Die Verteidigungsminister der Zweiten Republik - Serie

Manfried Rauchensteiner


Georg Prader


In dieser Serie wird das Leben und Wirken des ÖVP-Politikers Georg Prader insbesondere in seiner Ära als österreichischer Verteidigungsminister (1964-1970) beleuchtet. Am 8. Jänner 1969 fand in der Landesverteidigungsakademie in Wien auf Anordnung von Bundesminister Prader eine Besprechung über den vom Generaltruppeninspektorat zusammengestellten Erfahrungsbericht über den Einsatz des Bundesheers in der sogenannten „Tschechenkrise“ des Vorjahrs statt. Der Bericht war auf Weisung des Ministers nur einigen Offizieren und auch das nur in den sie betreffenden und sie zu interessieren habenden Teilen übermittelt worden, da sich Prader mit einer ganzen Reihe von Aussagen in dem Bericht nicht einverstanden erklärte. Er nannte die seiner Meinung abweichenden Passagen „Thesen“ und stellte v.a. in Abrede, dass durch die 1968 erfolgten Rationalisierungs- und Straffungsmaßnahmen die Einsatzmöglichkeiten für das Heer markant gelitten hätten. Und wenn Kritik daran geäußert würde, dass es am 21. August 1968 keine Mobilmachung gegeben hätte, dann wäre das vollends ein Fehlurteil, denn es sei „nie der Fall gewesen, dass man das aktive Heer als nicht mehr ausreichend für die Lösung der anfallenden Aufgaben erachtet habe“. Damit war offenbar alles gesagt. Auf Dauer ließ sich natürlich nichts unter den Teppich kehren. Was hier zu lesen war, konnte man aber getrost als Bilanz des Bundesheers nach 13 Jahren seiner Existenz und vier Jahren Ministerschaft Georg Praders verstehen.

Nach Ferdinand Graf und Karl Schleinzer war Prader der dritte Verteidigungsminister der Zweiten Republik. Wieder, wenngleich aus anderen Gründen als 1961, konnte man sagen: Der neue Minister übernahm eine „Baustelle“. Was ihm den Einstieg erschwerte, war ein alles andere denn geschlossenes Offizierskorps, eine Organisation, die trotz der erst ein Jahr zurückliegenden Heeresreform nicht so recht funktionieren wollte und v.a. ein unzulängliches Budget, das weder mit der Organisation noch mit den Anforderungen an das Heer kompatibel war.

Es brauchte lange, um den Schock des Jahres 1968 zu verdauen, denn dass in der „Tschechenkrise“ nicht alles gut gelaufen war, pfiffen die Spatzen von den Dächern. Und es nützte wohl auch nicht viel, wenn Minister Prader ein ums andere Mal wiederholte, die Konzeption der Landesverteidigung sei absolut richtig, Schwächen würden beseitigt werden, Kampfanlagen würden verbessert und die Transportkapazität der LKW gesteigert werden… das alles konnte nicht wirklich beruhigen. Weit mehr Beachtung musste wohl finden, dass eine sogenannte „Wehrmilliarde“ beschlossen wurde und sich der Bundeskanzler selbst in die „Schlacht“ ums Budget warf. Denn die Zahlen sprachen eine klare Sprache. In absoluten Zahlen gab es von 1958 bis 1969 wohl eine Steigerung von 2 Mrd. Schilling auf 3,7 Mrd., doch die waren nicht zuletzt für die gestiegenen Personalkosten aufzuwenden. Der Anteil am Budget war im selben Zeitraum von 5,13% auf 3,98% gesunken. Das zählte. Und Prader wusste es. Er wusste es schon lange und war mit der Forderung nach einem Anteil von 7% des Gesamtbudgets konfrontiert worden, den er zwar als begründet ansah, aber nicht publik gemacht wissen wollte. Da die Modernität und Schlagkraft des Heeres während der „Tschechenkrise“ so deutlich zu wünschen übriggelassen hatten, sollte das Heer durch eine Sonderfinanzierung von 1 Mrd. Schilling in die Lage versetzt werden, die dringendsten Neuanschaffungen zu tätigen. Die Wunschliste war endlos. Die Demonstrationen dagegen fast unvermeidlich. Tatsächlich erreichte dann nur ein Drittel der zugesagten Mittel das Heer. Nach dem Verlust der absoluten Mehrheit war für die ÖVP der Gang in die Opposition de facto unvermeidlich. Praders Zeit als Verteidigungsminister endete am 21. April 1970. Er wurde wohl für einige Jahre Wehrsprecher seiner Partei, glaubte allerdings, die ÖVP würde nur kurze Zeit in Opposition sein. Nach den Nationalratswahlen 1971, die der SPÖ eine absolute Mehrheit verschafften, vollends 1975, als Prader nicht mehr als Wehrsprecher nominiert wurde, kam das definitive Aus. Er blieb zwar dem Bundesheer weiterhin verbunden, ebenso aber seiner bisherigen Linie treu und kritisierte aus Überzeugung und vehement die Heeresreform der Siebziger Jahre und die Entwicklung, die das Bundesheer nahm. Aber die Distanzen wurden unvermeidlich größer.

Bis 1979 war er noch Nationalratsabgeordneter und vertrat seine Partei im Landesverteidigungsrat. Am 12. März 1979 endete auch diese Zeit. Eineinhalb Jahre später, am 20. Oktober 1980, erlitt Prader einen ersten Herzinfarkt, von dem er sich noch einigermaßen erholte. Am 16. März 1985 erlitt er einen zweiten Herzinfarkt. Minuten später war er tot. Er wurde am Hauptfriedhof in St. Pölten begraben.

Praders Spuren innerhalb des Bundesheers sind mittlerweile verwischt und beschränken sich auf Fotos in den diversen „Ahnengalerien“. Man muss daher nach St. Pölten oder Langenzersdorf gehen, um Straßen mit seinem Namen oder eine Stele mit einem Bronzekopf Praders zu finden. Dort begegnet einem freilich der „Schurl“ und nicht der Minister.