Der Verlust der Realität: Die Illusion einer europäischen Armee

Christian Herrmann

Im März 2015 propagierte der Europäische Kommissionpräsident Jean-Claude Juncker die Schaffung einer europäischen Armee als sicherheitspolitische Maßnahme zur Abschreckung russischer Aggression. Der französische Staatschef Emmanuel Macron forderte die Bildung einer gemeinsamen europäischen Armee im November 2018, während die deutsche Kanzlerin Angela Merkel dieses Vorhaben zumindest perspektivisch befürwortet. Verstärkte Rufe nach der Bildung einer Europäischen Armee wirken unrealistisch angesichts zunehmender politischer Fliehkräfte, die sogar eine fortgesetzte Existenz der Europäischen Union in ihrer jetzigen Form fraglich erscheinen lassen. Nur fünf der 28 EU-Mitgliedstaaten erfüllen überhaupt das selbstgesteckte Wehretatziel von 2% des Bruttoinlandprodukts (BIP). Doch neben den mangelnden bzw. schwindenden politischen Voraussetzungen, scheinen die Befürworter auch die militärhistorischen und -soziologischen Gesetzmäßigkeiten zu negieren. Sie neigen oft dazu, den Idealzustand mit dem Istzustand zu verwechseln, verhindern die Überwindung von sicherheitspolitischer Unwissenheit, indem sie sich in Beharrlichkeit und moralischer Überheblichkeit üben. Dies reduziert das Projekt zur trotzigen Symbolik einer inzwischen ohnehin fragwürdigen europäischen Einheit. Der Beitrag widmet sich jenen Überlegungen, darunter die motivationspsychologischen Grundlagen funktionaler Streitkräfte, die der Realisierung einer Europäischen Armee dauerhaft im Wege stehen.

Es bleibt illusorisch, zu meinen, dass durch eine kohärente Organisationskultur in Form einer Europäischen Armee die Herkunftskultur verdrängt werden könnte. Dies wird bereits an der Dichotomie von Befehls- und Auftragstaktik in Frankreich beziehungsweise Deutschland deutlich. Dies kann im Einsatz zu blutigen Verlusten führen.


Es verbleiben am Ende viele offene Fragen:

  • Bezieht sich die Europa-Armee nur auf die Europäische Union oder auf Europa insgesamt? Ist es Europa insgesamt, meint man dann eher Westeuropa, also jene Länder, die auch gleichzeitig in der NATO sind, wie etwa Norwegen? Oder wählt man eine breite Definition von Europa und schließt etwa Georgien mit ein?

  • Soll die Europa-Armee aus nationalen Streitkräften bestehen, die ähnlich wie bei der NATO einem gemeinsamen Kommando assigniert werden - geht es also primär um Souveränitätsverzicht? Meint man eine kleine Streitmacht, die von einem der Organe der EU - etwa der Kommission - aufgestellt und finanziert wird und diesem untersteht? Soll die Europa-Armee die einzige in der EU existente Streitmacht sein oder soll es neben einer gemeinsamen Armee auch weiterhin nationale Streitkräfte für nationale Aufgaben geben? Wer entscheidet über den Einsatz der Europa-Armee - ist es der Europäische Rat, die Kommission oder das Europaparlament? Welche Rolle spielen dabei die nationalen Parlamente? Was geschieht mit den britischen und französischen Nuklearstreitkräften?

Trotz aller Ambitionen zur Schaffung einer Europäischen Armee scheint es jedenfalls noch ein weiter und komplexer Weg zu sein, die vorhandenen Ungewissheiten und Herausforderungen aus der Welt zu schaffen.