„Deus lo vult“ riefen die Kreuzritter vor 900 Jahren

Was sind die heutigen Gründe?

Heino Matzken

Dieser lateinische Spruch („Gott will es“) hallte im Jahre 1095 erst durch die alpennahe Stadt Clermont, danach durch Südfrankreich und später durch ganz Europa. Papst Urban II. hatte den Willen des Herrn verkündet. „Deus lo vult!“ Er, der Vertreter Christi auf Erden, wusste, was der Barmherzigkeit predigende Christus von seinen Anhängern erwartete. Befreiung der heiligen Stätten aus den Händen der „Ungläubigen“. Also die Rückeroberung Jerusalems aus der Herrschaft der türkischen Seldschuken. Der Heilige Vater brachte auf dem Konzil von Clermont eine nie dagewesene Propagandamaschine in Gang, welche für damalige Verhältnisse ein Heer von unzähligen Rittern für den „gerechten“ Kampf gegen die „verteufelten“ Muslime inspirierte. Der Pontifex beauftragte den berühmtesten Redner jener Zeit, den 55-jährigen Abt Bernhard von Claivaux, einen Sturm des Glaubens zu entfachen. Nach mehr als 400 Jahren muslimischer Herrschaft sollte die Christenheit die Stadt der drei Religionen für sich zurückholen. Der Nachfolger Gregor VII. (aufgrund seiner „gregorianischen“ Reformen schon zu Lebzeiten als einer der bedeutendsten Päpste bezeichnet) hatte eine Bewegung angestoßen, welche die kommenden zwei Jahrhunderte dominieren sollte. Mehr als 30 Mal folgten Hunderttausende Franzosen, Engländer, Deutsche, Italiener und viele andere Christen „ihrem Traum“ ins Heilige Land. Nicht umsonst nennen auch die Muslime die Stadt „Al-Quds“, also „die Heilige“. Denn in dieser damals unter 100.000 Einwohner zählenden Stadt stand einst der Tempel der Juden, stieg der Prophet Mohammed gen Himmel auf und fand Jesus Christus den Tod am Kreuz, um nur drei Tage später wieder aufzuerstehen. Ein gewaltiges Ringen der Religionen also, sowie ein innen- wie außenpolitisches Streben waren geboren, welches bis heute viele Nachahmer fand. Diverse militärische Operationen des Westens in den letzten beiden Jahrhunderten führten in die gleiche Region. In der Retrospektive und im Vergleich sicher nicht zum Vorteil des Nahen Ostens.

Eine wirkliche und heute wie auch damals von vielen ehrlich erstrebte Versöhnung zwischen den Religionen kann nur unter Zurückstellung aller macht- und wirtschaftspolitischen Interessen gelingen. Nur ihre moralische Autorität kann Menschen wieder zusammenbringen, die in unterschiedlichen Kulturkreisen leben und deren Gott lediglich einen unterschiedlichen Namen trägt. Erst dann wird der von Samuel P. Huntington prophezeite „clash of civilizations“ der Vergangenheit angehören und die Weissagung des Historikers Francis Fukuyama auch im Nahen Osten in Erfüllung gehen. In dessen Werk „The End of history and the last man“ postulierte er 1992, dass sich die Prinzipien des Liberalismus in Form von Demokratie und Marktwirtschaft endgültig und überall durchsetzen würden. Bis zum Sieg des demokratischen Systems sowie der westlichen Werte über orientalische Traditionen und Lebensweisen, wenn es überhaupt dazu kommen sollte, wird es allerdings noch lange dauern. Umso wichtiger ist die Aufgabe der Versöhnung und des friedlichen Nebeneinanders für die Führer der Welt. Erst dann kann man mit Recht sagen „deus lo vult“.