Indien und China - Teil 1

Konkurrenten in der Neuen Weltordnung

Heinz Nissel

Um 2030 werden die VR China, dann die USA und (mit Abstand) Indien an dritter Position die führenden Mächte im globalen geostrategischen Spannungsfeld sein. Das Verhältnis China/Indien ist von tiefem Misstrauen geprägt aufgrund der jeweiligen Überzeugung kultureller Einzigartigkeit und eines daraus abgeleiteten Anspruchs auf eine „natürliche Führungsrolle“ in der Welt. Sie befinden sich realpolitisch in einem labilen Gleichgewicht von Rivalität und Partnerschaft, das interne, regionale und globale Ursachen wie Wirkungen zeigt. Dieser Beitrag versucht eine Annäherung an dieses vielschichtige, schwierige und gleichermaßen spannende Verhältnis anhand wichtiger Leitfragen.

Die geopolitische Weltlage war nach dem II. Weltkrieg klar, es herrschte Bipolarität zwischen den Supermächten USA und UdSSR sowie deren Verbündeten. Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1990/91 war dann auch mit der siegreichen Pax Americana nicht das „Ende der Geschichte“ erreicht. Aus der vom Westen lange vernachlässigten „Dritten Welt“ erwuchsen Schwellenländer mit eigenen Ansprüchen. Die zwei größten und wichtigsten dieser Staaten - China und
Indien - sind heute führende Exponenten der Neuen Weltordnung. Beide als Jahrtausende alte Hochkulturen, die nach dem II. Weltkrieg zuerst ihre politische Neugründung erreichten und im 21. Jahrhundert, dem „Asiatischen“, sich anschicken, in einer multipolaren Welt dominante Positionen einzunehmen. Während der v.a. wirtschaftliche Aufstieg Chinas international längst Begehrlichkeiten wie Ängste weckt, erreicht Indien (zumindest im deutschsprachigen Raum) erst im letzten Jahrzehnt zunehmende Aufmerksamkeit. Deshalb wird in diesem Beitrag verstärkt der indischen Seite Raum gegeben. Die beiden in etwa gleich großen Bevölkerungsgiganten umfassen gemeinsam nahezu 2,8 Milliarden Menschen oder 36% der Weltbevölkerung. Schon alleine wegen dieser demographischen Größenordnung führt an der Auseinandersetzung mit ihnen kein Weg vorbei. Damit einher geht ihr ständig wachsender Einfluss in der Weltwirtschaft, in der militärischen Aufrüstung bis hin zum Wettstreit im All wie ihr weiterhin zunehmendes Gewicht in internationalen Gremien und generell im globalen geostrategischen Kräftespiel. Diese beiden politischen Akteure verbindet aber nicht nur ihr zunehmendes globales Gewicht, sondern auch ihre geographische Nachbarschaft, ihre ökonomische wie politische Konkurrenz, gegenseitige Beobachtung und Einschätzung des jeweiligen Status und möglicher Entwicklungen. Die chinesisch-indischen Beziehungen sind vielschichtig, kompliziert und polygonal, nicht zuletzt aufgrund der jeweils antizipierten kulturellen Überlegenheit der eigenen Geschichte von tiefem Misstrauen geprägt. Deshalb befinden sie sich auch in einem labilen Gleichgewicht zwischen Rivalität und Partnerschaft. Dies hat interne, regionale und globale Ursachen wie Auswirkungen, die am ehesten als grundsätzliche Konkurrenz zu begreifen sind. Als Konkurrenten pflegen sie einerseits Formen der Kooperation (z.B. Handelsbeziehungen, Gremienarbeit in internationalen Foren) - andererseits sind sie in ungelöste Konflikte involviert (z.B. bilaterale Grenzstreitigkeiten, Wettlauf im Indischen Ozean), die im Extremfall in einen Krieg münden könnten.

Als wahrscheinlichere Annahme können wir aber, zumindest in einer mittelfristigen Perspektive, innerhalb einer multipolaren Welt von einer Form der friedlichen Koexistenz zwischen China und Indien ausgehen, solange die Vorteile einer solchen Konstellation für beide Nationen gegeben scheinen. Längerfristig ist heute nicht auszuloten, in welchem Ausmaß ihre grundsätzliche Verschiedenheit - in Geschichte und Kultur, Mentalität, politischem System, geopolitischen Ambitionen, Ressourcensicherung usw. - zu konsens- oder konfliktorientierten Lösungen führen wird. Während die South Asian Association for Regional Cooperation (SAARC) der Staaten Südasiens durch den Dauerkonflikt Indien-Pakistan praktisch tot ist, versucht Indien seit 2016 die östlichen Nachbarn stärker einzubinden durch eine Wiederbelebung von BIMSTEC (Bay of Bengal Initiative for Multi-Sectoral Technical and Economic Cooperation). Wie erwähnt arbeitet Indien gemeinsam mit Japan daran, dem chinesischen Einfluss in den Inselstaaten des Indischen Ozeans mit einer wirtschaftlichen Gegenoffensive zu begegnen, dem Asia-Africa Growth Corridor (AAGC). Neue militärische Kooperationsverträge sind mit den Malediven, Seychellen, Mauritius und Komoren ausverhandelt. Bestehende Formate, die zu verstärkter Sicherheit führen sollen - wie die Indian Ocean Rim Association (IORA) oder das Indian Ocean Naval Symposium (IONS) bleiben bisher ohne Wirkung. Die zunehmende geopolitische Rivalität im Indischen Ozean, v.a. zwischen den großen Akteuren China-Indien-USA ist offensichtlich, ebenso wie die sich parallel entwickelnde Konfrontation im Indo-Pazifischen Bereich. In einem zweiten Beitrag wird der Aufstieg Indiens präzisiert mit Abschnitten zur Entwicklung des Militärs, der atomaren Rüstung, zum Wettlauf im All, dem ökonomischen Aufschwung sowie Messungen und Prognosen des Machtpotenzials.