Namibia als deutsches „Schutzgebiet“ 1884 bis 1915/19

Martin Grosch

Deutsch-Südwestafrika war von 1884 bis 1915 eine deutsche Kolonie („Schutzgebiet“) auf dem Gebiet des heutigen Staates Namibia. Deutsch-Südwestafrika war die einzige der deutschen Kolonien, in der sich eine nennenswerte Anzahl deutscher Siedler niederließ. Im 1. Weltkrieg wurde das Gebiet 1915 von Truppen der Südafrikanischen Union erobert, unter deren Militärverwaltung gestellt und 1919 gemäß den Bestimmungen des Friedensvertrages von Versailles als Völkerbundmandat Südwestafrika der Verwaltung Südafrikas bis zu seiner staatlichen Unabhängigkeit am 21. März 1990 übertragen. Während dieser Phase wurde übrigens 1932 Deutsch als dritte Amtssprache eingeführt. Deutsch-Südwestafrika erlebte eine höchst wechselvolle Geschichte, wo vor allem auch der Kampf der Volksgruppen der Herero und Nama gegen die deutschen Kolonialherren zu nennen ist. Die Bilanz dieser Kriege war durchaus dramatisch: Ein Großteil der Hereros und fast der gesamte Stamm der Witboi-Namas waren umgekommen. Dass heute in diesem Zusammenhang zunehmend von einem Genozid, einem Völkermord gesprochen wird, der ein Vorläufer des nationalsozialistischen Holocausts gewesen sei und zu diesem in Kontinuität stehe, beruht, wie erwähnt, auf spekulativen Zahlenangaben und durchaus fragwürdigen Hintergründen und Quellen. Die Kriege von 1904 bis 1907 waren aber kein typischer deutscher Vernichtungsfeldzug und schon gar nicht ein Fanal der nationalsozialistischen Rassenpolitik. Vielmehr waren sie klassische Kolonialkriege und somit mit Kolonialkriegen anderer Mächte vergleichbar. Zu erwähnen wären hier z.B. Italiens gescheiterter Eroberungskrieg gegen Äthiopien 1895/96 und v.a. die beiden Burenkriege der Briten 1880/81 und 1899-1902. Gerade im letzteren wurde unter General Lord Kitchener eine Politik der verbrannten Erde praktiziert und in Konzentrationslagern 120.000 Buren (v.a. Frauen und Kinder) interniert, von denen über 26.000 Menschen starben. Die fünf Achanti-Kriege Englands im heutigen Ghana zwischen 1824-1901 oder die blutige Niederschlagung des Mahdi-Aufstandes im Sudan bis 1899 lassen sich in diesem Zusammenhang ebenfalls anführen. Und selbst noch 1952-1961 wurden im Unabhängigkeitskampf Kenias (Mau-Mau-Aufstand) von britischen Einheiten rund 90.000 Einheimische hingerichtet, gefoltert oder verstümmelt.

Dennoch waren die Kriege gegenüber den Hereros und Namas aus heutiger Sicht natürlich ein Verbrechen, wobei hier aber in erster Linie die mehr als unrühmliche Rolle General von Trothas als Hauptverantwortlicher zu beachten ist. Von einem von der deutschen politischen Führung bewusst geplanten und herbeigeführten Vernichtungsfeldzug kann nicht die Rede sein. Auf deutscher Seite sind rund 800 im Kampf gefallene und 700 an Typhus oder anderen Krankheiten verstorbene Soldaten zu verzeichnen. Rund 585 Mio. Reichsmark betrug der finanzielle Aufwand für das Deutsche Reich. Nach den Kriegen besaß die deutsche Reichsregierung sechs Siebtel des gesamten nutzbaren Landes (v.a. für die Viehzucht), das zuvor den Hereros und Namas gehört hatte. Für die Eingeborenen, die nun auf den Farmen der Weißen oder in den Bergwerken arbeiteten, wurde eine Passpflicht eingeführt, was eine absolute Kontrolle über sie ermöglichte.

Beim Ausbruch des 1. Weltkriegs lag in Deutsch-Südwest noch kein fertiger Mobilmachungsplan vor, vielmehr wurden die deutschen Militärs dort von den Ereignissen völlig überrascht. Die Lage der deutschen Truppen und der Kolonie war insgesamt mehr als prekär. Im Süden und Osten von britischem Territorium umschlossen, zur See von englischen Kriegsschiffen blockiert, beschlagnahmte nun auch noch unter englischem Druck das eigentlich neutrale portugiesische Angola alle für Südwestafrika bestimmten Lebensmitteltransporte. Zudem wurden mehrere 1.000 Mann portugiesischer Truppen nach Süden in Marsch gesetzt. Am 20. März 1915 musste die Schutztruppe den Süden und am 7. April die Mitte sowie Windhoek räumen. Mit 35.000 Mann marschierten anschließend die Südafrikaner nach Norden. Die somit zwangsläufige deutsche Kapitulation erfolgte dann am 9. Juli 1915 in der Nähe von Otavi. Die aktiven Offiziere (204) und Soldaten (3497) wurden in ein Lager bei Aus interniert. Die 1915 in einem zeitgenössischen Erdkundebuch geäußerte Einschätzung über Deutsch-Südwestafrika: „Jedem deutschen Herzen ist das die teuerste unter allen unseren Kolonien. Nicht als ob sie wertvoller wäre als andere. Aber dieses Stück afrikanischer Erde hat das Blut unserer tapferen Reiter getrunken und wird uns daher immer kostbar bleiben“ war schon im selben Jahr obsolet.