Die „Wiener Operation“ der sowjetischen Streitkräfte im März/April 1945

Markus Reisner

Die sowjetischen Streitkräfte hatten aus den Lehren der bitteren und schweren Verluste der Kriegsjahre von 1941 bis 1942 gelernt. Sie waren daher von 1943 bis 1945 in der Lage, eine zunehmend erfolgreichere Operationsführung durchzuführen. Resultierend aus den sowjetischen Siegen von 1943 und 1944 definierte der Generalstab der Roten Armee gegen Ende des Zweiten Weltkrieges das Ausmaß einer offensiven Operation nach zwei Dimensionen: der „Breite der Front“ und der „Tiefe der Entwicklung“. Die Idee „Breite der Front“ drückte aus, dass der Gegner durch einen Angriff an der gesamten Front gleichzeitig abgenutzt werden sollte. So sollte ein Zusammenbruch des schwächsten gegnerischen Abschnitts erreicht werden. Hier (oder im besten Fall an zumindest zwei Stellen) sollten dann bereitgestellte, hoch bewegliche (d.h. mechanisierte), mit Stoß- und Feuerkraft ausgestattete Kräfte angreifen und einen Durchbruch („Angriff zum Durchbruch“) in die Tiefe erzielen („Prinzip der Einheit und des Zusammenwirkens der Waffen“). Das daraufhin folgende „tiefe Angriffsgefecht“ definierte dann einen konzentrierten weiten Stoß dieser Angriffskräfte („Prinzip der Konzentration“) in die operative Tiefe des Gegners. Etwaige operative Reserven des Gegners sollten dabei entweder gleichzeitig gebunden („Prinzip der Gleichzeitigkeit“) oder in einem Begegnungsgefecht geschlagen werden. Das Ergebnis war schließlich ein völliger Zusammenbruch der gegnerischen Struktur.

Der Angriff der deutschen Truppen im Rahmen der Plattenseeoffensive („Operation Frühlingserwachen“) hatte den sowjetischen Kräften der 2. und 3. Ukrainischen Front vorerst eine Verteidigungsoperation aufgezwungen. Insbesondere die Truppen der 3. Ukrainischen Front waren Anfang bis Mitte März 1945 damit gebunden, den deutschen Angriff zum Stehen zu bringen. Als absehbar wurde, dass die angreifenden Armeen der deutschen Heeresgruppe Süd an Stoßkraft verloren, wurden die sowjetischen Planungen für den weiteren Vorstoß nach Westen im Detail festgelegt. Ursprünglich war vorgesehen, dass die 2. Ukrainische Front den Stoß in Richtung Westen und somit nach Bratislava und Wien durchführen sollte. Beide Städte lagen in direkter Angriffsrichtung und die 2. Ukrainische Front war Anfang März 1945 nicht durch eine deutsche Gegenoffensive gebunden. Vor ihr war im Wesentlichen nur die deutsche 8. Armee der Heeresgruppe Süd eingesetzt. Die 6. Armee und die 6. Panzer-Armee hingegen, also die Masse der deutschen Heeresgruppe Süd, sowie die 3. ungarische Armee befanden sich hingegen vor der 3. Ukrainischen Front nördlich des Plattensees. Die Möglichkeit, diese deutschen Großverbände entscheidend schlagen zu können, bewog die Sowjets, ihr Schwergewicht südlich der Donau zu verlagern. Somit fiel es der 3. Ukrainischen Front zu, die „Wiener Operation“ durchzuführen.

Die „Wiener Operation“ ist als eine jener erfolgreichen sowjetischen Operationen zu bezeichnen, welche ab 1944 von der Roten Armee gegen das Deutsche Reich durchgeführt wurden. Die sowjetischen Streitkräfte waren gegen Ende des Zweiten Weltkrieges in der Lage, ihre Teilstreitkräfte in einer überaus effektiven Form zu synchronisieren. Durch eine initiative Operationsführung gelang es ihnen, den eigenen Handlungsspielraum entsprechend hoch zu erhalten. Dies wurde jedoch oft durch empfindliche Verluste erkauft. Im Falle der „Wiener Operation“ waren z.B. von den 269 Panzern der Typen M4 „Sherman“ und T34, mit denen die 6. Garde-Panzer-Armee am 19. März 1945 die Operation gestartet hatte, am 14. April noch exakt 95 (inkl. zugeführter Verstärkungen/Instandsetzungen) verfügbar.