Pipeline-Projekte im Interessenspektrum der Staaten

Die geopolitische Dimension im euro-atlantischen Raum

Heinz Brill

Nach dem Verständnis des ehemaligen Präsidenten der Bundesakademie für Sicherheitspolitik, Admiral Dieter Wellershoff, ist „die wichtigste Voraussetzung für eine zentrale Entscheidungsvorbereitung in der Sicherheitspolitik das ganzheitliche Verständnis der Sicherheitspolitik bei den Führungseliten“. Nicht neu, aber seit geraumer Zeit zu den klassischen Sicherheitsrisiken verstärkt hinzugekommen ist das Problem der inter- bzw. transkontinentalen „Energiesicherheit“ durch „Ferngasleitungen“ und deren Transit für den europäischen Markt. Insbesondere seit Russland und die Ukraine um Gaspreise streiten und die EU nach realistischen Alternativen sucht, bestimmen transkontinentale Erdgas-Pipelines die nationale wie internationale Diskussion. Erdgas gehört zu den fossilen Energieträgern und gewinnt bei der internationalen Energieversorgung immer mehr an Bedeutung. Es gilt als Brücke ins Zeitalter der erneuerbaren Energien. Gaskraftwerke produzieren etwa 50% weniger CO2 als Kohlekraftwerke. Gehandelt wird Erdgas nicht wie Öl auf dem Weltmarkt, sondern in großregionalen Erdgasmärkten: dem europäischen, dem nordamerikanischen, dem asiatischen und dem südamerikanischen Markt. Die Regionalisierung der Erdgasmärkte wird zwar weiterhin Bestand haben, sie wird aber wegen des wachsenden Handelns mit Flüssiggas weniger ausgeprägt sein. Die bekannten Kapazitäten der Öl- und Gasprognosen weisen zwar durchgehend positive Trends auf, doch die entdeckten Vorkommen, onshore und offshore, liegen meist in Gebieten, die nahezu unzugänglich oder politisch umstritten sind. So ist z.B. die Arktis infolge des Klimawandels nicht nur in den Fokus der Anrainerstaaten, sondern globaler Interessen gerückt. Jahrzehntelang zeigten sogenannte „Tortendiagramme“, dass über die Hälfte der Erdgasmengen, die sich gewinnen ließen, auf Russland, Iran und die Golf-Region konzentrierten. Während Russland - nach wie vor - über die größten Erdgas-Reserven verfügt, setzten sich die USA aufgrund neuer Fördermethoden an die Spitze der Erdgas-Förderländer.

Die geopolitische Lage der Türkei wird von der türkischen Regierung geschickt als Trumpf im eurasischen Energiepoker ausgespielt. Ein Blick auf die Landkarte erklärt die besondere geopolitische Lage der Türkei und warum sie so wichtig für die westliche Energieversorgung ist. Die Türkei liegt mitten in der „Energie-Ellipse“ (Naher Osten/Zentralasien), in der ein Großteil der weltweiten Gas- und Ölreserven lagern. Die Trassen von den wichtigsten Förderländern zu den wichtigsten Verbraucherländern führen zwangsläufig über die Türkei, wenn man Russland und Iran umgehen will. Mit jeder weiteren Pipeline stärkt die Türkei ihre Position als Energiekorridor. Folge: Aufgrund ihrer geopolitischen Lage ist die Türkei fast an allen Pipeline-Projekten beteiligt, ob amerikanisch, europäisch oder russisch. Für EU-Europa von besonderem Interesse ist die Wandlung des Projekts von „South Stream“ zu „Turkstream“.

Wie politisch der Erdgashandel schon immer war, zeigt das „Zusammenspiel“ von Förder-, Transit- und Verbraucher-Staaten unter Einbeziehung der Interessen der Welt- und Großmächte - in Vergangenheit und Gegenwart gleichermaßen. Um den steigenden Erdgasbedarf in der EU decken zu können, sind neben der Erschließung neuer Bezugsquellen auch alternative Transportmöglichkeiten gefragt. Hierbei bietet Flüssigerdgas „Liquid Natural Gas“, kurz LNG genannt, eine wesentliche Ergänzung zu den Pipeline-Projekten. Um einseitige Abhängigkeit zu vermeiden, ist der Energiemix immer mehr in den Fokus gerückt. Damit lautet die Leitlinie bzw. das strategische Ziel der EU: Energiegewinnung in der Vielfalt der Möglichkeiten.