Die Operation Radetzky - Teil 1

Gerhard Fritz

Knapp vor seinem 80. Geburtstag im Jahr 1995 hat GenMjr Otto Scholik in mehreren Vorträgen, einem davon an der ABCAbwS, einem an der LVAk und einem bei seiner katholischen Studentenverbindung, als einer der engsten Mitstreiter von Carl Szokoll an der Operation Radetzky seine ganz persönlichen Erinnerungen an die letzten Kriegstage 1945 wiedergegeben. Um dieses Zeitdokument weitere 25 Jahre und später einem größeren Leserkreis bekanntzumachen, hat die ÖMZ den Abdruck des Vortrages in nahezu ungekürzter Form gewährleistet, der aber aufgrund der Länge in zwei Teilen erfolgt. Auch wenn seit 1995 durch die Öffnung so mancher Archive das eine oder andere in einen genauerem Licht erscheint, sind es doch die Erinnerungen des unmittelbaren Zeitzeugen, der sich 50 Jahre nach den dramatischen und traumatischen Ereignissen an diese erinnert und sie niedergeschrieben hat, die der heutigen Generation ein lebendiges Bild der Eindrücke der damaligen Zeit wiedergeben kann.

Zusammenfassend lässt sich über die Zielsetzung der am Kampf um Wien Beteiligten Folgendes sagen: Die deutsche Wehrmacht hatte wohl den Auftrag, Wien zu verteidigen, aber Anzahl und moralischer Zustand von Führung und Truppe waren derart schlecht. Es ging in Wahrheit nur mehr darum, wie lange und mit welchen Opfern Wien zu halten war. Die Wehrmacht konnte nur mehr reagieren - und das auch nur mehr sehr begrenzt. Die Sowjets waren vor allem interessiert, Wien so rasch wie möglich in Besitz zu bekommen. Der massive Truppenansatz erhärtete dies. „Häuser in Städten kann man selbst mit massivstem Truppenansatz nicht überrennen. Schießt man sie nicht zusammen, dann muss man sie Stockwerk für Stockwerk erobern. Schießt man sie aber zusammen, werden ihre Keller erst recht zu Festungen und ihre Trümmer zu Behinderungen der Bewegungslinien. Wie auch immer, dem Kommando der 3. ukrainischen Front war klar, dass auch die Eroberung von Wien kein rascher Spaziergang werden würde“, betonte Scholik.

Otto Scholik wird im 2. Teil der nächsten Ausgabe der ÖMZ die Durchführung der Operation Radetzky erläutern. Sein wesentlichster Satz seiner Erinnerungen gleich zu Beginn wird lauten: Widerstand beginnt immer damit, dass man etwas nicht will!