Die Operation Radetzky - Teil 2

Gerhard Fritz

In der letzten Ausgabe der ÖMZ wurde der erste Teil eines Vortrages von Otto Scholik wiedergegeben, den im Jahr 1995 mit knapp 80 Jahren über die „Operation Radetzky“ nicht nur vor einem großen und interessierten Zuhörerkreis vorgetragen hatte, sondern der auch im Rahmen einer Sondernummer der Zeitschrift seiner katholischen Studentenverbindung erstmals publiziert wurde. In diesem ersten Teil ist er auf den Widerstand im Deutschen Reich eingegangen und hat danach die Spezifika des österreichischen Widerstands beleuchtet. Danach ist er auf das militärische Umfeld von Jänner bis April 1945 eingegangen. Er hat in persönlichen Gesprächen immer wieder betont, dass ihm und seinen Mitstreitern die dramatischen Verluste bei der Belagerung von Budapest ein letzter Ansporn für den Versuch der kampflosen Übergabe Wien war.

Was hat der österreichische militärische Widerstand tatsächlich bewirkt, obwohl sein Aufstandsplan nicht zur Durchführung gelangen konnte? Zweifellos war es gelungen, die örtliche deutsche Führung zu verunsichern und der sowjetischen örtlichen Führung Wissensvorteile zu verschaffen. Beides zusammen hat zur Abkürzung des Kampfes in Wien wesentlich beigetragen. Der österreichischen Bitte um Einstellung der alliierten Bombenangriffe auf die Stadt wurde ebenso entsprochen wie jener um die Aufrechterhaltung der Versorgung der Stadt mit Wasser. Die Erhaltung der Reichsbrücke, die Fast-Erhaltung der Floridsdorfer Brücke und der Erhalt eines Überganges über den Donaukanal sind wenigstens zum Teil den dort von Szokoll eingesetzten Pionierkommandos zuzuschreiben. Sehr wesentlich war, dass durch die geplanten Aktionen des militärischen Widerstandes viele Einzelgruppen des zivilen Widerstandes zusammengeführt wurden und so die „05“, nach der Besetzung Wiens durch die Rote Armee zunächst die politisch alleine wirksame österreichische Kraft, auf einer breiten Basis fußte. Ein Umstand, dem es zu verdanken ist, dass den geradezu hysterischen Versuchen der KPÖ, rasch alle Schlüsselpositionen, wie die des Wiener Bürgermeisters und jene des Polizeipräsidenten, aber auch jene der Bezirksvorsteher, zu besetzen, nur ein zeitlich sehr kurzer Erfolg beschieden war.

Es ist sicher nicht zu weit hergeholt, dass der österreichische militärische Widerstand bis zum 6. April 1945 die aktive Führungsrolle bei der Planung und Vorbereitung eines bewaffneten Aufstandes innehatte. Eines Aufstandes, der bei programmiertem Ablauf die kampflose Übergabe von Wien an die Rote Armee zum Ziel hatte. Der aber, selbst wenn ihm nur Teilerfolge beschieden gewesen wären, sehr kampfverkürzend gewirkt hätte. Ab dem 6. April musste der österreichisch militärische Widerstand vernunft- und verantwortungsbedingt von der Aktivität in die Passivität überwechseln. Aber so, wie es in der Chemie Elemente gibt, die, obwohl an einer Reaktion selbst nicht beteiligt, diese durch ihre bloße Anwesenheit erst ermöglichen oder wesentlich positiv beeinflussen, so ist der österreichische militärische Widerstand nach dem 6. April als Katalysator tätig gewesen.

GenMjr i.R. Otto Scholik ist Sommer 2019 im 103 Lebensjahr stehend verstorben. Als ihn der Autor aus Anlass seines 100. Geburtstages mit einigen Studenten besuchte, war er zwar schon körperlich sehr gebrechlich, hat den „Jungen“ aber mit fester Stimme sein Vermächtnis mit auf den Weg gegeben: „Wir haben Werte und Ideale. Ich bin alt und werde bald sterben. Jetzt liegt es an euch Jungen, dieses Werte und Ideale weiter zu entwickeln und weiter zu verteidigen!“ Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.