DIE GIUK-LÜCKE

Strategische Bedeutung damals und heute


Das Meeresgebiet im Nordatlantik von der Nordspitze Großbritanniens über die Orkney- und Shettland-Inseln sowie die Färöer bis nach Island und zur Südostspitze Grönlands wird als sogenannte Greenland-Iceland-UK-Lücke (GIUK-Gap) bezeichnet. Einheiten der sowjet-russischen Nordflotte mussten diese „Lücke“ im Kalten Krieg passieren, wenn sie von der Norwegischen See in den Atlantik weiter vordringen wollten. Dieser Bereich zählte im Verlauf des Kalten Krieges zu einem der Dreh- und Angelpunkte der U-Boot-Abwehr der NATO gegen russische Einheiten, die diese Passage durchqueren mussten, wenn sie die Nachschubrouten zwischen den USA und Kanada einerseits und Europa andererseits, hätten unterbrechen wollen. Umgekehrt markierte die Linie einen Zugang des Nordatlantiks in das Europäische Nordmeer und war damit für die damalige sowjetische Flotte zum Schutz insbesondere ihrer U-Boot-Stützpunkte auf der Kola-Halbinsel von hoher Bedeutung.


In den letzten Jahren hat sich die russische U-Boot-Präsenz insbesondere auch im Nordatlantik deutlich erhöht. Nicht zuletzt im Zuge der russischen Annexion der Krim 2014 und der Unterstützung der pro-russischen Rebellen in der Ostukraine durch Moskau sind die Spannungen zwischen Russland und dem Westen erheblich eskaliert. Der russische Präsident Wladimir Putin sucht etwa auch durch die militärische Unterstützung des syrischen Regimes von Präsident Baschar al-Assad im Nahen und Mittleren Osten an Einfluss zu gewinnen und sein Land schrittweise wieder an alte imperiale Größe heranzuführen.

Auch heute haben westliche Militärplaner die sogenannte GIUK-Lücke als eine gedachte Sperrlinie zwischen Grönland, Island und dem Nordende des Vereinigten Königreichs im Blick, doch ihre Relevanz ist nicht mehr so hoch wie früher, bleibt aber weiter eine sensible Zone.

Aus russischer Perspektive ist die GIUK-Lücke dennoch entscheidend, weil die NATO im Konfliktfall wohl in der Lage wäre, die Ostsee- und die Scharzmeerflotten Russlands am Auslaufen in den Atlantik zu hindern.

Moderne russische U-Boot-Kräfte wären heute mehr denn je - mehr oder weniger unbemerkt - in der Lage, bis in die Nähe der Ostküste Amerikas vorzustoßen. Gegenüber der Sowjetära hat Russland heute eine deutlich kleinere Flotte, dafür aber technologisch hochwertige Einheiten.  

Die erhöhte russische militärische Präsenz in der Arktis hat nicht zuletzt auch in Norwegen die Alarmglocken schrillen lassen. So weist etwa der „Independent Barents Observer“ darauf hin, dass Russland auf seiner arktischen Marinebasis Olenja Guba nördlich von Murmansk den Ausbau von U-Booten und Spezialschiffen für Tiefseespionage vorantreibe. Die Basis gehört zum sogenannten Direktorat für Tiefseeforschung - einer dem russischen Generalstab unterstellten Verwaltungseinheit.


Nunmehr hat auch Norwegen in der Arktis seine militärischen Kräfte verstärkt und die maritime Überwachung „Barents Watch“ seit 2012 gestartet. Ein großer Teil der norwegischen Luftstreitkräfte und der modernen Fregatten sind heute im Norden des Landes stationiert, während Oslo weiter versucht, die eigenen militärischen Kapazitäten zu erhöhen. Dazu zählt unter anderem der Kauf von 48 F-35 Lightning II Tarnkappen-Mehrzweckkampfflugzeugen. Das norwegische Verteidigungsministerium gab zudem bekannt, dass das Land über die nächsten 20 Jahre 22 Milliarden US-Dollar für neue Jets, neue Marinepatrouillenflieger, neue U-Boote, Luftverteidigungssysteme sowie für neue Kapazitäten von Landstreitkräften und für vermehrte Aufklärungskapazitäten, bereitstellen möchte.[1]

Norwegen setzt nun wieder vermehrt auf einen Wiederaufbau der eigenen Verteidigungskapazitäten sowohl unilateral wie in Kooperation mit der NATO. Die Wiederbelebung der nationalen Verteidigung fand schon vor der Ukraine-Krise 2014 statt, hat sich aber seither deutlich gesteigert. Norwegen hat mittlerweile mit anderen nordischen Anrainerländern die nordische Verteidigungskooperation sowohl innerhalb der NATO wie auch außerhalb verstärkt. Unter anderem norwegische Kräfte bewachen jene Passage zwischen der Arktis und dem Nordatlantik, wo sich die transatlantischen Tiefsee-Datenkabel befinden, welche einen großen Teil der Kommunikation zwischen Nordamerika und Europa gewährleisten. In den verteidigungspolitischen Überlegungen geht es nicht nur um die Möglichkeit, dass moderne, leise operierende strategische russische U-Boote etwa der Delta IV-Klasse in Positionen gelangen, von wo sie Nordamerika mit Marschflugkörpern erreichen könnten. Ebenso befürchtet man Angriffe auf eben diese Tiefseekabel des Westens durch eingedrungene russische Einheiten. Zuzdem seien Schiffe der russischen Marine für spezielle Spionagemissionen im Einsatz, wie etwa die von Russland offiziell als Rettungsfahrzeug deklarierte Plattform „Jantar“, meinen westliche Sicherheitsexperten.

