Selbstbewusstes Indien - „Unsere Zeit ist gekommen

Heinz Nissel

„Incredible India“ erhebt immer stärker den Anspruch auf einen weltpolitisch anerkannten Status, der seinem selbstbestimmten Rang in einer „natürlichen“ Führungsrolle entspricht. Dieser Beitrag möchte aufzeigen, inwieweit dieses Selbstverständnis bereits realpolitische Machtfaktoren widerspiegelt oder sich - gemessen an der Entwicklung des Militärs, des Besitzes der nuklearen Triade, der Ambitionen im Weltraum, der ökonomische Basis und vergleichenden Messungen (geo-)politischer Macht - bis 2030 abzeichnet.

Diese Analyse ist eine Fortführung zu „Indien und China - Konkurrenten in der Neuen Weltordnung“ (ÖMZ 5/2020, S.555). Befasste sich der erste Beitrag mit den außenpolitischen Gegebenheiten und Herausforderungen Indiens mit Schwerpunkt des komplizierten Verhältnisses zu China, so stellt sich hier die Frage, ob der hochgesteckte politische Führungsanspruch einer (möglichen künftigen) Großmacht mit der bisherigen Entwicklung vereinbar ist und welche visionären Ziele in diesem Jahrzehnt verfolgt werden. Eine Schlüsselrolle als möglicher Führungsmacht kommt zweifellos der militärischen Dimension zu. Trotz der politischen Leitidee einer Tradition der Nichteinmischung und Bewahrung der Autonomie haben sich Indiens Streitkräfte in allen Bereichen zu beachtlicher Stärke entwickelt. Sie sind zwar den Potenzialen der USA und Chinas deutlich unterlegen, können aber von ihnen im Hinblick auf ihre jeweiligen Bewahrungs- und Gestaltungsinteressen nicht mehr ignoriert werden. Trotz einer hier benannten Vielzahl von Problemen und Defiziten verfolgen sie (vielleicht übertriebene) Vorstellungen künftiger Größe. Eine Begründung dafür ist die eigenständige atomare Entwicklung, die Indien als erst viertes Land in den Besitz der nuklearen Triade gebracht hat. Indiens wissenschaftlich-technologische Kompetenz beweist sich in seinen großen Ambitionen und Leistungen beim Wettlauf im All. Als Basis politischer Machtentfaltung zeigt seine Ökonomie seit vielen Jahren beachtliche Zuwachsraten, muss aber 2019/2020 auch Rückschläge im Wachstum hinnehmen. Trotzdem bleibt das Land in der Überholspur und dürfte mit seiner Wirtschaftskraft noch in diesem Jahrzehnt an die dritte Stelle weltweit vorstoßen. Darauf deuten auch vergleichende Messungen und Bewertungen politischer Macht sowohl für die G20 als auch für den indo-pazifischen Raum hin.

Der machtpolitische Abstand zwischen China und Indien ist gemessen am Lowy Asia Power Index ungefähr so groß wie jener zwischen Indien und Bangladesch. Dies dürfte recht gut die real existierenden Machtverhältnisse im asiatisch-pazifischen Raum abbilden. Alles deutet darauf hin, dass weiter der große Wettlauf um die Führungsrolle in Asien zwischen China und den Vereinigten Staaten ausgetragen wird. Während für Indien bis 2030 die größten Sprünge im Wirtschaftsaufschwung (ca. 170%) und damit Parität mit dem BIP der USA wie in den Bevölkerungsressourcen prognostiziert werden, lässt etwa der demographische Niedergang Japans bis dahin nur mehr ein Wirtschaftswachstum von 12% erwarten. Für das neue Machtzentrum der Welt, der v.a. von den USA propagierte Großraum Asien-Pazifik, ergeben damit die Prognosen bis 2030 ein klares Bild - an erster Stelle China, an zweiter die USA, an dritter, wenn auch mit Abstand, Indien. Diese Rangordnung könnte dann wohl weltweit zur Geltung kommen. Komplexe Langzeitprognosen bleiben natürlich angesichts der Folgen der Covid-19-Pandemie, des Klimawandels oder möglicher verschärfter globaler Handelskriege unsicher.