wahrnehmung des Mittelmeers, die seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 vorherrschte, nachhaltig verändert - die eines geschlossenen maritimen Gebietes unter der letztendlichen Kontrolle der Westmächte. Seit dem anhaltenden Ukraine-Konflikt, der russischen Militärintervention in Syrien ab September 2015 und nach den russischen Versuchen in jüngster Zeit, das Asowsche Meer zu kontrollieren, ist Russland in wenigen Jahren wieder zu einer Mittelmeer-Anrainermacht avanciert.

Die Strategie Moskaus im Mittelmeerraum scheint die Wahl eines doppelten konzeptuellen Ansatzes zu veranschaulichen: Zur Ausübung militärischer Gewalt
(„Hard Power“) sind die Instrumente der „Soft Power“ hinzugekommen, um die Ausweitung russischen Einflusses im gesamten Mittelmeerraum voranzutreiben.

Der russische Präsident Wladimir Putin sucht stets nach Wegen, um Russland wieder in alter imperialer Größe erstehen zu lassen. Die militärische Unterstützung des im laufenden Bürgerkrieg zwischenzeitlich in Bedrängnis geratenen syrischen Regimes von Präsident Baschar al-Assad (als bereits zu Sowjetzeiten alten Verbündeten) steht hier besonders im Fokus. Seither befindet sich die syrische Armee nach dem Ende der offiziellen Kampfhandlungen der prowestlichen Anti-IS-Koalition gegen die Dschihadistenmiliz „Islamischer Staat“ (IS) militärisch wieder auf der Siegerstraße. Russland beabsichtigt nun, seine militärische Präsenz in Syrien um jeden Preis aufrechtzuerhalten, was es Moskau ermöglichen sollte, seinen Einfluss in der gesamten Region weiter zu festigen und auszubauen. Mehr als 63.000 russische Militärs (darunter 25.738 Offiziere und 434 Angehörige des russischen Generalstabs) sollen seit September 2015 in Syrien aktiv sein. Nach Angaben des Atlantischen Rates mit Sitz in Washington D.C. hat allein das russische private Sicherheits- und Militärunternehmen „Gruppe Wagner“ 1500 Söldner nach Syrien entsandt.[1]

Mit Ende August 2018 hatte die russische Luftwaffe 39.000 Kampfeinsätze in Syrien geflogen, wobei laut Angaben von Menschenrechtsgruppen bei den russischen Bombardements auf oppositionelle Ziele dabei auch viele Zivilisten ums Leben gekommen sind.

Der Kreml sucht zudem seine Rolle als „Schiedsrichter“ im zunehmenden Konflikt zwischen der vorrückenden syrischen Armee und der Türkei, die die verbliebenen oppositionellen Anti-Assad-Milizen in der Provinz Idlib im Nordwesten des Landes unterstützt, zu festigen.

Der Westen muss angesichts dieser jüngsten Entwicklungen darum bestrebt sein, die militärisch-strategische Dominanz im Mittelmeerraum aufrecht zu erhalten.


Die militärische Intervention Moskaus in Syrien seit 2015 ist Gegenstand zunehmender Aufmerksamkeit der NATO: Im Gegensatz zu vielen westlichen Interventionen der letzten Zeit scheint der russische Feldzug insofern wirksam gewesen zu sein, als der Kreml viele seiner politischen Ziele zu angemessenen Kosten erreicht und gleichzeitig seinen Einfluss in der Region erheblich gestärkt hat. Dieser Erfolg scheint umso überraschender, als die russischen Streitkräfte gerade eine umfassende Umstrukturierung abgeschlossen haben und technologisch noch immer im Rückstand sind, weshalb die faktischen Daten nicht ausreichen, um einen solchen Erfolg zu erklären.  Es ist den russischen Interventionskräften gelungen, durch eine geschickte Kombination von Land- und Luftmitteln zum ersten Mal in ihrer Geschichte eine umfangreiche und offenbar effiziente Struktur zur Aufklärungs- und Gefechtsbereitschaft (ein Leitmotiv der russischen Doktrin seit den 1980er-Jahren) aufzubauen, die systematisch an den Kontext der externen Intervention angepasst worden ist.[2]

