Sicherheitspolitik hinter Klostermauern

Die „Himmeroder Denkschrift“ 1950 als Geburtsurkunde der Deutschen Bundeswehr

Frank Heinz Bauer

Im Oktober 1950 trafen sich unter strengster Geheimhaltung 15 ehemalige hochrangige Offiziere der Wehrmacht im Kloster Himmerod in der Eifel. Im Auftrag des ersten Bundeskanzlers und mit Genehmigung der westlichen Besatzungsmächte sollte das Expertenteam unter Leitung des ehemaligen Generalobersten Heinrich von Vietinghoff Voraussetzungen und Realisierungsoptionen für einen sich im Zuge des Kalten Krieges abzeichnenden Wehrbeitrag der gerade erst gegründeten Bundesrepublik erarbeiten. Der gewählte Ansatz war ganzheitlich, denn während sich die operativen Planungen betreffend die Anzahl und Gliederung der Verbände, Dislozierung weitgehend im Denkrahmen bereits erstellter Denkschriften bewegte, erarbeitete die Expertengruppe das Junktim von Wehrbeitrag und politischer Gleichberechtigung im Zuge der Westintegration. Außerdem wurde mit den ersten Überlegungen für das Konzept der Inneren Führung begonnen. Mit der Idee des Staatsbürgers in Uniform und den Überlegungen zur Rolle von Streitkräften im pluralistischen Staat wurde Neuland betreten. Dass mit der erstmaligen Diskussion in Himmerod die Kontroverse um die Ausgestaltung der Inneren Führung noch nicht zu Ende sein konnte, wird deutlich gemacht. Dass letztlich zehn der Tagungsteilnehmer in höchste Verwendungen der Deutschen Bundeswehr und der NATO aufsteigen sollten, belegt indirekt ebenfalls den Stellenwert der Tagung. Hingegen zeigen die zeitlichen Vorstellungen des Expertengremiums, das ein halbes Jahr nach seiner Tagung bereits mit der Aufstellung erster westdeutscher Verbände rechnete, ebenso wie die an den Tag gelegte Unterschätzung der breiten innen- und außenpolitischen Ablehnungsfront gegen einen Wehrbeitrag der Bundesrepublik die Grenzen der Himmeroder Denkschrift. Nichtsdestotrotz stimmt der Verfasser nach einer synoptischen Gesamtwürdigung aus heutiger Sicht Hans-Jürgen Rautenberg zu, der Mitte der 1970er Jahre in dem hinter Klostermauern verfassten Dokument die ,,Magna Charta“ der Deutschen Bundeswehr gesehen hat.

Innovative Elemente wie die Einbeziehung der Gewerkschaften und der Opposition, sowie die Herstellung der Öffentlichkeit im Vorfeld der Truppenaufstellung weisen auf eine neue Sicht auf die Rolle der Streitkräfte in der pluralistisch verfassten Demokratie hin. Diese sollten bewusst als Gegenbild zur Rolle der Wehrmacht im „Dritten Reich“ und deren Verstrickung in die nationalsozialistischen Verbrechen verstanden werden. Wie stark der Bruch mit der Vergangenheit tatsächlich sein sollte, blieb jedoch im Rahmen der Denkschrift noch offen und zwischen Traditionalisten und Reformern umkämpft. Langfristig wegweisend und modern erscheint der während der Tagung entwickelte und über den Nationalstaat herausgehende multinationale Organisationsrahmen, der v.a. für die Luftwaffenanteile und die bodengestützte Luftverteidigung gelten sollte. Durch die Konzeption der Inneren Führung und dem damit verbundenen Leitbild des Staatsbürgers in Uniform wurde jedoch in Himmerod gedanklich tatsächlich Neuland betreten. Hier wurde ein Fundament geschaffen, das sich in der Truppenpraxis seit mehr als sechs Jahrzehnten und grundsätzlich gewandelten sicherheitspolitischen Parametern immer noch als dynamisch und entwicklungsfähig erweist. Nach dem Rücktritt des Grafen Schwerin und der Auflösung der „Zentrale für Heimatdienst“ unmittelbar im Anschluss an die Zusammenziehung des Studienausschusses gründete der spätere erste Bundesminister für Verteidigung, Theodor Blank, eine neue Dienststelle. Das Amt trug die kryptische Bezeichnung einer „Dienststelle des Beauftragten des Bundeskanzlers für die mit der Vermehrung der alliierten Truppen zusammenhängenden Fragen“. Blank verfügte allerdings bereits Ende November 1950 nach lediglich fünf Informationsrundschreiben an die Teilnehmer der Tagung die Auflösung des in Himmerod entgegen der ursprünglichen Absicht lediglich einmalig zusammengetretenen Expertenausschusses. Mit den Generälen Dr. Speidel und Heusinger übernahm der Behördenleiter jedoch genau das Schlüsselpersonal der Tagung als Berater, das vom Bundeskanzler ganz besonders geschätzt wurde. Insgesamt sieben der 15 Tagungsteilnehmer erreichten höchste Dienststellungen in der späteren Bundeswehr und prägten damit die Führungskultur und das Selbstverständnis der Truppe. Mit den Grafen Kielmannsegg und Baudissin gestalteten zwei weitere „Himmeroder“ als Zivilangestellte der Dienststelle Blank bereits seit 1951 das Konzept der Inneren Führung. Nachhaltig unterstützt wurden die beiden Offiziere hierbei durch den späteren Generalinspekteur de Maizière. Dieser hatte sich in seiner Letztverwendung als Erster Generalstabsoffizier in der Operationsabteilung des Heeres seit Februar 1945 bei seinen Lagevorträgen im Hauptquartier der Wehrmacht durch Stringenz in Gedankenführung und Sprache ausgezeichnet und damit für die neue Aufgabe empfohlen. In insgesamt 39 Sitzungen wurde das Leitbild vor Aufstellung der Bundeswehr kontrovers diskutiert und zur Implementierung in den Truppenalltag konkretisiert.