Waffentechnik aus dem Dreißigjährigen Krieg - Reihe

Schwarzpulver auf Forchtenstein

Franz Felberbauer

Schwarzpulver war für mehrere hundert Jahre das einzige Treibmittel für Geschoße aus Feuerwaffen. Es handelt sich um ein mechanisches Gemenge aus Kalisalpeter, Schwefel und Holzkohle. Ähnliche Mischungen waren in China seit dem 12. Jahrhundert zum Antrieb für Feuerwerke und Raketen bekannt, es findet aber sich kein Nachweis für die Verwendung in Schusswaffen. In Europa schrieb Sir Roger Bacon (1214-1294) Anweisungen zur Herstellung reinen Salpeters und einer explosiven Mischung von Salpeter, Schwefel und Holzkohle. Albertus Magnus (1193-1280) erwähnte bereits die Eigenschaft solcher Mixturen Donner und Blitz zu erzeugen und Raketen anzutreiben. Bei beiden Autoren werden die Schusswaffen, die sich im 13. Jahrhundert entwickelten und im 14. Jahrhundert in allgemeinen Gebrauch kamen, mit keinem Wort erwähnt.

Der syrische Autor Hasan al-Rammah beschreibt etwa um 1285 die Herstellung von Schwarzpulver in seinem Buch über den Reiterkampf und den Einsatz von Kriegsmaschinen (Al-Furusiyya wa al-Manasib al-Harbiyya). Besonders seine Ausführungen zur Reinigung des Kalisalpeters sind von bemerkenswerter Qualität.

Der Dreißigjährige Krieg im 17. Jahrhundert wurde in Europa zu der militärischen Auseinandersetzung, bei der Schusswaffen eine immer größere Rolle zu spielen begannen, also der erste wirkliche „Schwarzpulverkrieg“, in dessen Verlauf die europäischen Truppen jene Fertigkeit in der Handhabung von Schusswaffen gewannen, die sie später die Überlegenheit über die Osmanen erlangen ließ, und dies, obwohl es sich bei den Janitscharen um die erste Berufsarmee der Welt handelte.

Schwarzpulver als Zündmittel wurde Mitte des 19. Jahrhunderts durch chemische Verbindungen („Fulminate“) ähnlich dem Knallquecksilber, und als Treibmittel zu Ende des 19. Jahrhunderts durch rauchlose Pulver auf Basis von Nitrozellulose ersetzt. Als Sprengstoff kamen wesentlich wirksamere Verbindungen des Nitroglyzerins wie Dynamit, TNT, Ekrasit usw. zum Einsatz.

Bereits das Übergabe-Inventar der mittelalterlichen Burg Forchtenstein aus kaiserlichem Besitz an den Grafen Esterházy vom 4. Feber 1622 weist eine „Rüsst Cammer oder Zeugheußl“ auf, welches zwei mittelgroße und drei kleine Geschütze enthielt, dazu kamen 72 Doppelhaken und 15 Musketen. Für diese Feuerwaffen finden sich 10 Pulverflaschen im Zeughaus. Art und Aussehen dieser Pulverflaschen ist unbekannt. Eine Mengenangabe, wieviel Pulver diese enthielten, fehlt ebenfalls. Vorhanden sind jedoch ein halbes Fass Salpeter („Salliter ein halbs Fassl“) und „Item ein Höfen von Schwefel“, ein eindeutiger Hinweis, dass Schwarzpulver ganz offensichtlich in der Burg selbst hergestellt wurde. Für diese Fertigung finden sich im Zeughaus noch zahlreiche Gerätschaften, die zusammen mit dem Inhalt der Esterházy-Archive nicht nur die Entwicklung des Produktionsprozesses, sondern auch die Entwicklung einer „chemischen Industrie“ im Herrschaftsbereich der Fürsten zusammen mit dem außerordentlich ausgeprägten Geschäftssinn der Familie demonstrieren.

Für die frühen Bedürfnisse der Burg scheint das Stampfen und Mahlen in Mörsern und Handmühlen ausgereicht zu haben. Unter den großen Mörsern fällt ein viereckiges Exemplar auf, welches auffallend einer Abbildung aus dem Feuerwerksbuch von 1420 gleicht. Die federnd aufgehängten Stampfbalken, welche die körperliche Anstrengung verminderten, waren sicherlich ebenso vorhanden. Es ist nicht auszuschließen, dass auch Pulverstampfen mit Tretradantrieb vorhanden waren, sofern nicht Wasserkraft zur Verfügung stand, weil der sich rasch erhöhende Bedarf an Schießpulver großvolumigere Fertigungsmethoden erforderte.

In Forchtenstein wurde das fertige Pulver vermutlich in Holzfässchen in einem dem Zeughaus angebauten Pulverturm aufbewahrt. Es hielt sich bei trockener Lagerung über Jahrzehnte. Das Pulver der Geschütze Kaiser Maximilians wurde in ledernen Beuteln und ledernen Taschen aber auch in Fässern aufbewahrt. Letztere haben sich durchgesetzt und waren bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts in Gebrauch.

Zur industriellen Großfertigung wurde in Österreich später eine Pulverfabrik in Stein an der Donau gebaut, die nach englischem Vorbild über Kollergänge mit über fünf Tonnen schweren gusseisernen Trommeln zum Mahlen des Pulvergemisches ausgestattet gewesen sein soll. Vorbildlich war dafür die staatliche englische Pulverfabrik Waltham Abbey.

Schwarzpulver, das mit über 600 Jahren sicher eines der ältesten chemischen Erzeugnisse der Menschheit ist, bleibt weiterhin in zahlreichen Anwendungen in der Pyrotechnik, im Bergbau für heikle Sprengvorhaben oder als Übertragungsladung in der Artilleriemunition in Verwendung. Es ist in seinen Eigenschaften immer noch nicht völlig erforscht. Zu jedem Neujahrsfest werden in der ganzen Welt Tonnen von Schwarzpulver in Feuerwerken entzündet, die den Pulververbrauch einer Schlacht im Dreißigjährigen Kriege weit übertreffen dürften.