„Soldaten-Abrichtung“ in der k. (u.) k. Armee

Hubert Michael Mader

Hugo Kerchnawe, späterer österreichischer Generalmajor und Militärhistoriker, verfasste als „Anonymus“ im Jahr 1904 das Buch „Militär und Zivil“. Kerchnawe lässt in seiner Publikation keine Zweifel darüber aufkommen, dass er eine durchaus kritische Distanz gegenüber der Armee und ihrer Praxis in der Soldatenausbildung einnimmt. In der Einleitung schreibt er, dass er seine Sympathie für die Armee zwar „keineswegs zu verbergen trachte“, er aber andererseits für deren Schwächen und Gebrechen „durchaus nicht blind gemacht“ wurde und nicht daran gehindert wäre, diese zu erörtern und zu „tadeln“. Er wisse freilich, dass ihm dieser Freimut von vielen in der Armee verübelt und kritisiert werde. Kerchnawe zeigt sich davon überzeugt, dass der von ihm eingeschlagene Weg der einzig richtige wäre und zum Wohle der Armee beitrage. Denn das landesübliche Vertuschungssystem nützte der Sache des Militärs nur wenig. Es trieb nur „Wasser auf die Mühle“ seiner (zahlreichen) Gegner und erreichte gerade das Gegenteil von dem, was damit bezweckt werden sollte. Dennoch gäbe es gewisse „kurzsichtige“ Kreise in der Armee, die in derart positiver Kritik eine Feindseligkeit oder doch eine übel angebrachte, schädliche Missbilligung sahen. Er selbst hätte den Wunsch, diese „Kurzsichtigen“ mögen es doch begreifen, dass es gerade nicht die wahre Begeisterung wäre, die Fehler dessen, wofür man steht, nicht zu sehen (und zu verbessern). Kerchnawe wendet sich in seinem Buch u.a. dem Thema „Soldatenmisshandlung“ zu. Wenn man vom Vorwurf des „Militarismus“ (Militärherrschaft) absah, so brachte man gegen das Militär nichts so oft vor, wie diese Soldatenmisshandlungen. Keine Parlamentssitzung verging, in der derartige Beschuldigungen nicht vorgebracht und in „gehässigsten Weise“ diskutiert würden. Eine objektive Behandlung dieser Problematik in der österreichischen Presse gab es nicht - nahezu die gesamte Presse stünde „ausnahmslos unter dem Banner der ‚Ideale‘ von 1848“, und würde gegen das Militär Front beziehen oder kein Wort zu dessen Gunsten vorbringen. Es müsste den militärischen Behörden mit einer Nachdrücklichkeit nahegelegt werden, so Kerchnawe weiter, jedem Verdacht der Soldatenmisshandlung durch einen Vorgesetzten nachzugehen. Nach genauer Prüfung der Umstände müssten der oder die Schuldigen ohne Nachsicht bestraft und damit allem gegen das Militär gehässigen Gerede der Boden entzogen werden. Nichts wäre nämlich schlechter, wie Kerchnawe feststellt, als das gehandhabte (beliebte) Vertuschungssystem. Im „Dunkel des Verschweigens“ oder „im ungewissen Zwielicht beschönigter Darstellungen“ sähen die Soldatenmisshandlungen noch schlimmer aus, als sie es in Wirklichkeit wären. Darum gab man der Öffentlichkeit stets jene Klarheit und Wahrheit, die zu erhalten sie berechtigt wäre. Die Sache des Militärs würde „gut dabei fahren“. Trotz seines Verständnisses dafür, dass einem Vorgesetzten gelegentlich die Geduld reißen könnte, befürwortet Kerchnawe keineswegs eine „gewaltsame Pädagogik“, d.h. er war dagegen, der Brutalität Tür und Tor zu öffnen. Wie Kerchnawe hinweist, gäbe es beim Militär auch indirekte Misshandlungen. Als ihre Urheber fände man Offiziere, häufig sogar mit höherem Rang, deren Beweggründe Rücksichtslosigkeit und Gleichgültigkeit gegen das Wohl ihrer Untergebenen wären. Oftmals verbunden mit dem Ehrgeiz, „durch ungewöhnliche militärische Kraftleistungen zu glänzen“. Ihre Folgen wären ein (erschreckend) hoher Maroden-Stand, zahlreiche Fälle von Sonnenstich und Hitzeschlag bis sogar Todesfälle. Diese Misshandlung der Mannschaft äußerte sich also „in ungebührlichen, nicht selten unmenschlichen Anforderungen“. Kerchnawe übt also (scharfe) Kritik an den Missständen in der k. u. k. Armee, ohne das gesamte System in Frage zu stellen. Die militärische Abrichtung hat letztendlich das Ziel, die Triebe und Emotionen des einzelnen Soldaten zweckentsprechend zu formieren. Das heißt, die Ausbildung (die Abrichtung) sollte beim Soldaten den militärischen Gehorsam (v.a. im Getümmel der Schlacht) hervorrufen und festigen. Der totale Charakter des Militär-Apparats gründete sich demnach auf eine strenge Hierarchie, weiter auf bestimmte Annahmen über das Sozialverhalten sowohl des einzelnen wie auch der Truppe in den außergewöhnlichen Situationen des Kampfs. Letzter Zweck des Herstellens militärischer Disziplin war also das Ausschließen von Ungewissheiten angesichts der unberechenbaren Umstände des Krieges. Das traditionelle Erscheinungsbild des Soldaten seit den 60er-Jahren des 19. Jahrhunderts erfuhr eine genauere Analyse aus den verschiedensten Motiven eine Neubewertung, wobei allerdings reine Humanität (meist) nicht die treibende Kraft war. Viele kamen vielmehr zu der Einsicht, dass mit Soldaten, denen man jede Selbstständigkeit „abgewöhnt“ hatte, keine Kriege mehr zu gewinnen waren. Aber es zeigte sich bei der „Abrichtung“ des Soldaten eine große Kluft zwischen Theorie und Praxis. Bis zum Untergang der Monarchie waren die (positiven) theoretischen Überlegungen offenbar nicht restlos bis auf die Stufe der Unteroffiziere und Chargen hinab gesickert.