Moderne Ansätze zu Fragen des Kontroll­verlusts einer Besatzungsmacht - Rom und Judäa

von Karoline Resch

 

Aufstände und deren Bekämpfung sind seit der Begründung von Herrschaft bekannt.1)

Neu ist daran lediglich, dass man nun versucht, diese beiden Phänomene umfassend in einen sozialen, wirtschaftlichen und religiösen Kontext zu stellen. Der Begriff „counterinsurgency“ als Terminus technicus für Aufstandsbekämpfung in der westlichen Ausprägung des 21. Jahrhunderts wird in der Fachliteratur seit einigen Jahren - bedingt durch die Lage im Irak bzw. in Afghanistan - verstärkt verwendet.2) Aufgrund geänderter Umstände wird mittlerweile zwar bereits die Frage gestellt, ob Aufstandsbekämpfung so stark von anderen Verfahren abgegrenzt werden soll. Eine Neugewichtung im Zuge der Überarbeitung der derzeitig wichtigsten Vorschrift, des Field Manual 3-24 Counterinsurgency (FM 3-24), ist zu erwarten.3) Die Tatsache, dass diese Vorschrift aus dem Jahr 2006 datiert, lässt bereits erkennen, dass sie in höherem Maße auf älteren historischen Beispielen von Aufstandsbewegungen 4) basiert, als auf Lehren, die aus rezenten Ereignissen gezogen wurden. Diese historischen Aufstandsbewegungen wurden im Rahmen des Versuchs, ein tragfähiges Modell zu schaffen, auf ihre Grundelemente reduziert, mit dem Ziel, aufgrund der Gemeinsamkeiten und Unterschiede strukturelle Regelhaftigkeiten erkennen zu können.5)

 

Daraus ergibt sich auch, dass die Anwendung eines Modells auf eine weitere Aufstandsbewegung indirekt auf historische Beispiele verweist. Ein mögliches Problem für einen Vergleich moderner Konzepte mit dem Jüdischen Aufstand im ersten nachchristlichen Jahrhundert ergibt sich, da Befreiungsbewegungen gegen äußere Besetzer in den modernen Konzepten weniger stark betont werden als Aufstandsbewegungen gegen eine ideologisch anders orientierte, aber autochthone Regierung. Hier erkennen wir den Unterschied zu einer „unbefangeneren“ Zeit, in der C. E. Calwell von der „pacification of territories conquered or annexed“ sprechen konnte.6) Solche Kriege werden heutzutage in westlichen Vorschriften verständlicherweise nicht mehr behandelt.

 

Die vereinzelt vorgebrachte Kritik an der Vereinfachung komplexer Phänomene im Field Manual ist sicher berechtigt, da eine solche Verknappung des Blicks den Nutzen für diejenigen einschränken kann, die damit in einem Einsatz arbeiten müssen.7) Für die vorliegende Themenstellung ist eine vereinfachte Struktur eines Modells ein geringeres Problem, da es dazu dienen soll, neue Fragen zu stellen. Es soll nicht dazu dienen, den Aufstand zu erklären oder in den Quellen nicht Überliefertes zu interpolieren, sondern einzelne Aspekte zu verdeutlichen. Die Komplexität der Aufstandsbewegung ist einerseits bereits aus den Quellen erkennbar, andererseits kann sie dort, wo die Quellen keine ausreichende Grundlage bieten, vermutet werden, ist jedoch nicht ahistorisch fortzuschreiben. Ein verbessertes Verständnis der Aufstandsbekämpfung und Aufstandsbewegung selbst kann mithilfe rezenter Modelle erzielt werden, eine Genauigkeit in der Analyse und Feststellung der komplexen Lage, wie sie für einen Einsatz erforderlich wäre, jedoch nicht.

 

Zielsetzung

Die Arbeit soll einerseits einen genaueren Blick sowohl auf die Aufstandsbewegung in Judäa gegen die direkte römische Herrschaft als auch die Aufstandsbekämpfung durch die Römer unter Bedachtnahme auf moderne Konzepte ermöglichen. Andererseits sollen allgemeine Ableitungen aus der Aufstandsbekämpfung durch die Römer gezogen werden. Dabei wird der Bereich der Ursachen der Aufstandsbewegung, die - obwohl ein zentraler Punkt in der Forschung - aufgrund der unzureichenden Klarstellung der Abhängigkeiten und der Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Faktoren nur unbefriedigende Ergebnisse gebracht haben, dargestellt. Der Blick auf das Verhalten der römischen Besatzungsmacht soll zur Verstärkung allgemeiner Erkenntnisse genutzt werden, die sich auch in laufenden Einsätzen als gültig erwiesen haben. Die Limitierung durch die Quellen bewirkt, dass diese Erkenntnisse nur fragmentarisch sein können. Einzelne Bereiche der römischen Aufstandsbekämpfung können jedoch so ausreichend genau erkannt werden, um dem Vorwurf der Trivialität zu entgehen.

Zeitliche Eingrenzung

Im Allgemeinen wird vom Jüdischen Aufstand von 66 bis 70 n. Chr. gesprochen, manchmal auch vom Jüdischen Krieg. Der Aufstand selbst datiert jedoch weit früher, wie wir gerade durch den Vergleich mit heutigen Aufstandsbewegungen erkennen können. Deshalb wird der Begriff des Jüdischen Aufstands hier auch für die Zeit von 6 bis 66 n. Chr. verwendet, auf die sich diese Arbeit konzentrieren wird.
Es handelt sich dabei um die Frühphase der Aufstandsbewegung, die für die Frage nach den Ursachen und den Trägern der Aufstandsbewegung von entscheidender Bedeutung ist. Roms Verhalten in dieser Zeit kann unter den Begriff Aufstandsbekämpfung eingeordnet werden; nach 66 n. Chr. kam es unter Vespasian zu einem Eroberungsfeldzug unter gänzlich anderen Vorzeichen.

Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Bevor moderne Konzepte von Aufstandsbekämpfung und ein antikes Beispiel verglichen werden können, muss zuerst die Frage gestellt werden, welche allgemeinen Unterschiede anzusprechen sind.
Ein zentraler Unterschied zur Gegenwart war die globale politische Lage. Im 1. Jahrhundert n. Chr. stand aus Sicht der Römer die ihnen bekannte Welt unter römischer Herrschaft. Nur einige Gebiete, wie das freie Germanien, Parthien und einige Randbereiche, waren nicht Teil des Imperium Romanum im weitesten Sinn. Im Westen und Norden gab es noch einige sagenumwobene Inseln (Irland), die jedoch aufgrund ihres mythischen Charakters keinen Zwang zur Eroberung auslösten. Sämtliche Aufstände waren also eine innerrömische Angelegenheit. Daraus ergibt sich auch, dass wir kaum sanctuaries, d.h. externe Gebiete, die den Insurgenten als Orte der Regeneration, zum Training etc. dienen, erkennen können. Die jüdische Diaspora versuchte, sich aus dem Konflikt in Judäa so weit als möglich herauszuhalten (sowohl im römischen Herrschaftsbereich als auch in Mesopotamien).8) Mögliche Gründe dafür waren einerseits mangelnde Mobilisierungskraft, andererseits der Eindruck römischer Stärke und der Aussichtslosigkeit des Widerstands. Deshalb kann man hier von einer Autarkie des Aufstands sprechen. Es kam zu keinen Zusammenschlüssen mit externen Kräften oder anderen Gruppierungen.
Ein wesentlicher Unterschied darüber hinaus war, dass Rom in weit geringerem Maß auf die interne öffentliche Meinung bzw. rechtliche Vorgaben Rücksicht nehmen musste. Entscheidend dabei ist, dass eine Beeinflussung römischer Öffentlichkeit durch Ereignisse außerhalb Roms prinzipiell nicht im selben Ausmaß wie heute gegeben und im speziellen Fall Judäa nicht interessant genug war. Eine Kriegsmüdigkeit konnte folglich nicht entstehen. Die „ethische“ Asymmetrie war dabei weit geringer ausgeprägt als heutzutage, beiden Seiten waren nur wenige Schranken ihres Handelns auferlegt. Das Vorgehen Roms gegen die Juden war trotz aller Härte dennoch dadurch geprägt, dass sie nicht den „Barbaren“ zugeordnet wurden und ihnen damit ein ähnliches Kulturniveau attestiert wurde.
Eine Gemeinsamkeit zu heutigen Situationen ist die Figur des „strategic corporal“, ein Begriff geprägt von General Charles C. Krulak.9) Im Fall der Aufstandsbekämpfung durch die Römer finden wir ihn in seiner negativen Ausprägung, wo Fehlhandlungen von einzelnen Soldaten (bewusste Provokationen, Zerstörung einer Thora) großen Schaden anrichteten.10) Der betroffene Statthalter Cumanus wurde später abgelöst, möglicherweise auch wegen seiner mangelhaften Kontrolle über seine Soldaten.