Eine erhöhte Einsatzbereitschaft sei in jedem Fall nunmehr eine strategische Notwendigkeit, betont das NATO-Bündnis.


„Flugzeugträger Island“ erneut im Fokus

Schon zu Zeiten der Ost-West-Konfrontation wurde Island aus westlicher militärstrategischer Sicht als „Flugzeugträger, der nicht sinken kann“ angesehen. Island liegt im Nordatlantik, ca. auf halbem Weg zwischen dem Nordkap und der Ostküste Kanada. Bis 2006 hatten die USA auf Island über Jahrzehnte eine Militärbasis, die dann geschlossen wurde. Die US-Navy, die von 1951 bis 2006 die Keflavík Air Base als Naval Air Station Keflavik (NASKEF) unterhielt, verkündete nach der Annexion der Krim durch Moskau 2014, umfangreiche Modernisierungsmaßnahmen der Anlagen, um je nach aktueller Maßgabe Seefernaufklärer des Typs Boeing P-8 „Poseidon“ stationieren zu können. Eine dauerhafte Stationierung von amerkanischen Militärjets ist vorerst nicht angedacht. Die für Übungen oder aktive Einsätze in Nordeuropa benötigten Flugzeuge sollen vielmehr vom US-Stützpunkt Sigonella auf Sizilien nach Keflavík beordert werden.

Vor dem Hintergrund der Bedeutung elektronischer Informationsvermittlung in der modernen vernetzten Gesellschaft rückt Island aus westlicher Sicht zur Überwachung des Nordatlantiks wieder verstärkt in den Fokus.

Während sich die Herausforderungen heute vertraut anfühlen, bedeuten die sich rasch ausweitenden Fähigkeiten zu Schlägen mit Kampfmitteln von hoher Reichweite, dass russische U-Boote die Lücke nicht mehr durchfahren müssen, um das europäische militärische Gleichgewicht dramatisch zu beeinflussen. Vielmehr können sie von der relativen Sicherheit der Bastionen in der Norwegischen See und der Barentssee aus operieren und Ziele in ganz Nord- und Mitteleuropa angreifen. Das primäre Ziel russischer Angriffs-U-Boote ist die Unterbindung amerikanischer Verstärkung am europäischen Kampfschauplatz. Russische seegestützte Marschflugkörper von hoher Reichweite sind in der Lage, die Hafeninfrastrukturen etwa in Belgien, den Niederlanden oder in Deutschland zu zerstören.

Die signifikant gestiegenen russischen Fähigkeiten und Kapazitäten, um weit entfernte Ziele zu treffen, verringern daher die Bedeutung der GIUK-Lücke. Die USA und die NATO müssen deshalb ihr Augenmerk auf mobile seegestützte Systeme zur U-Boot-Abwehr richten, um in den arktischen Gewässern erfolgreich wirken zu können. Entscheidende Hilfswerkzeuge dazu sind Unterwasser-, Überwasser-Drohnen, Überwachungsdrohnen im Luftraum und akustische Systeme.[2]

Deutschland und Norwegen etwa haben im August 2017 ein formelles Abkommen unterzeichnet, um eine strategische Zusammenarbeit langfristig auf dem Gebiet der maritimen Verteidigung - beginnend mit neuen U-Booten und Anti-Schiff-Flugkörpern - anzustoßen. Die Übereinkunft der beiden Staaten sieht auch die Kooperation auf dem Gebiet unbemannter Unterwasserfahrzeuge zur Minenabwehr vor.[3]


Modernste westliche Systeme zur U-Boot-Bekämpfung

Durch verstärkte Stealth-Technologie wird die akustische und thermische Signatur moderner U-Boote weiter reduziert, was deren Erkennung und Neutralisierung noch schwieriger macht. Die U-Boot-Bekämpfung erfordert die Integration mehrerer Elemente: nämlich der Plattform zur Anti-Boot-Kriegsführung, der Sensoren zur Erfassung und Verfolgung des Ziels und der Waffen zur Zerstörung. Da die U-Boot-Flotten und ihre Fähigkeiten weltweit ständig größer werden, nehmen auch die verschiedenen Maßnahmen und Möglichkeiten zu, die ihnen entgegenwirken sollen. Solche Plattformen zur U-Boot-Bekämpfung gibt es in vielen Varianten und Größen. Dazu zählen bemannte Überwasserschiffe, Jagd-U-Boote, spezielle Flugzeuge wie die amerikanische Boeing A P-8 POSEIDON, der Airbus/CASA C-295 bzw. C-295MPA PERSUADER oder Marinehubschrauber wie der amerikanische Sikorsky MH-60R SEAHAWK. Dazu gehören aber auch immer mehr unbemannte Systeme.

