Globale Renaissance der Kernenergie oder nur eine Wiedergeburt von Ankündigungen? Die Vision einer Welt ohne Nuklearwaffen und die Perspektiven der weltweiten zivilen Nutzung der Kernenergie

Frank Umbach

 

Die Verkündung der vollständigen Abschaffung aller Nuklearwaffen in der Welt durch den amerikanischen Präsidenten Barack Obama im April 2010 in Prag wäre kaum vergleichbar beachtet worden, wenn diese Vision inzwischen nicht auch von so prominenten ehemaligen US-Außen- und Verteidigungspolitikern sowie Sicherheitsexperten wie Henry Kissinger, George P. Shultz, William Perry, Sam Nunn und Richard Burt unterstützt worden wäre. Auch in Deutschland schlossen sich der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt, der frühere Bundespräsident Richard Weizsäcker und der langjährige ehemalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher der Vision einer vollständigen Abschaffung aller Nuklearwaffen an, auch wenn Präsident Obama und auch Henry Kissinger diese hinsichtlich eines realistischen Zeitraumes inzwischen bereits teilweise selbst wieder revidiert haben. Präsident Obama konnte sich innenpolitisch die Zustimmung im Senat für die Unterstützung und Ratifizierung des neuen START-Vertrages auch nur durch ein neues 85 Milliarden-Programm zur Modernisierung der amerikanischen Nuklearwaffensysteme erkaufen, mit dem bis zu 80 neue Nuklearsprengköpfe pro Jahr hergestellt werden können.

Obamas Vision und die prominente Unterstützung resultieren aus der zunehmenden Besorgnis, dass sich das nukleare Nichtverbreitungsregime (NPT) in einer tiefen globalen Glaubwürdigkeitskrise befindet. Die anstehende Überprüfungskonferenz vom Mai 2010 drohte ohne neue Abrüstungsschritte zu scheitern mit der möglichen Konsequenz, dass schon in wenigen Jahren eine immer größere Zahl von Staaten und nichtstaatlichen Akteuren sich Nuklearwaffen und/oder „schmutzige Bomben“ aneignen und damit die internationale Stabilität sowie Sicherheit nachhaltig gefährden könnten. Bereits im April 2010 wurden Rolle und Anzahl der amerikanischen Nuklearwaffen in der neuen Nuclear Posture Review (NPR) für die nationale Sicherheit der USA und ihrer Verbündeten deutlich deklaratorisch abgewertet. Insofern fand die 8. Überprüfungskonferenz des NPT-Vertrages im Mai 2010 tatsächlich in einer veränderten Stimmung statt, in der die USA erstmals die genaue Anzahl ihrer operativen Nuklearsprengköpfe im Sinne der Schaffung internationaler Transparenz offen legten und zusammen mit Russland ihre nukleare Abrüstungsbereitschaft zumindest bei den strategischen Nuklearwaffen bekräftigten. Zudem soll eine Konferenz zum Aufbau einer massenvernichtungswaffenfreien Zone im Nahen Osten geschaffen werden, die vor dem Hintergrund immer größerer Ambitionen zum Bau eigener ziviler Kernreaktoren im Mittleren Osten dringender denn je erscheint. Wie die zunehmende Besorgnis der arabischen Nachbarstaaten Irans in den Wikileaks-Dokumenten belegt, könnten sich diese Ambitionen keineswegs nur auf die zivile Nutzung der Kernenergie beschränken.