Aufstandsbewegung/Aufstandsbekämpfung

Counterinsurgency selbst kann einfach als „Aufstandsbekämpfung“ übersetzt werden, womit nicht gesagt ist, dass die Konzepte, die sich dahinter verbergen, simpel sind. Wie bereits erwähnt, wurde am Beginn der Konzepterstellung versucht, Aufstände und deren Bekämpfung auf eine theoretische Grundlage zu stellen und zu systematisieren. Die Erfahrungen aus den Frühphasen der Konflikte in Afghanistan und dem Irak wurden v.a. mit Aufstandsbewegungen der Zeit zwischen 1945 und 1989 verglichen.
Diese Aufstände standen unter dem Einfluss antikolonialistischer und marxistisch-leninistischer Ideologien (Malaysia, Vietnam, Kuba etc.). Sie zeichneten sich durch eine einigende Führung, eine klare Ideologie und streng hierarchische Strukturen aus. Es könnte nun angenommen werden, dass die jüdische Aufstandsbewegung aufgrund ihrer relativ geschlossenen Gruppenidentität über die Religion (siehe unten) weit homogener als zeitgenössische Aufstandsbewegungen (nach 1991/2001) war. Obwohl sie sowohl ethnisch als auch ideologisch/religiös einheitlicher war, lassen sich in der Zeit nach 66 n. Chr. widerstreitende Fraktionen erkennen, die auch für die Zeit davor anzunehmen sind, auch wenn sie in den Quellen nicht immer explizit genannt werden. Damit sind sie mit Aufstandsbewegungen nach 1991/2001 vergleichbar. Diese verwenden verstärkt die Mittel des Terrorismus und der Sabotage auch gegen zivile Ziele. Es schließen sich dabei öfters unterschiedliche Gruppierungen für kurzfristige gemeinsame Aktionen zusammen. Verstärkt finden sich religiöse Motivgemenge. Religion spielte bereits bei den Aufständen von Darul Islam in Indonesien in den 1950er-Jahren eine Rolle.11) Das verstärkt den Eindruck, dass es zwischen den unterschiedlichen Erscheinungsformen immer wieder Überschneidungen gibt. Strukturelle Gemeinsamkeiten des Jüdischen Aufstands finden sich v.a. mit dem modernen Aufstandsmodell. Der Aufstand stellt sich jedoch ebenso teilweise als antikolonialistische Bewegung dar und fällt damit wiederum auch unter die Befreiungsbewegungen. Eine klare Trennung erweist sich hier nicht als zweckdienlich.
Hilfreich für eine erste Orientierung sind immer noch die Definitionen im Field Manual. Sie zeigen klar, welche Grundelemente im Auge zu behalten wären, ungeachtet einer großen Bandbreite im Bereich der Aufstände. Die Definition einer Aufstandsbewegung nach dem Field Manual Counterinsurgency lautet: „[...] an insurgency is an organized, protracted politico-military struggle designed to weaken the control and legitimacy of an established government, occupying power, or other political authority while increasing insurgent control.“ (FM 3-24 1-2) Ergänzend die Definition einer Aufstandsbekämpfung: „Counterinsurgency is military, paramilitary, political, economic, psychological, and civic actions taken by a government to defeat insurgency.“ (FM 3-24 1-2)
Wenn man die Definition der Aufstandsbewegung auf den Jüdischen Aufstand bezieht, dann findet man Übereinstimmungen in den Bereichen Organisation, Dauer und der politisch-militärischen Sphäre. Ein Erhöhen der Kontrolle und Vermindern der staatlichen Legitimität hingegen müssen differenziert gesehen werden, da in der Außenwirkung eher die innerjüdischen Konflikte (jüdische Elite gegen die Insurgenten) und die Reaktion der römischen Präfekten zu einem temporären Zusammenbruch unmittelbarer Kontrolle Roms führten. Eine Kontrolle der Insurgenten über Gebiete war nur in Teilbereichen und sehr spät gegeben, ein darauf ausgerichtetes Handeln kann nur eingeschränkt angenommen werden. Ein grundlegendes Problem ergibt sich mit der Frage der Legitimität. Staatliche Legitimität der Besatzungsmacht Rom war von vornherein nur sehr eingeschränkt gegeben. Eine etwas andere Definition von Aufstandsbekämpfung findet sich in der britischen Vorschrift Joint Doctrine Publication 3-40: „Those military, law enforcement, political, economic, psychological and civil actions taken to defeat or contain insurgency, while addressing the root causes.“ 12) Wie noch zu sehen sein wird, ist die Ergänzung durch den Begriff „contain“ als Ziel der Aufstandsbekämpfung von großer Bedeutung, spiegelt wohl auch die andere historische Erfahrung Großbritanniens als ehemalige Kolonialmacht wider.

Quellenlage

Der Jüdische Aufstand ist vergleichsweise gut dokumentiert. Besonders bemerkenswert ist dabei, dass in den literarischen Quellen nicht nur die römische Sicht überliefert wird, sondern v.a. die Seite der Verlierer in den Quellen breiten Raum einnimmt. Daraus ergibt sich jedoch das Problem, dass die römische Seite nicht immer in der gewünschten Detailtiefe erkennbar ist.
Als wichtigste Quelle ist das Werk des Flavius Josephus zu erwähnen. Hineingeboren als Joseph ben Mathitjahu ha Kohen im Jahr 37 n. Chr. in eine Familie, die sich sowohl auf priesterliche als auch königliche, hasmonäische Vorfahren berufen konnte, war er zum Zeitpunkt des offenen Ausbruchs des Aufstands noch keine 30 Jahre alt. Er war in der Zeit vor 66 nach eigener Angabe auf Seiten der Aufständischen in die politischen Intrigen in Judäa verwickelt. Im Aufstand nach 66 selbst war er mäßig erfolgreicher Oberbefehlshaber der Aufständischen in Galiläa.13) Bei der Belagerung von Jotapata ergab er sich den Römern und blieb für die Dauer des weiteren Krieges Teil der Entourage der römischen Feldherrn. Nach dem Ende des Jüdischen Kriegs war er schließlich Protegé des flavischen Kaiserhauses in Rom. Er verfolgte mit seinen Werken die Absicht, einem gebildeten, griechisch sprechenden, vornehmlich römischen Publikum den Jüdischen Aufstand zu erklären. Die römische Seite kam deshalb etwas kurz, da sie als bekannt vorausgesetzt wurde. Die Reaktion der Römer auf den Aufstand wird zu oberflächlich geschildert, um in allen Details die Bekämpfung des Aufstands bewerten zu können.
Der Vergleich zwischen seinen beiden Hauptwerken „Geschichte des Jüdischen Krieges“ und „Jüdische Altertümer“, wie auch mit seiner Autobiographie (Vita) zeigt, dass er die Geschehnisse redaktionell verformt darstellte. Diese Veränderungen können großteils ausgeschaltet werden, da seine Tendenzen, eigene Handlungen zu rechtfertigen, im Vergleich der Werke meist klar erkennbar sind bzw. durch andere sekundäre Quellen überprüft werden können.14) Viele Details werden nur von Flavius Josephus überliefert, was seinen Status als bedeutendste Quelle erklärt. Wichtig ist es auch festzustellen, was er unerwähnt ließ. So schrieb er, dass römische Herrschaft auf Macht und Können beruhte. Er führte keine moralische Überlegenheit der Römer an, wie es in der Literatur seiner Zeit allgemein üblich war.15)
Die frühchristlichen Texte (Apostelgeschichte und Evangelien, in geringem Maß die Briefe des Paulus) sind im Vergleich zu Flavius Josephus als Nebenquelle zu bezeichnen. Neben der Konzentration auf die frühen Konflikte zwischen den Urchristen und den Präfekten in Judäa schränkt die theologische Motivation der Texte den Quellenwert weiter ein. Sie wurden teilweise bereits aus einer nichtjüdischen Außensicht heraus geschrieben und können nur einzelne Fakten bei Flavius Josephus unterstützen, jedoch für sich allein genommen nur als schwächerer Beleg verwendet werden. Der Blick für die gesamtjüdische Situation fehlt in ihnen meist.16)
Dass römische Autoren selbst den Konflikt aus Sicht der Römer darstellen, ist naheliegend. Aus diesem Blickwinkel blieb die frühe Aufstandsbewegung ein Nebenschauplatz römischer Politik. Tacitus wie auch Cassius Dio behandelten den Jüdischen Krieg nach der Eskalation 66 n. Chr. verstärkt, da er erstens langandauernd war und zweitens aufgrund der Bedeutung für die weitere Entwicklung der flavischen Dynastie wichtig für die römische Innenpolitik wurde. Darüber hinaus werden Konflikte zwischen der Besatzungsmacht und der Bevölkerung, die bei Flavius Josephus detailreich geschildert werden, kaum behandelt. So findet sich bei Tacitus der Nebensatz, dass unter Tiberius Ruhe herrschte (Hist. 5,9 sub Tiberio quies), womit die gesamte Zeit des Pontius Pilatus (26-36 n. Chr.) miteingeschlossen wird, der bei Flavius Josephus mehrfach negativ erwähnt wird.17) Lediglich ungewöhnliche Ereignisse wie die Ablöse eines Präfekten finden Erwähnung (Tac. Ann. 12,54). Eine Beurteilung möglicher Ursachen des Aufstandes findet sich nur in einer Vermutung über die Bestechlichkeit der Präfekten (Tac. Hist. 5,12: avaritia) und einem Hinweis auf religiöse Befindlichkeiten der Juden (Tac. Ann. 12,54). Damit können die römischen Quellen den Mangel bei Flavius Josephus nicht ausgleichen.
Für den Talmud ergeben sich wiederum andere Probleme. Die Mischna und Gemara setzen sich aus mehreren Textschichten zusammen. Sie stammen jedoch grundsätzlich aus der Zeit nach der Tempelzerstörung. Hinweise auf den Aufstand sind recht gering, v.a. die Anführer des Aufstands werden nur selten genannt. Es finden sich vornehmlich Hinweise auf das Verhältnis der Juden und die römische Obrigkeit nach der Tempelzerstörung.18)
Bekanntestes materielles Relikt des Jüdischen Aufstands ist der Titusbogen als Ausdruck römischen Triumphs über die Juden. Zum gegenständlichen Thema kann er jedoch nichts beitragen, ebenso wenig wie die Münzen Judaea capta, die eine der prominentesten Prägungen des Kaisers Vespasian sind.
Es sind jedoch sowohl Münzen der Präfekten vor dem Aufstand als auch die Münzen der Aufständischen selbst erhalten.19) Diese ermöglichen es, die ideologischen Hintergründe auf beiden Seiten besser zu erklären. Die Münzen der Präfekten zeigen v.a. Palmen, Getreideähren und Kränze, versuchten also dem Bilderverbot der Juden zu entsprechen. Die Aufstandsmünzen hingegen verweisen auf den religiösen Hintergrund der Aufstandsbewegung, der auch aus den Schilderungen des Flavius Josephus klar erkennbar ist.20)