Die russische Luftwaffe führte die Kampagne hauptsächlich von Syrien aus durch, um dem zwischenzeitlich militärisch in Bedrängnis geratenen syrischen Regime von Präsident Baschar al-Assad in Damaskus zur Seite zu stehen. In Anbetracht der im russischen Bestand verfügbaren Elemente operierte und operiert eine relativ kleine russische Kampftruppe vom Stützpunkt Hmeimim aus. Die Zusammensetzung des Einsatzes variierte jedoch in den ersten beiden Jahren des Konflikts nur sehr wenig und überschritt die Zahl von etwa 40 Kampfflugzeugen und Hubschraubern nicht. Die Flugzeuge blieben hauptsächlich in Syrien stationiert, obwohl strategische Luftschläge von Russland aus ad hoc beschlossen wurden, wobei der russische Flugzeugträger Admiral Kusnezow Ende 2016 zwei Monate lang nicht wirklich zum Einsatz kam. Die Lancierung der russischen Luftwaffe über syrischem Konfliktgebiet stellte ein hohes Risiko dar – zumal die sich in Umorganisation und Reformierung befindlichen russischen Luftstreitkräfte für einen solchen Einsatz noch relativ unerfahren waren. Große Infrastrukturarbeiten waren notwendig, um die russischen Luftkräfte in Syrien unterzubringen. Zudem erforderte die Unterstützung der Maschinen ein komplexes logistisches Manöver, bei dem See- und Luftkonvois mit veralteter und kaum verfügbarer Ausrüstung kombiniert wurden. Jeder Rückgang der Luftaktivität - als Folge logistischer Pannen oder technischer Ausfälle - wurde sicherlich sofort von den syrischen Behörden, den Kämpfern und der Bevölkerung in der Nähe bemerkt und musste durch das russische Kommando erklärt werden. Schließlich musste eine konventionelle Doktrin an die jeweiligen neuen Gegebenheiten angepasst werden - im Rahmen einer externen Intervention inmitten eines besonders komplexen Bürgerkriegs.

Vor diesem Hintergrund spielt weiterhin die Landkomponente die entscheidende Rolle als Schnittstelle zwischen den wenigen russischen High-Tech-Mitteln und der Masse der regulären Einheiten der syrischen Armee, die oft undiszipliniert, unterbesetzt und mit unterschiedlicher Motivation gegen die oppositionellen Kräfte kämpften und kämpfen. So wurden und werden nicht nur russische Spezialeinheiten für eine große Zahl lokaler Operationen Seite an Seite mit der syrischen Armee eingesetzt, sondern es existieren auch andere „Multiplikatoren“ – (einschließlich russische Panzer, die von russischer Besatzung gesteuert werden) innerhalb der syrischen Formationen, um ihr Vertrauen und ihre operative Wirksamkeit während größerer Offensiven bei den syrischen Verbündeten zu stärken.


Strategische Bomber werden generell als Hebel der russischen Außenpolitik eingesetzt, wobei die „Luftdiplomatie“ ein integraler Bestandteil der Strategie des Kremls ist. Um diese anspruchsvollen Missionen durchzuführen, hat Moskau nun die Haushaltsmittel gesichert, so dass die russischen Luftstreitkräfte die Anzahl der Flugstunden und Übungen vervielfachen können, um das Niveau der Vorbereitung und Qualifikation der Besatzungen zu erhöhen. Die während des Konflikts in Syrien gewonnenen operativen Erfahrungen setzen einen neuen Standard für russische Luftoperationen.

Laut Schätzungen westlicher Beobachter umfasst die strategische Luftwaffe Russlands heute über 70 Tu-22M3 Mittelstreckenbomber, 50 Tu-95MS Langstreckenbomber und etwa 15 operative schwere strategische Schwenkflügel-Überschall-Bomber des Typs Tu-160 mit interkontinentaler Reichweite. Die Indienststellung der ersten Bomber aller drei Kategorien erfolgte jeweils zu Sowjetzeiten. Heute haben die in die Jahre gekommenen Flugzeuge eine mehr oder weniger intensive Modernisierung erfahren.[3]

Diese Beobachtung, zusammen mit den im Westen als „aggressiv“ bewerteten Aktionen, die gegen den Luftraum der NATO-Mitglieder sowie gegen US-Schiffe unter anderem in der Ostsee lanciert wurden und werden, stellen starke und überzeugende Anzeichen für ein restauratives Russland dar, das den langen militärischen Niedergang, den es zwischen 1990 und 2000 erlebte, umzukehren imstande ist. Die machtpolitische Rückkehr Russlands unter Präsident Wladimir Putin in den nahen und mittelöstlichen Konfliktraum ist dabei ein erster Schritt.


