Ist Algerien immun gegenüber dem arabischen Umbruch? 

Martin Pabst

 

In den zahlreichen Neuerscheinungen zur „Arabische Revolte“ wird Algerien kaum behandelt, und wenn, dann meist nur am Rande als vergleichsweise stabiler Staat. Doch das Land ist zu wichtig, um es mit wenigen Sätzen abzutun. Mit 2,38 Mio. qkm ist Algerien nicht nur größter Flächenstaat in Afrika, sondern auch im MENA-Raum (Naher/Mittlerer Osten, Nordafrika). In punkto Bevölkerungszahl steht es dort nach Ägypten (ca. 83 Mio.) mit 37 Mio. Einwohnern an zweiter Stelle. Aufgrund seiner reichen Vorkommen an Erdöl und Erdgas besitzt Algerien erhebliche geostrategische Bedeutung. So ist es zehntgrößter Erdgasproduzent der Welt und für 25% der EU-Erdgasimporte verantwortlich - die EU kann damit ihre Abhängigkeit von russischen Lieferungen reduzieren. Als größter Sahara-Staat hat Algerien zudem erhebliches Potenzial bei erneuerbaren Energien und spielt eine wichtige Rolle im von der Union für das Mittelmeer unterstützten DESERTEC-Projekt.

Algerien ist auch ein Brückenland zwischen Europa und Sub-Sahara-Afrika und verfügt über erheblichen Einfluss im instabilen Sahel-Raum. Nach dem Zerfall der syrischen Armee stellt Algerien im MENA-Raum nach Ägypten die zweitstärksten Sicherheitskräfte. Die in der Anti-Terror-Kampf erprobte Wehrpflichtigen-Armee zählt 130.400 Mann (Heer 110.000, Luftwaffe 14.000, Marine 6.000) zuzüglich 150.000 Reservisten. Hinzu kommen 187.200 Paramilitärs (Gendarmerie 20.000, Nationale Sicherheitskräfte 16.000, Republikanische Garde 1.200, kommunale Milizen ca. 150 000).

So stark Algerien nach außen auftritt, so groß sind freilich seine Probleme im Innern, die denen anderer arabischer Staaten ähneln: hohe Jugendarbeitslosigkeit, desaströse Lebensverhältnisse vieler Bürger, mangelhafte staatliche Dienstleistungen, Benachteiligung von Bevölkerungsgruppen, staatliche Legitimitätsdefizite. 2014 wird nicht nur ein Nachfolger für den 77-jährigen Staatspräsidenten Abd al-Aziz Bouteflika gewählt, sondern es steht auch die überfällige Ablösung der Generation des Befreiungskrieges (1954-62) an, die noch die Schalthebel von Politik, Militär und Wirtschaft kontrolliert. Dies birgt Chancen und Risiken.

Warum hat sich die Unruhe in der arabischen Welt bisher nicht stärker in Algerien bemerkbar gemacht? Der Islam ist eine allgemein respektierte, nicht desavouierte Kraft, doch haben islamistische Parteien und Führer aufgrund der Exzesse des Bürgerkriegs an Renommee verloren. Die legalen islamistischen Parteien sind kooptiert und in Klientelnetzwerke eingebunden, was ihre Glaubwürdigkeit mindert. Entscheidend ist zudem, dass die algerische Gesellschaft zutiefst traumatisiert ist: vom erbitterten Befreiungskrieg gegen Frankreich (1954-62), vom dauernden Machtkampf in der FLN und dem ständigen Feldzug gegen Abweichler und Minderheiten, schließlich vom Terror und Gegenterror des Bürgerkriegs (1991-2002). Viele Algerier ziehen sich resigniert ins Privatleben zurück und fürchten nichts mehr als eine erneute Entfesselung der Barbarei. Noch offen ist, welche Folgen die vom Mali-Konflikt ausgelösten jüngsten Ereignisse in der algerischen Innenpolitik haben werden.

Die Frustration vieler Algerier wird zunehmen und sich irgendwann explosiv entladen, wenn keine Reformen angegangen werden. Das Jahr 2014 ist für Algerien Chance und Risiko zugleich. Gelingt ein geordneter Übergang mit mehr Pluralismus und weniger Einfluss der Sicherheitskräfte, kann sich Algerien auf die Lösung seiner sozio-ökonomischen Probleme konzentrieren.