Kurzer Abriss der Geschichte Judäas

Judäa kannte zum fraglichen Zeitpunkt seit mehreren Jahrhunderten nur eine kurze Zeit der Eigenstaatlichkeit. Anfangs wurde es von den Ptolemäern, anschließend den Seleukiden beherrscht, gegen die sie sich unter den Makkabäern auflehnten. Diese bildeten die Dynastie der Hasmonäer, die bis zum Wirksamwerden der Römer autonom regierte. Unter Pompeius kam es im Jahr
63 v. Chr. zur Begründung einer indirekten Herrschaft Roms, die sich der Hasmonäer als Mittler bediente.21) Mit 40/37 v. Chr. konnte Herodes als von Rom abhängiger Klientelfürst die Herrschaft ergreifen. Er stammte von den Idumäern ab, einer Gruppe, die erst von den Hasmonäern judaisiert wurde und demgemäß nur als halbjüdisch galt. Bereits unter seiner Regentschaft gab es einige politisch motivierte religiöse Konflikte, v.a. innerhalb Judäas. Nach seinem Tod im Jahr 4 v. Chr. erwies sich die innenpolitische Situation als so explosiv, dass sich Publius Quinctilius Varus, der Statthalter von Syrien, gezwungen sah, mithilfe seiner Legionen den Aufruhr in Judäa niederzuschlagen. Es kam zu heftigen Straßenkämpfen in Jerusalem, während der die Säulenhallen rund um den Tempel von den Römern in Brand gesteckt wurden. Die Erhebung griff auch auf das Umland über, wo eine unter dem Steuerdruck und den unklaren Herrschaftsverhältnissen leidende Landbevölkerung in einer messianischen Erwartung bereit war, den endzeitlichen Kampf um das Reich der Gerechtigkeit aufzunehmen. Weitere römische Truppen wurden herangeführt, schließlich 2.000 Menschen gekreuzigt.22) Hier erkennt man bereits die Kombination von religiös aufgeheizter Stimmung und hartem Vorgehen der Römer, die sich später immer wieder findet. Eine langfristige Beruhigung der Lage konnte so nicht erzielt werden.
Bis 6 n. Chr. regierte noch Archelaos, ein Sohn des Herodes, bevor es schließlich zur Übernahme der direkten Herrschaft durch Augustus kam.23) Judäa wurde an Syrien angeschlossen und von ritterlichen Präfekten verwaltet. Diese wurden zwar von Rom direkt bestellt, unterstanden jedoch dem syrischen Statthalter, der als ehemaliger Konsul ranghöher war. Das erklärt, warum die Präfekten stärker die Symptome bekämpften, als das Problem an der Wurzel zu packen, da es ihnen v.a. darum ging, die Situation so weit unter Kontrolle zu halten, dass es zu keiner Intervention des syrischen Statthalters kam.24) Die Präfekten waren vermutlich für die Sicherung und Verwaltung des Gebiets, mit Ausnahme der Steuerhoheit, verantwortlich.25) Für die Sicherung wurden 3.000 Mann der Truppen des Archelaos übernommen und in fünf Kohorten und eine Ala gegliedert. Eine Kohorte wurde in die Burg Antonia in Jerusalem gelegt.26) Alle diese Truppen entstammten der nichtjüdischen Bevölkerungsgruppe, was in weiterer Folge noch zu massiven Konflikten mit der jüdischen Bevölkerung führen sollte. Später wurden auch Kohorten aus anderen Gebieten des Imperium Romanum nach Judäa verlegt. Zu einer Rekrutierung der jüdischen Bevölkerung kam es jedoch nie.27)
Als erste Maßnahme erfolgte eine Volkszählung in ganz Syrien unter Publius Sulpicius Quirinius zur Festlegung der Steuern, die im Weihnachtsevangelium des Lukas mit der Geburt Jesu in Verbindung gebracht wurde. Dieser Verwaltungsakt blieb so stark im Bewusstsein verankert, dass er mit einem Ereignis, das ungefähr ein Jahrzehnt früher stattfand, verknüpft wurde. Gegen diesen Zensus erhob sich religiös motivierter Widerstand, der auf das Alte Testament verwies. In diesem war festgelegt, dass eine Zählung des Volkes nur in Kriegszeiten erlaubt sei und das Land Gott gehöre.28) Rädelsführer dieser Bewegung waren Judas aus Galiläa und Zadok, die damit die so genannte vierte Philosophie neben den Pharisäern, den Sadduzäern und den Essenern begründeten.29)
Kurzfristig kam es unter Claudius wieder zur Einsetzung eines Klientelfürsten, Agrippa I. (37/41-44 n. Chr.), der jedoch bald nach der Thronbesteigung verstarb.30) In weiterer Folge verschärfte sich die Situation nach einigen Jahren relativer Ruhe ab ungefähr 47 n. Chr. wieder merklich. Die Präfekten versuchten das Umland, das Insurgenten mit Banden unsicher machten, zu säubern.31) Dabei gingen sie auch gegen mögliche Unterstützer der Insurgenten mit aller Härte vor. Teile der Aufständischen wichen in die Städte aus, wo sie v.a. gegen die mit Rom kooperierende Elite wirksam wurden (Flav. Jos. BJ 2,13,3). Diese nach ihrer Waffe, der sica (Dolch), benannten Sikarier werden als die ersten Terroristen der Weltgeschichte bezeichnet.32) Auf dem Land kam es zu Plünderungen der Landgüter der Elite. Die Präfekten versuchten schließlich, die verschiedenen Gruppierungen gegeneinander auszuspielen. Den letzten Präfekten vor der endgültigen Eskalation des Aufstands wird zusätzlich Bestechlichkeit und Gier vorgeworfen.33) Während der Zeit römischer Direktherrschaft kam es immer wieder zu Massenbewegungen, verknüpft mit Bandenunruhen und einzelnen terroristischen Anschlägen. Die Sicherheitslage war über längere Zeiträume labil. Besonders die großen religiösen Feste in Jerusalem bereiteten den Präfekten dabei oft Kopfzerbrechen. Die großen Menschenansammlungen konnten durch die Aufständischen zur Mobilisierung von Unterstützern genutzt werden. Sie begünstigten das unerkannte Entkommen von Attentätern und setzten die Besatzungsmacht unter Zugzwang, die aufgrund von Überforderung oft mit übertriebener Härte vorging. Die jüdische Elite reagierte auf die volatile Sicherheitslage teilweise durch die Bildung eigener Schlägertrupps, die aber nur zu einer Verschärfung der Lage beitrugen.
Zur Eskalation kam es schließlich im Jahr 66, als es in Caesarea zu einem offenen Konflikt zwischen der jüdischen und nicht-jüdischen Bevölkerung kam. Der Präfekt Gessius Florus unterstützte in seiner Entscheidung die wohl berechtigten Forderungen der Juden - trotz einer in den Quellen angedeuteten Bestechung durch diese - nicht.34) Im Mai 66 kam es darauf in Jerusalem zu Unruhen, bei denen auf die Bestechlichkeit des Florus verwiesen wurde. Diesem versuchten die Römer mit Waffengewalt beizukommen. Gessius Florus wollte der Bevölkerung von Jerusalem eine Lehre erteilen und zwang sie, zwei römische Kohorten mit allen Ehren zu empfangen. Die Bevölkerung fügte sich auf Drängen der jüdischen Elite. Beim Einzug der Kohorten kam es jedoch zu Unmutsbekundungen, worauf die Römer mit den blanken Waffen gegen die Menschenansammlung vorgingen. Es kam zu einem Straßenkampf, in dessen Verlauf die Römer in die Burg Antonia abgedrängt wurden.
Gessius Florus verließ mit einer Kohorte Jerusalem und zog sich nach Caesarea zurück, eine Kohorte verblieb in Jerusalem.35) Der Aufstand entwickelte in weiterer Folge eine Eigendynamik. Es kam zu Kämpfen zwischen Aufständischen und den Kräften der jüdischen Elite. Schließlich wurden die Römer in der Antonia belagert. Sie ergaben sich unter Zusicherung freien Geleits, wurden jedoch bei ihrem Abzug getötet.36) Damit war eine friedliche Beilegung des Aufstands unmöglich.
Im September 66 erschien Cestius, der syrische Statthalter, mit einer Legion und weiteren 2.000 Legionären, zahlreichen Auxiliar- und Hilfstruppen.37) Nach einem vergeblichen Versuch, den Tempelberg zu erstürmen, zog er sich mit seinen Truppen Richtung Norden zurück und erlitt in einem Hinterhalt schwere Verluste. Es wurden nun auf Seiten der Aufständischen Maßnahmen gegen einen Einfall der Römer aus Syrien unternommen.38)
Diese erwiesen sich im Frühjahr 67, als Titus Flavius Vespasianus als von Nero bestellter Feldherr mit seinen Truppen einmarschierte, als zu schwach. Vespasian hatte als Kern seiner Armee vorerst drei Legionen. Galiläa war bald in der Hand der Römer, langsam wurden die einzelnen Städte um Jerusalem herum eingenommen.39) Nach einer Verzögerung aufgrund des Todes Neros begann Titus, der Sohn Vespasians, im Frühjahr 70 n. Chr. mit der Belagerung Jerusalems. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, die Stadt zu erstürmen, entschlossen sich die Römer zur Zernierung. Am 26. September des Jahres 70 war schließlich die ganze Stadt in der Hand der Römer. Der Tempel war verbrannt, die Bevölkerung entweder versklavt oder getötet. Bis 74 wurden noch einige Widerstandsnester eingenommen, darunter auch Masada.
Das Gebiet des Tempelstaates wurde Besitz des Kaisers. In Emmaus wurden 800 römische Veteranen angesiedelt. Alle Juden mussten eine Kopfsteuer zahlen. Der Betrag, der zuvor von allen Juden an den Tempel in Jerusalem zu zahlen gewesen war, war nun an Jupiter Capitolinus zu entrichten.40) Judäa wurde zu einer propraetorischen Provinz, eine Legion in Jerusalem stationiert. Dennoch kam die Provinz nicht zur Ruhe. Zwei Generationen später kam es unter Hadrian zum so genannten Bar-Kochba-Aufstand, der ebenfalls niedergeschlagen wurde.41)