Fazit: Die militärisch-soziopolitisch-ökonomischen Verwerfungen im Nahen und Mittleren Osten, aber auch in Nordafrika oder auf der arabischen Halbinsel im Jemen, die zum Teil eine deutliche religiös bedingte Überlagerung wie im laufenden syrischen Bürgerkrieg oder auch im irakischen Konfliktraum aufweisen, bilden ein komplexes Exerzierfeld unterschiedlicher interner und externer Akteure.[4] Russland unter Präsident Wladimir Putin zeigt mit seiner militärischen Intervention zugunsten des in Bedrängnis geratenen syrischen Regimes von Präsident Baschar al-Assad klar wieder Flagge im Großraum. Gleichzeitig sucht die Türkei unter Präsident Recep Tayyip Erdogan nach Wegen, um zumindest im Norden Syriens bzw. auch in Libyen immer mehr politisch-militärischen Einfluss zu gewinnen – im Rahmen „neoosmanisch-restaurativer Überlegungen“. Die USA wiederum handelten mit ihrer Unterstützung der syrischen Kurden im Rahmen der Anti-IS-Koalition gegen die Interessen Ankaras im laufenden Bürgerkrieg in Syrien. Parallel dazu sucht Erdogan offensichtlich mit dem Kauf des russischen S400-Abwehrraketen-Systems die Nähe zu Putin als zunehmend wichtige externe Einflussmacht in Syrien.[5]

Russland ist zudem auch dabei, seit der Annexion der Krimhalbinsel 2014 wieder zu einer mediterranen Seemacht zu avancieren. Die westlichen Marineeinheiten verfolgen diese Entwicklungen unter anderem angesichts verstärkter Spannungen mit dem Iran mit erhöhter Aufmerksamkeit. Nicht zuletzt sucht China mit Hilfe seiner „Neuen Seidenstraßen-Strategie“ nach Wegen, um seinen politisch-ökonomischen Einfluss in der besagten Weltregion zu vertiefen.


Abgeschlossen: Anfang Mai 2020





Anmerkungen:

[1] Ana Pouvreau, „LA STRATÉGIE DE LA RUSSIE EN MÉDITERRANÉE“. In: Revue Défense Nationale 7-9/2019, S. 112-119.

[2] Xavier Rival / Antoine Burtin, „LA CAMPAGNE AÉROTERRESTRE RUSSE EN SYRIE: UNE APPROCHE DIFFÉRENTE DE L’INTERVENTION EXTÉRIEURE?“
In: Revue Défense Nationale 11/2019, S. 107-112.

[3] Malcolm P., „L’INSTRUMENT DE PUISSANCE DE LA DIPLOMATIE AÉRIENNE RUSSE“. In: Revue Défense Nationale 11/2019, S. 101-106.

[4] Vgl: Gilles Kepel, „LES ENJEUX DU JIHADISME ET DU TERRORISME EN MÉDITERRANÉE“. In: Revue Défense Nationale 7-9/2019, S. 47-51.

[5] Jean-Paul Chagnollaud, „LA MÉDITERRANÉE ORIENTALE, CONDENSÉ DES RIVALITÉS INTERNATIONALES“.
In: Revue Défense Nationale 7-9/2019, S. 57-63.


Weiterführende LINKS:

The Development of Military Strategy under Contemporary Conditions. Tasks for Military Science

What Putin Really Wants in Syria – Foreign Policy

Russia's strategy in Syria shows how to win a Middle East war

How Syria Became The Centerpiece Of Russia's Middle East Strategy

Understanding Russia's Intervention in Syria | RAND

Moscow's Syria Campaign: Russian Lessons for the Art of Strategy

Russia’s grand strategy: how Putin is using Syria conflict to turn Turkey into Moscow’s proxy

Re-Emergence: A Study of Russian Strategy in Syria, the Middle East and Its Implications

How Russia's Putin became the go-to man on Syria - BBC News

Russia's Syria War: A Strategic Trap?

Could Russia Go to War With Turkey in Syria?

Russia, Iran and Turkey, a common strategy in Syria?

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