Zwischen institutioneller Kontinuität und Anpassungsdruck: Mentalitäten und Einstellungen zu moderner Machtprojektion

Holger Alisch/Stephan Maninger

Anfang der 1990er-Jahre erschien das Buch „War and Antiwar“ und prognostizierte dramatische Machtverschiebungen durch den Eintritt in das Technologiezeitalter, jener „dritten Welle“ der menschlichen Entwicklung, die der landwirtschaftlichen und industriellen Revolutionen folgte. Schritt haltend mit dem technologischen Fortschritt begann für westliche Streitkräfte die „Revolution in militärischen Angelegenheiten“, die den USA bis heute eine unbestrittene Dominanz als alleiniger Supermacht bescherte. Doch die Entwicklung setzt sich fort und entgleitet schon seit Längerem dem staatlichen Einfluss, weil duale Technologien und nichtstaatliche Akteure das nationalstaatliche Gewaltmonopol aufweichen. Welche verteidigungs- und sicherheitspolitischen Maßnahmen zukünftig getroffen werden, wird weitgehend durch die Herangehensweise und Mentalität der Entscheidungsträger bestimmt werden. Daher befasst sich folgender Beitrag mit einer alten Frage, nämlich der Art zukünftiger Machtprojektion, unter den Bedingungen exponentieller technologischer Veränderungen.

Exponentieller technologischer Fortschritt überholt die Fähigkeiten nationalstaatlicher Sicherheitsarchitekturen, weil der realistische Blick auf Sicherheit fehlt. Die Reaktion auf Veränderungen ist grundsätzlich Ausdruck der gesellschaftlich vorherrschenden Mentalität. Das Armbrustverbot im Mittelalter (1139) oder die geistige „Maginotlinie“ des modernen Entscheidungsträgers spiegeln die Neigung zur rückwärtsgewandten Perspektive der Sicherheitspolitik. Auch zuvor war schon die Maginotlinie selbst nur ein Versuch der französischen Militärführung, den gerade von 1914-1918 ausgefochtenen Krieg mit den gleichen Methoden und Mitteln erneut auszukämpfen. Grundsätzlich gab und gibt es eine Tendenz, gerade unter Experten und Berufsmilitärs, „den letzten Krieg“ zu wiederholen, was mehr oder weniger auch menschlich nachvollziehbar ist. Es handelt sich beim jüngsten Konflikt doch um die jeweilig aktuellsten zur Verfügung stehenden Beispiele, aus denen zwecks Vermeidung früherer Fehltritte eigentlich wichtige Lehren gezogen werden sollten. Dennoch bemühen sich Sicherheitsstrukturen, die zukünftigen Konflikte vorauszusehen, sich antizipatorisch zu verhalten. Wie zutreffend die daraus gewonnenen Erkenntnisse und Szenarien sind, hängt davon ab, wie zutreffend die identifizierten Bestimmungsfaktoren erkannt, bewertet und gewichtet wurden. Sind Denk- und Benennungsverbote, Bestätigungsverzerrungen oder Informationsdefizite in der Analyse enthalten, dann reduziert dies die Aussagekraft, die Belastbarkeit und den Nutzen der Planung. Insofern werden Sicherheitsbehörden zukünftig mental ihre institutionellen Trennwände überwinden, interdisziplinäre Herangehensweisen entwickeln, ergebnisoffene und realistische Szenarienplanung betreiben und kreative, belastbare „one team, one mission“ (Fussel) Zusammenarbeit verinnerlichen müssen - oder sie werden obsolet.