Religion

Die Religion hat zentrale Bedeutung für die Beurteilung der jüdischen Aufstandsbewegung. Die Juden wurden von Außenstehenden über ihre Religion definiert und bewertet.42) Die jüdische Religion war die ideologische Grundlage für jüdische Eigenstaatlichkeit wie auch Grund für den Wunsch nach Eigenstaatlichkeit.43) Die Befolgung religiöser Gebote sicherte den Erhalt des Staates, dem das Versprechen des Gelobten Landes zugrunde lag. Eine Fremdherrschaft, die religiöse Tabus verletzte, barg die doppelte Gefahr, dass sie damit das jüdische Volk von Gott entfernte, da es nicht mehr gesetzeskonform war, womit eine Befreiung von der Fremdherrschaft in weite Ferne rückte. Deshalb war es besonders leicht, die Bevölkerung mithilfe der Religion zu mobilisieren. Auf die Reaktion gegenüber der hellenistisch-römischen Kultur wirkte sich diese Grundlage jüdischen Selbstverständnisses ebenfalls aus. Einer Phase der Annäherung folgte eine Phase verstärkten Widerstands. Durch die Tatsache der Fremdherrschaft erhielt auch die fremde Kultur eine politische Note.44) Diese Funktion jüdischer Religion als autonomiestiftend konnte von Rom nicht akzeptiert werden. Eine fremde Religion durfte nur praktiziert werden, wenn sie entpolitisiert war und der Integration in römische Herrschaft nicht im Weg stand.45) Bei anderen orientalischen Religionen (z.B. Mithrasreligion) funktionierte das ohne größere Probleme, bei der monotheistischen Buchreligion der Juden hingegen war der Widerstand höher, ein Erfolg jedoch nicht von vornherein ausgeschlossen.
Durch die besondere Funktion der Identitäts- und Autonomiestiftung erklärt sich auch, warum es im jüdischen Siedlungsbereich (einschließlich der Diaspora) kaum zu einer Romanisierung oder einer Integration der jüdischen Elite in die römische Reichsaristokratie kam. Die jüdische Elite war im hohen Maße auch durch priesterliche Funktionen geprägt. Ihre Kontrolle über den Tempelstaat bildete eine Grundlage ihres Einflusses neben ihrer Autorität aufgrund priesterlicher Abstammung und Funktion. Beispiele für eine Integration gibt es nur vereinzelt, eine breite Bewegung, wie in anderen Herrschaftsgebieten Roms, entstand daraus nicht und wurde durch die Ereignisse 66/70 n. Chr. überholt. Ein Vertreter dieser romanisierten Elite war Tiberius Julius Alexander, der selbst Präfekt von Judäa (46-48 n. Chr.), später Präfekt von Ägypten war und maßgeblichen Anteil am Aufstieg Vespasians hatte.46) Tiberius Julius Alexander hatte sich von der Religion seiner Vorfahren abgewandt, er konnte jedoch auf eine religiöse jüdische Erziehung zurückgreifen.47)
Die politische Mobilisierung der Bevölkerung wurde auch dadurch erleichtert, dass es selbst zu grundsätzlichen Fragen der Religion keinen Konsens gab, es also vielfältige Ansatzpunkte gab, die anlassbezogen gewählt werden konnten. So konnte selbst Philo von Alexandria nicht erklären, warum eine bestimmte Maßnahme des Pontius Pilatus (Einbringung von Schilden mit dem Namen des Kaisers in Jerusalem) gegen religiöse Gebote verstieß; wirksam war die religiöse Mobilisierung dennoch.48) Das Bemühen der Römer, die religiösen Tabus einzuhalten - zumindest das, was sie dafür hielten - führte zu keiner wirklichen Beruhigung der Lage, da jederzeit an unerwarteter Stelle ein neuer Konflikt ausbrechen konnte.49) Religiösen Zündstoff boten wahlweise die Frage der Einsetzung der Hohepriester - eine aus römischer Sicht hochpolitische Frage -, die Aufbewahrung seines Festornats, die Heiligkeit des Tempels und viele andere Bereiche.
Religion und Gesellschaft ließen sich in Judäa nicht voneinander trennen. Für die Interpretation religiöser und sozialer Normen, die eine reibungsarme Herrschaft ermöglichten, waren die römischen Präfekten auf die jüdische Elite angewiesen. Das konnte nur funktionieren, wenn diese Elite auch die Deutungshoheit von Seiten der lokalen Bevölkerung zugesprochen bekam. Wenn dies nicht mehr gegeben war, konnte es zu Bewertungen römischen Verhaltens durch die Bevölkerung kommen, die den Intentionen der Elite entgegen liefen. Ein Präfekt wie Tiberius Julius Alexander, der selbst zur Interpretation befähigt war, war dieser Gefahr weit weniger ausgesetzt.50) Andere Präfekten versuchten, diesem Dilemma durch konsequente Härte in der Bekämpfung von Devianz entgegenzutreten. Dass damit dem harten Kern der Aufständischen nicht beizukommen war, wurde bereits angesprochen.
Neben den religiösen Tabus gab es noch die religiöse Vorstellung, dass das Ende der Zeit, die Erlösung, kommen müsste, wenn die Not am höchsten war. In verschiedenen auch durch die Römer hervorgerufenen Situationen (beispielsweise dem Brand der Säulenhallen) sah man diesen Zeitpunkt gekommen. Mehrfach kam es zum Auftreten messianischer Bewegungen, die große Menschenmengen mobilisieren konnten. Gegen diese Bewegungen gingen die Präfekten mit aller Härte vor.51) Der Versuch der jüdischen Elite, religiöse Unruhestifter in ihrem Handeln zu beschränken, lässt sich auch im Fall des Jesus von Nazareth erkennen.

Die Sicht der Römer

Maßgeblich für eine Erklärung, warum die Römer bei der Bekämpfung der Aufstandsbewegung in den Frühphasen versagten und damit eine Eskalation der Situation im Jahr 66 n. Chr. erst ermöglichten, war der Blick der Römer auf den Konflikt.
Für die Römer gab es eine grundlegende Unterscheidung zwischen Feind (hostis) und Räuber (latro). „Hostes hi sunt, qui nobis aut quibus nos publice bellum decrevimus; ceteri latrones aut praedones sunt“ (Pomponius Dig. 50,16,118pr.).52) Die Frage, ob es sich bei Kämpfen um einen Krieg handelte, hatte auch zur Konsequenz, ob es Kriegsgefangenschaft mit allen rechtlichen Folgen geben konnte.53) Hier galten nur Germanien und Parthien als mögliche Orte für reguläre Kriege.
Für die Römer genügte die Etablierung von Herrschaft bereits als Rechtfertigung für ihre Herrschaft. Die Frage der Legitimität römischer Herrschaft über nichtrömische Gebiete stellte sich nicht. Damit war die Bewertung eines Aufstands gegen römische Herrschaft als legitimer Freiheitskampf ausgeschlossen. Es konnten sich lediglich Unruhestifter, eben latrones, gegen Rom erheben.
Latrocinium wiederum war eine Frage des Strafrechts, nicht des Völkerrechts. Strafrechtliche Merkmale für latrocinium waren Waffengewalt (vis armata), dolus malus und die Gründung von Banden.54) Mögliche Strafen für latrocinium waren die furca (eine Maschine, um das Genick zu brechen), welche die Kreuzigung ersetzte, und die Verurteilung „zu den Tieren“ (damnatio ad bestias).55)
In der Verwendung der Begriffe waren die Römer jedoch nicht immer konsequent, da ein Triumphzug nur bei einem Krieg gerechtfertigt war.56) Gerade dafür lässt sich der Triumph über die Juden im Jahr 71 n. Chr. als Beispiel heranziehen. Hier wurde der Aufstand nachträglich als regulärer Krieg dargestellt, um die propagandistische Verwertung im Sinne der flavischen Dynastie zu ermöglichen.
Die Römer sahen die Aufständischen also als Räuber, damit wurde eine Erforschung möglicher tiefer liegender Ursachen für den Aufstand bereits verweigert. Die Bewertung dieser latrones als Widerstandskämpfer ist aus der Überlieferung gänzlich verloren. Flavius Josephus als Widerstandskämpfer „der ersten Stunde” hatte die Seiten gewechselt und sich literarisch auf die Seite seiner Gegner geschlagen. Er nannte die Aufständischen vor 66 durchgehend leistes, die griechische Entsprechung für latrones.
Nachvollziehbar wird diese Bewertung weiters, da das Bandenphänomen in der römischen Antike weit verbreitet und der führenden Elite in ihrer Verwaltungserfahrung wohlvertraut war. Diese Banden wurden vielerorts durch Deserteure, entlaufene Sklaven und flüchtige Schuldner personell immer wieder erneuert. Das Bandenunwesen war zuerst ein Problem der Kriminalstatistik, bevor es je zu einem Problem einer Aufstandsbekämpfung hätte werden können. Die Übergänge waren fließend. Aufgrund des Steuerdrucks konnte es zu einem Rückzug in Randgebiete kommen, wo, um das Überleben zu sichern, Bandenüberfälle begangen wurden. Diese konnten sich gegen die Besatzungsmacht und die sozial höherstehenden Kollaborateure richten und damit eine politische Dimension annehmen, die beabsichtigt sein konnte oder sich zufällig ergab. Dieses Phänomen ist für andere Bereiche des römischen Reiches ebenfalls bezeugt. Man sprach hier von anachoresis, der Landflucht aufgrund von Ernte­ausfällen oder Steuerschulden, mit dem Bandenwesen als möglicher Begleiterscheinung.

