Der Archetypus hybrider Kriegführung

Hybride Kriegführung vs. militärisch zentrierte Kriegführung

Johann Schmid

Krieg ist stets hybrid geprägt und alles andere als eine rein oder primär militärische Angelegenheit. Krieg ist grundsätzlich von einer Vielzahl unterschiedlicher Dimensionen und Elemente durchdrungen.

Die Theorie hybrider Kriegführung umfasst folgende Punkte:

Erstens: Krieg - so vermitteln es bereits die Klassiker - ist grundsätzlich hybrid. Darüber hinaus lässt sich jedoch eine spezifisch hybride Art der Kriegführung identifizieren also eine hybride Kriegführung im engeren Sinne. Diese ist historisch nicht neu. Ihre Erscheinungsformen unterliegen jedoch einem steten Wandel und bieten in besonderem Maße Raum für kreative Gestaltung.

Zweitens: Diese Ausgangsthese bedingt eine Abgrenzung gegen die Art von Kriegführung, die im Umkehrschluss als „spezifisch nicht-hybrid“ bezeichnet werden kann. Denn nur bei Vorhandensein eines entsprechenden Gegenstücks ist die Konzeptualisierung einer spezifisch hybriden Art der Kriegführung sinnvoll möglich.

Drittens: Das Gegenstück zu hybrider Kriegführung ist in „militärisch zentrierter Kriegführung“ zu sehen, also in der Art von Kriegführung, deren Gravitationszentrum auf eine militärische Kriegs-/Konfliktentscheidung ausgerichtet ist, d.h. bei der primär mit militärischen Mitteln und Methoden um eine militärische Kriegsentscheidung gekämpft wird. Der Falklandkrieg (1982) ist ein idealtypisches Beispiel hierfür.

Viertens: Auch im Rahmen militärisch zentrierter Kriegführung kann das gesamte Spektrum nicht-militärischer Dimensionen und Machtfaktoren - u.a. politischer, gesellschaftlicher, wirtschaftlicher oder kultureller Art - zum Tragen kommen, jedoch primär in unterstützender Funktion oder als Rahmenbedingung einer militärischen Gesamtentscheidung, nicht jedoch als eigenständige Gravitationszentren.

Fünftens: Der zentrale Unterschied ist hierbei in der Art des Zusammenspiels der verschiedenen Faktoren zu sehen: Zum einen hierarchische Fokussierung auf eine militärische Gesamtentscheidung im Falle militärisch zentrierter Kriegführung. Zum anderen dynamisches, nicht-hierarchisches Zusammenspiel bei flexibler Ausrichtung der Kriegs-/Konfliktentscheidung auf wechselnde oder multiple nicht-militärische Gravitationszentren im Rahmen hybrider Kriegführung.

Sechstens: Im ersten Fall ist eine „Übersetzung“ der Wirkung nicht-militärischer Einflussfaktoren auf eine militärische Gesamtentscheidung erforderlich. Bei hybrider Kriegführung ist dies nicht der Fall. Hier werden nicht-militärische Domänen und Dimensionen selbst zu Gravitationszentren der Entscheidung und militärisches Handeln zum unterstützenden Element einer Gesamtentscheidung auf nicht militärischem Feld.

Siebtens: Die Reinform militärisch zentrierter Kriegführung ist in jüngster Vergangenheit eher selten geworden. Der erste Golfkrieg (1991) zur Rückeroberung Kuwaits aus den Händen Saddam Husseins stellt neben dem Falklandkrieg (1982) ein weiteres idealtypisches Beispiel hierfür dar. Trotzdem, bedingt insbesondere durch die Langfristprägung der Weltkriege, ist das Vorstellungsvermögen und Denken über Krieg auch heute noch in hohem Maße gerade in dieser Art der Kriegführung befangen. Diese Befangenheit erschwert gleichzeitig ein Verstehen der spezifischen Logik und Muster hybrider Formen und Strategien der Kriegführung. Eine Kontrastierung mit „militärisch zentrierter Kriegführung“ ist daher in besonderem Maße geeignet deutlich zu machen, was hybride Kriegführung im engeren Sinne nicht ist.

Achtens: Ein archetypisches Beispiel für hybride Kriegführung im engeren Sinne liefert das Vorgehen der Nordvietnamesen und des Vietcong im Rahmen des Zweiten Indochinakrieges (ca. 1964-1975). Zentrales Wesensmerkmal, das gleichzeitig zum Dreh- und Angelpunkt der amerikanischen Niederlage in Vietnam wurde, ist hierbei der evolutionäre und strategische Transformationsprozess, mit dem es den Vietnamesen in einer Art „cross-domain-operation“ gelang, das Gravitationszentrum der angestrebten Kriegs-/Konfliktentscheidung vom Dschungel und den Reisfeldern Vietnams auf ein nicht-militärisches Feld zu verlagern, bei dem eigene Stärke auf gegnerische Schwäche treffen konnte: die amerikanische Heimatfront! Psychologie, Moral und das Legitimitätsbewusstsein der amerikanischen Bevölkerung wie auch der internationalen Öffentlichkeit entwickelten sich so zu Gravitationszentren der Kriegsentscheidung. Ein militärischer Sieg war für die Vietnamesen vor diesem Hintergrund gar nicht erforderlich um den Krieg insgesamt zu gewinnen. Militärisch kam es darauf an, den USA ihrerseits einen militärischen Sieg zu verwehren um damit Zeit für eine Entscheidung auf diesem - nicht militärischen - Feld zu gewinnen. Dass dazu angesichts der vielfachen militärischen Überlegenheit der USA seitens der Vietnamesen eine annähernd totale Kriegführung erforderlich war, gehört zu den Paradoxien dieser tragischen Ereignisse.