Die meisten Mehrzweck-Kriegsschiffe der verschiedensten nationalen Marineeinheiten sind für die Durchführung von Aufgaben zur U-Boot-Bekämpfung im Rahmen ihres Einsatzspektrums ausgerüstet. Angesichts ernsthafter bestehender oder sich entwickelnder Bedrohungen setzen einige Nationen speziell für die U-Boot-Kriegsführung optimierte Schiffe ein. Die Erfahrung hat gezeigt, dass Spezialschiffe ihre Hauptaufgabe besser erfüllen als Mehrzweck-Plattformen.

Die in den 1980er-Jahren entwickelten britischen Type 23-Fregatten galten weithin als die weltweit führenden Überwassereinheiten zur U-Boot-Bekämpfung jener Zeit. Sie wurden entwickelt, um der sowjetischen U-Boot-Herausforderung im Nordatlantik zu begegnen. Mit den heute wieder zunehmenden U-Boot-Aktivitäten Russlands in diesem Raum lanciert die Royal Navy ihre neuen Type-26-Fregatten als Nachfolgemodell. Die britische Regierung hat acht dieser neuen Fregatten bestellt. Sie sollen das Rückgrat der künftigen britischen Anti-U-Boot-Kapazitäten darstellen.

Die U-Boote der Klasse 212 A sind die modernsten U-Boote der deutschen und der italienischen Marine. Sie sind weltweit die ersten außenluftunabhängigen U-Boote, deren Antriebssystem bei Tauchgängen auf Brennstoffzellen basiert.

Die US-Navy plant eine neue Generation von nukleargetriebenen Angriffs-U-Booten SSN(X) mit ausgeprägten Kapazitäten zur feindlichen U-Boot-Bekämpfung. Die US-Navy testet derzeit das unbemannte Überwasser-Drohnenschiff SEA HUNTER für eine Vielzahl von Einsatzmöglichkeiten.[4]

Ein weiteres Beispiel für solche unbemannte Mehrzweck-Überwasserfahrzeuge ist die 12 Meter lange SEAGULL des israelischen Rüstungskonzerns Elbit.

Auf dem Gebiet modernster Torpedos sticht vor allem auch die italienische BLACK SHARK und die A224 Mod 3 heraus.


Der US-Kongress ist im Rahmen des Defence Authorisation Act 2018 bestrebt, die Flotte der US-Navy von ihren bestehenden 276 Schiffen auf ein Endziel von 355 Einheiten zu erweitern. Flottenzahlen werden oft für politische Ränkespiele verwendet, aber die Gründe für die Vergrößerung der Flotte sind vielfältig und machen nur im „Wettbewerb der Großmächte“ einen kleinen Teil aus. Das Programm FFG(X) bildet dabei keine Ausnahme. Das FFG(X)-Programm ist das Ergebnis intensiver analytischer Studien der 2014 Small Surface Combatant Task Force (SSCTF) und des 2017 Frigate Requirements Evaluation Team (FFG RET).

Die FFG(X) wird eine Mehrzweck-Plattform sein, die in der Lage ist, in umkämpften Gewässern erfolgreich zu operieren - sowohl einzeln als auch im Rahmen eines Kampfverbandes. Zudem muss die FFG(X) ausreichende Kapazitäten zur Luftabwehr, zur U-Boot-Bekämpfung, zur elektronischen Kriegsführung und zur Aufklärung besitzen.[5]


Auch wenn die GIUK-Lücke heute nicht mehr diese Brisanz wie in der Ära des Kalten Krieges aufweist, bleibt diese Region insbesondere gegenüber erhöhter russischer Präsenz vor Ort im Blickfeld der NATO. Der Westen ist angesichts veränderter militärtechnologischer Kapazitäten sowohl in offensiver wie defensiver Hinsicht einmal mehr gefordert, sich den neuen Rahmenbedingungen anzupassen.


Abgeschlossen: Anfang Juli 2020




Anmerkungen:

[1] Stephen Blank. „NORWAY’S DEFENCE REVIVAL“. In: European Security & Defence 11/2017, S. 10-14.

[2] Siehe dazu etwa: Andrew Metrick, „(UN)MIND THE GAP“. Naval Institute Proceedings 10/2019, S. 30-34.

[3] Richard Scott, „ASSEMBLING THE TOOLKIT: EUROPE’S NAVIES PLAN THEIR ROUTES TO OFFBOARD MCM“. In: Jane’s Navy International 11/2017, S. 20-25.

[4] Sidney E. Dean, „ANTI-SUBMARINE WARFARE SYSTEMS AND DEVELOPMENTS“. In: European Security & Defence 2/2019, S. 50-55.

[5] Joetey Attariwala, „KEEPING THE PACE - The US Navy FFG(X) Programme“. In: Naval Forces 1/2019, S. 59-62.


Weiterführende LINKS:

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