Vorbedingungen für eine Ursachenanalyse

Es ist heutzutage selbstverständlich, dass sich eine Aufstandsbekämpfung auf die Bevölkerung, nicht die Aufständischen, konzentrieren sollte, da für die Aufständischen ihr Verhältnis zur Bevölkerung und die Möglichkeit, diese zu mobilisieren, entscheidend sind. Auch wenn den Römern dieses Bewusstsein fehlte, ist einer Ursachenanalyse des Jüdischen Aufstands eine Darstellung der unterschiedlichen Personengruppen, die an einer Aufstandsbewegung beteiligt oder davon betroffen sind, voranzustellen.
Es finden sich in Judäa zu dieser Zeit nicht nur rom-/aufstandsfeindliche oder -freundliche Gruppierungen, sondern auch Zwischenstufen. In Abwandlung einer Grafik aus JP 3-24 (Abb. 1) finden sich an den beiden äußeren Enden des Spektrums Personengruppen, die aktive Unterstützung leisteten, weiters jene, die passiv unterstützten, und schließlich die große Gruppe, die dem Aufstand neutral gegenüber stand.57) Ziel beider Seiten im Konflikt war es, die Zahl der eigenen Unterstützer zu halten und diejenige des Gegners zu verringern.58)


Für die indifferente Bevölkerung findet sich selbst nach dem offenen Ausbruch des Konflikts in den Quellen ein Beispiel. Flavius Josephus führt an, dass in Gischala in Galiläa die meisten Bewohner nichts vom Krieg wissen wollten, da sie als Bauern mehr Aufmerksamkeit der Ernte als politischen Umtrieben schenkten.59) Für die passive Unterstützung der Aufständischen hingegen lässt sich das Beispiel der Freilassung des Barrabas auf Drängen der Bevölkerung anführen. Dieser wurde anstelle Jesu freigelassen und war nach Markus einer jener Rebellen, die im Zuge eines Aufstands Römer getötet hätten.60)
Die aktive Unterstützung der Römer war aufgrund des Vorgehens der Sikarier gegen die Kollaborateure nicht mehr attraktiv. Die Römer konnten diese Gruppe nicht ausreichend schützen.61) Darüber hinaus hatte die jüdische Elite, die vornehmlich mit Rom kollaborierte, weder das Vertrauen der Römer noch der Masse der Bevölkerung, das ihnen eine Beruhigung der Lage erst ermöglicht hätte.62) Damit wurde sowohl die Gruppe der aktiven Unterstützer kleiner als auch ihr Einfluss auf die indifferente Bevölkerung geringer.
Zum besseren Verständnis der Motivation der Bevölkerung kann das so genannte hearts & minds-Konzept herangezogen werden. Dieses wird heutzutage häufig als reine Phrase missbraucht. Grundsätzlich bedeutet es:
1. „hearts means persuading the people their best interest are served by your [i.e. the counterinsurgent’s] success.“
2. „minds means convincing them that you [i.e. the counterinsurgent] can protect them, and that resisting you is pointless.“ 63)
Beim hearts-Bereich waren die Römer von vornherein im Hintertreffen, da eine dauerhafte Niederlage Roms allgemein als Erfolg angesehen wurde. Nur die Sicherstellung einer stabilen, einigermaßen gerechten Herrschaft ohne Exzesse hätte hier möglicherweise Erfolg versprochen und die Gruppe der passiven Unterstützer Roms gestärkt. Der minds-Bereich appelliert an das Eigeninteresse des Einzelnen, v.a. bei geringen Aussichten auf Erfolg eines Aufstands. Das war beim harten Kern nicht Erfolg versprechend, da dieser sich auch durch mangelnde Erfolgsaussichten nicht von seinem Vorhaben abhalten ließ, wie die Ereignisse in Masada erkennen lassen, wo es vor der Einnahme durch römische Truppen zum Massenselbstmord bzw. zur Tötung auf Verlangen unter den eingeschlossenen Aufständischen kam.
Die Unterscheidung der Personengruppen und ihrer Einstellung ist auch für die mögliche Analyse der Ursachen zu berücksichtigen. Der offene Ausbruch kam durch ein Verschieben der Linie „aktive/passive Unterstützung“ zugunsten der Aufstandsbewegung so weit nach rechts, dass die kritische Masse schließlich erreicht wurde. In der Schilderung des Flavius Josephus ist dies klar erkennbar.64) Es ist aber anzunehmen, dass der Großteil der Bevölkerung kein Interesse an einer gewaltsamen Eskalation der Lage hatte. Dennoch war von den folgenden Kämpfen direkt oder indirekt die gesamte Bevölkerung betroffen. Rom hätte sich in der Aufstandsbekämpfung auf die Gruppe der indifferenten Bevölkerung konzentrieren sollen und diese ihren passiven Unterstützern zuführen müssen. Andererseits hätte die Gruppe der aktiven Unterstützer auf den Schutz Roms vertrauen können müssen. In beiden Bereichen hat Rom klar versagt.

Mögliche Ursachen des Aufstands

Unter Berücksichtigung des bisher Gesagten kann jetzt der Versuch einer Ursachenanalyse unternommen werden. Aus der Hauptquelle Flavius Josephus wurden in der Forschung bisher fünf Ursachenkomplexe erschlossen und in unterschiedlichen Kombinationen zur Erklärung des Aufstands verwendet. Diese sind: 1. Unfähigkeit der römischen Präfekten; 2. Härte römischer Unterdrückung; 3. religiöse Befindlichkeiten; 4. soziale Spannungen; 5. Spannungen mit Nichtjuden im Verwaltungsbereich der Präfekten.65) In der vorliegenden Analyse, die mit den Erkenntnissen aus modernen Aufstandsbewegungen als Kontrolle und der erneuten Verwertung der Hauptquelle erfolgte, sind die möglichen Ursachen - vereinfacht gesagt - zweigeteilt (Abb. 2). Bereits vor der direkten römischen Herrschaft gab es unter Herodes einen „culture clash“.66) Dieser wurde, wie bereits angesprochen, politisch genutzt und ergab sich nicht zwingend aus generellen religiösen Vorstellungen, da man in dieser Zeit bereits von einem hellenistischen Judentum sprechen kann.67) Bei der ersten im „Jüdischen Krieg“ des Flavius Josephus überlieferten Episode erkennt man bereits die Dynamik, die immer wieder zutage tritt. Zwei religiöse Lehrer/Anführer interpretierten die Anbringung eines Adlers über dem Tempeltor als Verstoß gegen religiöse Normen. Die negative Bewertung herodianisch-hellenistischer Kultur spielte dabei zusätzlich eine Rolle. Ihre Anhänger versuchten, den Adler gewaltsam zu entfernen. Die Angelegenheit endete mit religiösen Unruhen, Hinrichtungen, Massentumulten und einer allgemein aufgeheizten Stimmung. Dass der Adler auch politisch mit Rom verbunden wurde, kann als zusätzlicher Aspekt angesprochen werden. Unter den Römern gibt es später weitere Beispiele, die diesen Regelkreis bestätigen.


Im linken Kreis „direkte römische Herrschaft“ erforderte die Notwendigkeit, das Land unter Kontrolle zu halten, mehrere Tausend Soldaten. Um diese zu finanzieren, war es notwendig, die Steuerlast zu halten,68) was v.a. bei Ernteausfällen zur Verschuldung, schließlich bis zur Landflucht mit anschließender Bandenbildung führen konnte.69) Diese erforderte wieder den Einsatz römischer Machtmittel, womit die Rechtfertigung für die Notwendigkeit der Machtmittel gegeben war. Eine ungewisse Sicherheitslage auf dem Land konnte darüber hinaus zu weiteren Einschränkungen bei der landwirtschaftlichen Produktion führen. Der entscheidende Faktor war die prekäre ökonomische Lage. Das ist auch daraus ersichtlich, dass eine der ersten Handlungen der Aufständischen nach Übernahme der Kontrolle über Jerusalem die Zerstörung des städtischen Archivs war, in dem die Schuldurkunden lagerten.70) Die religiös motivierte Ablehnung der Steuern an die Römer verstärkte eine messianische Endzeitstimmung, die zu religiösen Unruhen führte, deren Unterdrückung wieder zur Verstärkung der religiösen Endzeitstimmung führte.

Roms Aufstandsbekämpfung - ein unlösbares Dilemma?

