Neue Zukunft für alte Imperien?

Christian Hütterer

Als europäische Seefahrer die Welt entdeckten und in aller Welt Kolonien gründeten, brachten sie auch ihre Sprachen in diese Regionen. Der Zerfall der Kolonialreiche änderte daran vergleichsweise wenig, denn in vielen der unabhängig gewordenen Staaten blieben die Sprachen der früheren europäischen Herrscher auch nach deren Abzug weiterhin in Verwendung. Im vorliegenden Artikel soll anhand der französischen und portugiesischen Sprache der Frage nachgegangen werden, welche Folgen dieses weltumspannende linguistische Erbe bis heute hat. Die auf diesen beiden Sprachen beruhenden Organisationen der Frankophonie und der Lusophonie bilden den globalen Rahmen für Zusammenarbeit auf unterschiedlichen Gebieten. In den ersten Jahren nach deren Gründung stand die kulturelle Kooperation im Mittelpunkt, im Lauf der Zeit haben sich ihre Tätigkeitsfelder aber erheblich verbreitert und umfassen mittlerweile auch sicherheitspolitische Themen.

Im ersten Abschnitt des Artikels werden das Entstehen und der Zerfall der französischen und portugiesischen Kolonialreiche in ihren Grundzügen dargestellt. Darauf folgt eine Beschreibung der Gründung und Entwicklung der beiden weltumspannenden sprachlichen Organisationen. Im Anschluss werden sicherheitspolitische Themen betrachtet, nämlich die Frage, welche Rolle die Frankophonie und Lusophonie bei konfliktverhütenden oder friedenserhaltenden Maßnahmen spielen. Zudem soll dargestellt werden, ob Frankreich und Portugal die beiden Organisationen nutzen, um im Sinne der soft power ihren internationalen Einfluss auszuweiten. Am Ende des Artikels soll eine Gegenüberstellung der beiden Organisationen zeigen, welchen Beitrag sprachlich-kulturell begründete Organisationen zur internationalen Sicherheit leisten können.

Sowohl die Organisation internationale de la Francophonie (OIF) wie auch die Gemeinschaft der portugiesischsprachigen Länder (Comunidade dos Países de Língua Portuguesa - CPLP) wurden auf einer linguistischen Grundlage aufgebaut, und die gemeinsame Sprache ihrer Mitglieder gibt jenen Ländern, aus denen die jeweilige Sprache ursprünglich stammt, eine besondere Rolle im Gefüge der Organisation. Die Resultate sind jedoch unterschiedlich, denn während die Großmacht Frankreich seine unumstrittene und zentrale Position in der Frankophonie nutzt, ist es für das weitaus kleinere Portugal, das mit Brasilien einen großen Konkurrenten innerhalb der Organisation hat, schwieriger, den größtmöglichen Gewinn aus seiner zentralen Rolle in der Lusophonie zu ziehen.

Sowohl Frankophonie wie auch Lusophonie sind in Afrika sehr präsent und verankert, wie sich aber die Rolle der beiden Staaten und ehemaligen Kolonialmächte auf diesem Kontinent entwickeln wird, ist derzeit schwer abzusehen. Zum einen hat die Afrikanische Union bei ihrem Gipfeltreffen im Jahr 2019 in Niamey beschlossen, die Zusammenarbeit der afrikanischen Staaten in unterschiedlichen Bereichen - auch der Sicherheitspolitik - auszubauen und zu intensivieren. Sollte dies gelingen, so wäre eine geringere Notwendigkeit zur Einbindung außereuropäischer Kräfte in Afrika die Folge. Zum anderen haben Frankreich und Belgien bei Missionen im Sahel bzw. in der Region der Großen Seen versucht, die Europäische Union bzw. deren Mitgliedstaaten einzubinden, was wiederum einen Bedeutungsverlust für die Frankophonie mit sich brachte. Schließlich bleibt auch abzuwarten, welche Auswirkungen der wachsende chinesische Einfluss in Afrika auf die OIF und die CPLP haben wird. Die aus der Kolonialherrschaft entstandenen sprachlich-kulturell begründeten Organisationen stehen also vor mehreren Herausforderungen. Es wird sich zeigen, ob Sprache und Kultur stark genug sind, die bestehenden Verbindungen überdauern zu lassen.