Damit kommen wir zum Kernbereich der Aufstandsbekämpfung selbst. Wie bereits erwähnt, lassen sich in den Quellen einzelne Bereiche vergleichsweise gut erkennen. Es gab militärische Aktionen (Einsatz einer Auxiliarkohorte in Jerusalem, Bandenbekämpfung); auch für psychologisch-propagandistische Mittel lassen sich Beispiele finden (Münzprägung der Statthalter, Einhaltung von Tabus v.a. in Jerusalem). Eine erkennbare politische Maßnahme schließlich war der Austausch des Präfekten Cumanus.
Um den Vergleich mit modernen Ansätzen zur Aufstandsbekämpfung zu erleichtern, wird versucht, diese in den jeweiligen Teilaspekten einander gegenüberzustellen. Dabei werden einzelne moderne Vorgaben bereits aufgrund der spezifischen Bedingungen umgewandelt, z.B. eine moderate Steuerlast als Versuch, die Legitimität der Herrschaft zu stärken.
Vorweg ist zu sagen, dass die Römer wohl C. E. Calwell zugestimmt hätten, der meinte: „Since tactics favours the regular troops while strategy favours the enemy, the object to be sought is to fight, not to manoeuvre, to meet the hostile forces in open battle, not to compel them to give way by having recourse to strategy.“71) Deshalb haben sie auch ihren Blick konsequent auf den Insurgenten gerichtet und nicht auf die gesamte Bevölkerung. Infolgedessen blieben die Römer im Vorgehen gegen die Aufständischen meist auf der ersten Stufe einer Aufstandsbekämpfung stehen, also dem Versuch, ein Gebiet von bewaffneten und aggressionsbereiten Banden zu säubern und die Kontrolle wieder zu erlangen.
Für die Aufstandsbekämpfung wären den Römern politische oder militärische Lösungen und Wege zur Verfügung gestanden. Der Einsatz von militärischen Mitteln führte dabei möglicherweise zum Versuch, eine militärische Lösung für ein politisches Problem zu finden. Der Statthalter war zwar sowohl militärisch als auch politisch geprägt, seine Untergebenen waren jedoch Soldaten und tendierten damit zu militärischen Lösungen.
Prinzipiell wären den Römern fünf Handlungsoptionen72) offen gestanden, um der Aufstandsbewegung zu begegnen:
1. Kulturelle Auslöschung: Hier hätte sich Rom auf die aktiven Aufständischen konzentriert und dies mit Zwangsmaßnahmen zur Umerziehung der Gesamtbevölkerung begleitet. Die jüdische Religion hätte völlig ihrer autonomie- und identitätsstiftenden Funktion entkleidet werden müssen. Die jüdische Elite hätte diesen Weg nicht willentlich mitgehen können. Eine hohe Truppenstärke wäre erforderlich gewesen, um den Erfolg zu sichern. Die Entscheidung für diese Option hätte zentral in Rom erfolgen müssen. Nach dem offenen Ausbruch des Aufstandes 66 n. Chr. und der damit verbundenen erneuten Eroberung wurde dieser Weg beschritten, war jedoch letztlich erst nach der Niederschlagung des Bar-Kochba-Aufstandes erfolgreich.
2. Kulturelle Inkorporation: Diese Option hätte eine Übertragung der römischen Leitkultur à la longue bewirken müssen. Hohe kulturelle, soziale und wirtschaftliche Investitionen gezielt auf die Ursachen der Unterstützung für die Aufstandsbewegung hätten mit einer Eindämmung der Aufständischen einhergehen müssen. Dafür hätte die jüdische Elite mit ins Boot geholt werden müssen. Die Entscheidung für diese Option hätte ebenfalls zentral in Rom erfolgen müssen. Der Erfolg dieser Handlungsoption lässt sich nur vermuten, jedoch nicht belegen.
3. (Teil-)Autonomie: Der bereits versuchte Weg der indirekten Herrschaft (Herodes) hätte erneut beschritten werden können. Die Handlungsfreiheit eines Klientelfürsten wäre durch die „Wünsche“ Roms entsprechend definiert worden. Die (Teil-)Autonomie findet sich am Beispiel Agrippas I., dessen Versuche, eine eigenständige politische Position zu entwickeln, von Rom strikt unterbunden wurde (Flav. Jos. Ant. 19,8,1). Diese Entscheidung wäre ebenfalls zentral zu treffen gewesen.
4. Kulturelle Infiltration: Diese Option zerfällt einerseits in Elitenprotektionismus und andererseits in die Bildung einer Marionettenregierung. Elitenprotektionismus wurde teilweise versucht, konnte alleine jedoch keinen ausreichenden Erfolg erzielen. Elitenprotektionismus stand im Entscheidungsbereich des Präfekten, eine Marionettenregierung unterlag zentralrömischer Entscheidung.
5. Spielen auf Zeit: Diese Option diente der Vorbereitung einer anderen Option mit einem Schwergewicht auf der räumlichen Begrenzung des Aufstands. Diese Option lag in der Entscheidung des lokalen Kommandanten.
Die Handlungsoptionen 4 und 5 wurden über Jahre verfolgt, ohne einen Erfolg verbuchen zu können. Das Versagen Roms war also ursprünglich politisch begründet. Ein detaillierter Vergleich vermag diesen Eindruck zu verstärken.

 

Die Bewertung erfolgt anhand einer dreistufigen Skala, die von „ja“ (d.h. in der Aufstandsbekämpfung umgesetzt) über „neutral“ (d.h. in Ansätzen erkennbar) bis „nein“ (d.h. nicht umgesetzt) reicht. Dabei mussten vereinzelt auch Zwischenstufen eingezogen werden. Die Umsetzung durch Rom könnte dabei möglicherweise unterschiedlich bewertet werden, die vorliegende Bewertung kann jedoch einer ersten Orientierung dienen.
Wenn man zusätzlich die drei Bedingungen erfolgreicher Aufstandsbekämpfung nach Seth Jones heranzieht, erkennt man das Dilemma, dem sich die Römer ausgesetzt sahen. Diese Bedingungen waren: 1. Aufbau einheimischer Sicherheitskräfte; 2. lokale Verwaltung und 3. Unterbindung externer Unterstützung für die Aufständischen.73) Die beiden ersten Bedingungen waren nicht zu erreichen. Die Hilfstruppen, die aus der nichtjüdischen Bevölkerung (lokal oder extern) rekrutiert wurden, können nicht als einheimische Sicherheitskräfte verstanden werden. Sie wurden als Römer wahrgenommen, auch wenn sie ihrer Herkunft nach das nicht waren. Die lokale Verwaltung, die in Ansätzen vorhanden war, kann ebenfalls nicht in diesem Sinn verbucht werden.
Es lässt sich erkennen, dass ein grundlegendes Problem die niedrige Position und Qualifikation des Präfekten war. Ein Präfekt wie Tiberius Julius Alexander war eher die Ausnahme. Seine politische Befähigung lässt sich daraus erkennen, dass er später zum Praefectus Aegypti, dem höchsten ritterlichen Amt, ernannt wurde. Die meisten Amtsinhaber hingegen konnten nach ihrer Zeit in dieser mühevollen, aber wenig prestigeträchtigen Funktion auf keine besonders erfolgreiche weitere Karriere verweisen.74) Das war wohl auch ein Beweis für ihre geringere Befähigung. Einschränkend ist zu sagen, dass selbst Alexander in seiner Amtszeit Probleme mit dem Wiedererstarken der Zelotenbewegung hatte. Umso stärker hätten die restlichen Präfekten einer stärkeren Kontrolle ihres Verhaltens unterworfen werden müssen. Um eine tiefgreifende Änderung der römischen Politik zu bewirken, war ihre Stimme nicht gewichtig genug.
In der Frage der Legitimität, die heutzutage stark betont wird, lassen sich die gravierenden Abweichungen in der Aufstandsbekämpfung gerade aus der Rolle Roms als Besatzungsmacht ableiten.75) Die Aufstandsbekämpfung durch die Römer hätte in ihrer Zielsetzung aufgrund dieses Problems zuerst auf die Eindämmung des Konflikts auch durch teilweise Beseitigung ihrer Ursachen abzielen müssen. Die Tatsache, dass es überhaupt zu einer Eskalation kam, zeigt, dass Rom in der Einschätzung der Aufstandsbewegung und in der geringen Prioritätenzuordnung, ausgedrückt durch den geringen Rang der Präfekten, bereits die Voraussetzungen für das Versagen setzte.
Die Stabilität, die von manchen Präfekten beim Versuch, Zeit zu gewinnen und ihre Amtszeit relativ unbeschadet zu überstehen, angestrebt wurde, könnte auch als „a brittle form of stability“ bezeichnet werden, die auch durch Gewalt und Korruption aufrechterhalten werden konnte.76) Darüber hinausgehend wäre wohl ein Eindämmen der Aufstandsbewegung über diese niedrige Stufe, die letztlich auch nicht ausreichte, hinaus möglich gewesen, wenn Rom sich zu einer tiefgreifenden Änderung seiner Politik entschieden hätte.

Fazit

Rom war eine Besatzungsmacht. Die jüdische Elite arrangierte sich zwar großteils damit, der Großteil der Bevölkerung konnte jedoch keinen Vorteil in einer Besatzung durch Rom erkennen. Befreiungsbewegungen, die aus der Erfahrung einer Besatzung entstanden, ist generell schwer zu begegnen. Eine Modifikation einzelner Rahmenbedingungen ändert an der Tatsache der Besatzung nichts. Im Fall einer erfolgreichen Aufstandsbekämpfung wie Malaysia konnte das englische Empire v.a. deshalb die Aufständischen bezwingen, da eine Unabhängigkeit in Aussicht gestellt wurde. Damit war die Frage der Legitimität vom Tisch.77) Das war für Rom anscheinend kein gangbarer Weg. Es hätte also die Frage der Eindämmung der Aufstandsbewegung mit anderen Mitteln ins Auge gefasst werden müssen.
Für dieses Eindämmen des Konflikts wäre es wichtig gewesen, die zugrunde liegenden Ursachen des Aufstands zumindest als politische, soziale und wirtschaftliche Probleme zu erkennen, die Teile der Bevölkerung zur Unterstützung der Insurgenten veranlassten. In diesem Bereich haben die Römer letztlich versagt. Sie haben zwar versucht, einzelne Faktoren anlassbezogen zu steuern. Da sie an der Grundbedingung der militärischen Okkupation ohne Rekurs auf kulturelle, soziale, wirtschaftliche oder ideologische Mittel nichts änderten, konnten sie diese Aufstandsbewegung nur soweit unter Kontrolle halten, dass es nicht zum offenen Ausbruch kam. In diesem Stadium ist von einer stabilen Situation auszugehen. Der Leidensdruck bei großen Teilen der Bevölkerung war noch nicht stark genug, um den offenen Aufstand zu wagen. Aufgrund der Konzentration auf die aktiven Elemente der Aufstandsbewegung und des Vernachlässigens der zugrunde liegenden Gründe für die Unterstützung derselben blieb die Sicherheitslage für die Römer prekär.
Zum Kippen wurde das System durch jene Präfekten gebracht, die als bestechlich und in ihrem Verhalten als unberechenbar angesehen wurden. Damit war der Glaube daran, dass es möglich sei, langfristigen Nutzen eher aus römischer Herrschaft als blutiger Bekämpfung derselben zu ziehen, bei so großen Bevölkerungsgruppen gestört, dass ein offener Bruch möglich war. Das Prinzip der Eindämmung wurde nicht beherzigt. Eine weitere politische Lösung hätte ein weit größeres Engagement Roms als zentrale Machtstelle erfordert. Für Rom war jedoch das Suchen einer politischen Lösung für ein Problem, das eigentlich nur eine Unbotmäßigkeit von Gewaltunterworfenen war, anscheinend denkunmöglich.
Die Grundproblematik der Anwendung moderner Konzepte auf historische Beispiele lässt sich auch im vorliegenden Fall erkennen. Lediglich eine differenzierte Analyse der historischen Voraussetzungen und angenommenen Gesetzmäßigkeiten der modernen Konzepte und eine klare Festlegung der geänderten Rahmenbedingungen ermöglichen eine korrekte und damit zielführende Anwendung auf zeitlich weit entfernte Epochen.


ANMERKUNGEN:

1) Ich bin MjrdG Klaus Klingenschmid für einige wichtige Hinweise dankbar. Herbert Kern diente mit seiner Kenntnis der Werke des Flavius Josephus öfters als Kontrollinstanz, dafür mein Dank. Frühere Versionen dieser Arbeit wurden bei einem Vortrag in Mautern im Rahmen der Wintervortragsreihe der 3. PzGrenbrig und bei einem Seminar am IHSW/LVAk im März 2012 präsentiert.
2) Der Begriff counterinsurgency und damit auch insurgency hat sich allgemein durchgesetzt, dennoch wird in weiterer Folge der leichteren Lesbarkeit wegen sinngemäß von Aufstandsbewegung bzw. Aufstandsbekämpfung gesprochen. Aufstandsbekämpfung beinhaltet mehr als den Kampf gegen irreguläre Kräfte im Ausland (vgl. Militärstrategisches Konzept des Österreichischen Bundesheeres, Wien 2006, S.38f.) und ist derzeit noch nicht gänzlich in die nationale Vorschriftenlandschaft integriert. In der Literatur wird die enge Verbindung mit Stabilisierungsoperationen angesprochen, vgl. Joint Publication 3-24 Counterinsurgency Operations 2009, I-8-16 (JP 3-24) u. D. H. Ucko, The New Counterinsurgency Era. Transforming the U.S. Military for Modern Wars, Washington 2009, S.9f. Durch diese Nähe der Aufstandsbekämpfung zum Szenario Stabilisierung, Wiederaufbau und Militärberatung in Drittstaaten ergibt sich die Notwendigkeit, sich mit dem Thema der Aufstandsbekämpfung auseinanderzusetzen (Szenarien und Gleichzeitigkeitsbedarf, Anlage zum Militärstrategischen Konzept, Wien 2006, S.23ff.).
3) Vgl. die entsprechende Ankündigung auf der Internetseite des United States Army Combined Arms Center: http://usacac.army.mil/cac2/coin/FM3-24Revision.asp [abgerufen am 5. 11. 2012]. Die Veröffentlichung der überarbeiteten Version ist mit August 2013 geplant.
4) Vgl. die relativ starke Betonung der auf Mao Tsetung zurückgehenden Theorie des Guerillakampfes (FM 3-24 1-6f.).
5) Damit sollte jedoch keine Patentlösung für alle zukünftigen Konflikte präsentiert werden, da jeder Konflikt ganz eigene Rahmenbedingungen aufweist, wie auch im Fall des Jüdischen Aufstands erkannt werden kann. Vgl. zur Frage der silver-bullet solution Ucko, Era, S.111f.
6) C. E. Calwell: Small Wars. Their Principles and Practice, London 31906, S.26.
7) Vgl. Carl Prine, Crispin Burke, and Michael Few: Evolving the COIN Field Manual: A Case for Reform. In: Small Wars Journal Juli 2011 [online unter: http://smallwarsjournal.com/jrnl/art/evolving-the-coin-field-manual-a-case-for-reform; abgerufen am 5. 11. 2012].
8) Die Teilnahme von einzelnen Personen rechtfertigt noch nicht, von externer Unterstützung zu reden; vgl. J. R. Curran: The Jewish War: Some Neglected Regional Factors. In: The Classical World 101,1/2007, S.82f.: u.a. kämpften zwei Verwandte des Königs von Adiabene, Monobazus, auf der Seite der Aufständischen (Flav. Jos. BJ 2,19,2 u. 6,6,4).
9) Vgl. Ch. C. Krulak: The Strategic Corporal: Leadership in the Three Block War. In: Marines Magazine Jänner 1999 [online unter: www.au.af.mil/au/awc/awcgate/usmc/strategic_corporal.htm; abgerufen am 20. 3. 2013].
10) Vgl. Flav. Jos. BJ 2,12,1: Ein Soldat zeigt bei einem religiösen Fest sein entblößtes Gesäß; Flav. Jos. BJ 2,12,2: Während einer Hausdurchsuchung wird eine Thora von einem Soldaten zerstört; dieser wird vom Statthalter hingerichtet, der Schaden ist aber nicht wiedergutzumachen.
11) Vgl. M. Vego: Feldzugsplanung zur Counterinsurgency. In: ÖMZ 2/2008, S.151f.; FM 3-24 1-21; D. J. Kilcullen, Globalization and the Development of Indonesian Counterinsurgency Tactics. In: Ders., Counterinsurgency, London 2010, S.85-95.
12) Joint Doctrine Publication 3-40 Security and Stabilisation: The Military Contribution, 2009, p.2-2.
13) Vgl. M. Goodman: Rome and Jerusalem. The Clash of Ancient Civilizations, New York 2007, S.8: „conspicuously unsuccessful“.
14) Vgl. Goodman: Rome, S.9.
15) Vgl. A. M. Eckstein: Josephus and Polybius: A Reconsideration. In: Classical Antiquity 9,2/1990, S.203, dort auch die weiterführende Literatur.
16) Vgl. M. Goodman: The Ruling Class of Judäa. The Origins of the Jewish Revolt Against Rome, A.D. 66-70, S.22f.
17) So die Verwendung von Geldern aus dem Tempelschatz zum Bau einer Wasserleitung (Flav. Jos. BJ 2,9,4).
18) Vgl. Goodman: Rome, S.346f.
19) Zur Bedeutung von hebräischer und paläohebräischer Schrift auf den Münzen der Aufständischen vgl. S. Schwartz: Language, Power and Identity in Ancient Palestine. In: Past&Present 148/1995, S.27 mit weiterer Literatur zu diesen Münzen.
20) Pontius Pilatus ging auch bei der Münzsymbolik einen anderen Weg, indem er nichtjüdische Kultgegenstände darstellen ließ. Vgl. zu den Präfektenprägungen B. Kanael: Ancient Jewish Coins and Their Historical Importance. In: The Biblical Archaeologist 26,2/1963, S.53-55 und zu den Münzen der Aufständischen ebenda, S.57-59.
21) Vgl. Tac. Ann. 5,9 zu einem kurzen Abriss aus römischer Sicht bis 66 n.Chr.
22) Vgl. Flav. Jos. BJ 2,3-5.
23) Das Ende der Herrschaft der Herodier in Judäa kam wohl aufgrund dynastischer Streitigkeiten, vgl. Cass. Dio 55,27,6; Strabo 16,2,46; vgl. auch Goodman: Class, S.39.
24) Vgl. Goodman: Class, S.8.
25) Vgl. W. Eck: Rom und Judäa. Fünf Vorträge zur römischen Herrschaft in Palaestina, Tübingen 2007 (Tria Corda; 2), S.24 u. 42.
26) Die weiteren Garnisonen waren Samaria, Kypros bei Jericho, Machairus, die Jesreel-Ebene und Askalon, vgl. P. Schäfer: Geschichte der Juden in der Antike, Stuttgart 1983, S.120.
27) Vgl. G. L. Cheesman: The Auxilia of the Roman Imperial Army, Oxford 1914, S.178; 181f.; 184.
28) Vgl. 2 Sam. 24,10; 1 Chron. 21,1-8.17; Levit. 25,23. Vgl. a. S. Applebaum, The Zealots: The Case for Revaluation. In: JRS 61/1971, S.162.
29) Vgl. Flav. Jos. BJ 2,8,1; 2,17,8; 7,8,1; Ant. 18,1f. (bes. 18,1,6 wo Flavius Josephus vom absoluten Freiheitsdrang und der Opferbereitschaft dieser vierten Philosophie spricht); Apg 5,37. Ob es sich bei dieser sog. vierten Philosophie um die Zeloten oder die Sicarii handelt, wird in der Forschung kontrovers gesehen; vgl. S. Zeitlin, Zealots and Sicarii. In: Journal of Biblical Literature 81/1962, S.395-8; M. Smith: Zealots and Sicarii. Their Origins and Relation. In: The Harvard Theological Review 64/1971, S.1-19. Der Hohepriester, der dem Widerstand nur mit großer Mühe beikommen konnte, wurde wenige Monate später abgesetzt (Flav. Jos. Ant. 18,2,1).
30) Vgl. Flav. Jos. Ant. 19,8,2; Tac. Ann. 12,23.
31) Flav. Jos. BJ 2,13,2; 2,14,1.
32) Zur Abgrenzung zwischen Aufstandsbewegung und Terrorismus vgl. Kilcullen: Counterinsurgency, S.186-190. Das Vorgehen der Sikarier kann auch als Musterbeispiel einer urban insurgency angesehen werden (vgl. FM 3-24 1-28f.).
33) Vgl. Goodman: Rome, S.409; Tac. Ann. 12,54 zu Antonius Felix und Ventidius Cumanus; Flav. Jos. 2,14,1f. u. 6-9 zu Albinus und Florus.
34) Flav. Jos. BJ 2,12,3-5.
35) Flav. Jos. BJ 2,15,6.
36) Flav. Jos. BJ 2,17,10.
37) Flav. Jos. BJ 2,18,9-19,8.
38) Flav. Jos. BJ 2,20,3.
39) Flav. Jos. BJ 3,6,3.
40) Flav. Jos. BJ 7,6,6.
41) Vgl. K. Bringmann: Geschichte der Juden im Altertum. Vom babylonischen Exil bis zur arabischen Eroberung, Stuttgart 2005, S.272-286.
42) Vgl. E. Baltrusch: Die Juden und das Römische Reich. Geschichte einer konfliktreichen Beziehung, Darmstadt 2002, S.21.
43) Vgl. Baltrusch: Juden, S.91.
44) Vgl. M. Bernett: Der Kaiserkult in Judäa unter den Herodiern und Römern. Untersuchungen zur politischen und religiösen Geschichte Judäas von 30 v. Chr. bis 66 n. Chr., Tübingen 2007 (Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament; 203), S.335f. Vgl. hingegen Goodman, Class, S.17, der meint, dass eine Opposition gegen hellenistische Kultur kein Grund sei, dass es zu einer verstärkten Opposition gegen Rom käme, da Rom keine Hellenisierungsversuche startete. Dagegen ist anzumerken, dass in der Opposition gegen das Fremde, v.a. gegen Fremdherrscher, zu vielfältigen Argumenten gegriffen wurde.
45) Vgl. Baltrusch: Juden, S.119 u. 157.
46) Zu Ti. Iulius Alexander vgl. A. Stein: Ti. Iulius Alexander, Nr. 69. In: Realencyclopädie 19. Halbband (1918), Sp. 153-157. Vgl. S. Applebaum: Romanization and indigenism in Judaea. In: Ders., Judaea in hellenistic and Roman times, Leiden u.a. 1984, S.159: „The Jews combined a religious ethical system which they took seriously, with a sense of identity, election and mission.“
47) Vgl. Flav. Jos. Ant. 20,5,2.
48) Philo Legatio ad Gaium 299-305; vgl. a. Goodman: Class, S.15f. Dabei handelte es sich um Schilde, die in der Burg Antonia aufgehängt werden sollten. Sie trugen den Namen des Kaisers, jedoch nicht sein Porträt.
49) Vgl. D. C. Rapoport: Fear and Trembling. Terrorism in Three Religious Traditions. In: The American Political Science Review 78,3/1984, S.671: „For some time before the rebellion, Rome kept expanding the unusual exemptions given Jews, and the uprising was fuelled partly by rising expectations.“
50) Vgl. die Bewertung Alexanders bei Flav. Jos. BJ 2,11,6. Damit ist nicht gesagt, dass Alexander philosemitisch agierte, vgl. B. Kelly: Riot Control and Imperial Ideology in the Roman Empire. In: Phoenix 61/2007, S.166.
51) Flav. Jos. BJ 2,13,4f. Vgl. Goodman: Rome, S.195-200.
52) „Feinde sind jene, welchen wir oder welche uns öffentlich den Krieg erklärt haben; die übrigen werden als Räuber oder Piraten bezeichnet.“
53) Ulpianus Dig. 49,15,24 pr.
54) Marcian Dig. 48,19,11,2. Vgl. W. Riess: The Roman bandit (latro) as criminal and outsider. In: The Oxford Handbook of Social Relations in the Roman World, hrsg. v. M. Peachin, Oxford 2010, S.695f.
55) Callistratus Dig. 48,19,28,15.Vgl. H. F. Hitzig, furca. In: Realencyclopädie 14. Halbband (1910), Sp. 305-307.
56) Vgl. M. Licinius Crassus und sein Sieg über die Sklaven unter Spartakus. Dieser wurde nur als minderer Erfolg angesehen, der keinen regulären Triumph, sondern nur eine ovatio, eine mindere Form, rechtfertigte. Deshalb versuchte er, einen regulären Triumph über die Parther zu erlangen, was zur katastrophalen Niederlage bei Carrhae 53 v. Chr. führte.
57) Vgl. JP 3-24 II-13.
58) Analog zu modernen Aufstandsbewegungen (FM 3-24 1-40) auch für den Jüdischen Aufstand anzunehmen bzw. teilweise aus den Quellen ableitbar.
59) Vgl. Flav. Jos. 4,2,1. Zusätzlich muss angeführt werden, dass Galiläa die natürliche Einfallsroute der Römer aus Syrien war und damit Zerstörungen besonders ausgesetzt war.
60) Mk 15,7 u. Lk 23,18f.; vgl. a. B. Isaac, Bandits in Judaea and Arabia. In: Harvard Studies in Classical Philology 88/1984, S.180. Passiv war die Unterstützung deshalb, da die Bevölkerung damit keinen Bruch mit der Besatzungsmacht riskierte.
61) Vgl. R. A. Horsley: The Sicarii: Ancient Jewish „Terrorists“. In: The Journal of Religion 59/1979, S.439-441.
62) Vgl. Goodman: Class, S.45f.
63) FM 3-24 A-5.
64) Flav. Jos. BJ 2,15f.
65) Vgl. Goodman: Class, S.7-14.
66) Vgl. z.B. Jos. BJ 1,33,2.
67) Vgl. Goodman: Rome, S.114.
68) Die Höhe der Steuerlast wird von manchen modernen Forschern geringer als zu Zeiten des Herodes angesehen. Eine Reduktion der Steuern aufgrund lokaler Bedingungen war jedoch unter den Herodiern wahrscheinlicher als unter den Römern. Vgl. S. Applebaum: The Zealots: The Case of Revaluation. In: JRS 61/1971, S.158, der zwar nicht ausdrücklich erklärt, dass es unter Herodes eine höhere Belastung gab, es jedoch impliziert. Zu den Steuern vgl. M. Gil: The Decline of the Agrarian Economy in Palestine under Roman Rule. In: Journal of the Economic and Social History of the Orient 49/2006, S.295-302, zur anachoresis v.a. im 2. Jahrhundert n. Chr. S.314f.
69) Ein Erdbeben und eine anschließende Hungersnot ereigneten sich unter Claudius, vgl. Flav. Jos. Ant. 20,5,2; Apg 11,28 u. Mk 13,8; H. Schwier, Tempel und Tempelzerstörung. Untersuchungen zu den theologischen und ideologischen Faktoren im ersten jüdisch-römischen Krieg (66-74 n.Chr.), Freiburg/Göttingen 1989, S.259. Hinweise auf steuerliche Belastung auch bei Tac. Ann. 2,42.
70) Flav. Jos. BJ 2,17,6. Goodman: Class. S.18 sieht das Interesse der finanziell Bedrängten am Aufruhr erst durch die Verbrennung der Urkunden gegeben. Dabei wird jedoch die aktive/passive Unterstützung eines Aufstandes nicht begründet. Eine Bedeutung müsste die Frage der wirtschaftlichen Lage der Bevölkerung bereits zuvor gehabt haben, um im offenen Aufstand als Agenda aufgenommen zu werden.
71) Calwell: Wars, S.91; vgl. a. Joint Doctrine Publication 3-40, p.2-7: heutzutage Betonung der politisch-strategischen Ebene.
72) Den Anstoß zu diesen Handlungsoptionen erhielt ich von MjdG Klingenschmid, allfällige Fehler in der Anwendung liegen in meiner Verantwortung.
73) Vgl. S. G. Jones: Counterinsurgency in Afghanistan, Santa Monica 2008 (RAND COIN Study 4), S.XI.
74) Vgl. dazu J. Curran: „The Long Hesitation“: Some Reflections on the Romans in Judaea. In: Greece&Rome 52/2005, S.85-87.
75) Ironischerweise sind die Römer in Judäa in ihrer Außenwirkung mit einem ähnlichen Problem konfrontiert wie der israelische Staat heute, der den eigentlichen Grund des Konflikts aus Sicht seiner Gegner, nämlich die Existenz Israels, mit allen Mitteln aufrechterhalten muss. Vgl. S. Metz u. R. Millen: Insurgency and Counterinsurgency in the 21st century: Reconceptualizing Threat and Response, Carlisle 2004 (Strategic Studies), S.23 u. Y. Amidror, Asymmetrische Kriegführung - Die israelische Perspektive. In: Jerusalem Zentrum [online unter http://www.jer-zentrum.org/ViewArticle.aspx?ArticleId=137; abgerufen am 19.2.2013].
76) Vgl. Joint Doctrine Publication 3-40 Security and Stabilisation: The Military Contribution, 2009, p. 1-7. Der Irak unter Saddam Hussein wird als Beispiel dafür angeführt.
77) Vgl. J. Nagl: Learning to Eat Soup with a Knife. Counterinsurgency Lessons from Malaya and Vietnam, Chicago/London 2005, S.59ff.