Bereits während der letzten zwei Jahrzehnte ist die nukleare Proliferation durch illegale Nuklearwaffenprogramme Nordkoreas, Irans, Libyens, Israels, Pakistans und Indiens vorangeschritten. Dabei konnte nur das libysche Programm diplomatisch gestoppt werden. Eine weitere Proliferation von Nuklearwaffenprogrammen wird v.a. im Mittleren Osten (Syrien, Ägypten, Saudi-Arabien, Türkei), aber auch in Asien (Myanmar) und Lateinamerika (Brasilien, Venezuela) befürchtet. Dabei ist allerdings höchst zweifelhaft, ob größere und ernsthaftere Abrüstungsschritte der USA und Russlands ausreichend sein werden. Zudem ist die inzwischen erfolgte Ratifizierung des neuen START-Vertrages zur Begrenzung der einsatzbereiten nuklearstrategischen Gefechtsköpfe in den nächsten sieben Jahren von 2.200 auf „nur“ noch 1.500 Gefechtsköpfe und die Halbierung der Trägersysteme auf je 700 zunächst wenig beeindruckend, wenn der Moskauer SORT-Vertrag von 2002 mit seinen Obergrenzen zwischen 1.700 und 2.200 strategischen Gefechtsköpfen berücksichtigt wird. Zwar verfügen beide Seiten noch immer über 95% der weltweiten Arsenale von Nuklearwaffen, doch sind weder die taktischen Nuklearwaffenbestände beider Seiten bisher in Abrüstungsprogrammen berücksichtigt noch aus Sicht Russlands und vieler „Schurkenstaaten“ die militärstrategischen Veränderungen alternativer konventioneller Militäroptionen und das amerikanische Raketenabwehrprogramm. V.a. aber sind bisher auch die kleineren Nuklearwaffenstaaten nicht bereit, ihre Arsenale in einen künftigen globalen Abrüstungsprozess einzubringen. Zwar mahnen sie größere Abrüstungsschritte der USA und Russlands seit Jahren an, doch sind ihre Nuklearwaffenambitionen zumeist nicht primär mit den USA und Russland verbunden, sondern häufig mit ungelösten regionalen Sicherheitsdilemmata und dem internationalem Prestige sowie Status des Nuklearwaffenbesitzes verknüpft.

Währenddessen gerät der im NPT dauerhaft vorgesehene Verzicht auf Kernwaffen nicht nur durch die bisher unzureichenden Abrüstungsschritte der USA und Russlands ins Wanken, sondern auch durch die dritte Säule des NPT, nämlich die Zusicherung an alle Vertragsparteien, Kernenergie friedlich nutzen zu dürfen. Diese energiepolitische Option hat in den letzten Jahren zunehmend neue Interessenten gewonnen. Deren Motivation dürfte jedoch nicht jederzeit allein auf die zivile Nutzung beschränkt sein. So berichtete auch der damalige Chef der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA), Mohammed ElBaradei, im April 2010, dass mehr als 60 Staaten, v.a. viele Schwellen- und Entwicklungsländer (darunter viele Staaten im Nahen und Mittleren Osten), seine Behörde über ihr Interesse an der Entwicklung eines nationalen Atomprogramms unterrichtet hätten. Darunter würden derzeit zwölf Staaten konkret einen Einstieg in die zivile Kernenergienutzung aktiv verfolgen. Zwar ist der Weg von der friedlichen zur militärischen Nutzung der Kernkraft weit, doch je mehr Staaten Uran anreichern und nukleare Brennelemente wiederaufbereiten, desto größer wird das Risiko der Verbreitung von waffenfähigem Uran oder Plutonium, und umso wichtiger wird die effektive Kontrolle des nuklearen Materials sein. Gleichzeitig konstatieren viele Energieexperten eine globale Renaissance der Kernenergie, die in Deutschland dagegen noch immer vielfach als eine „Renaissance der Ankündigungen“ ohne reale Implementierung (so der Grünen-Politiker Jürgen Trittin in der FAZ vom 16.7.2009) in Abrede gestellt wird.

Die folgende Analyse untersucht, ob von einer globalen Renaissance der Kernenergie wirklich gesprochen werden kann, welche politisch-ökonomischen oder sonstigen strategischen Gründe hierfür angeführt werden können, wie die Perspektiven für Europa aussehen und welche Auswirkungen dies auf die Vision einer nuklearwaffenfreien Welt bis 2030 haben würde, wie dies in dem Fahrplan „Global Zero Action Plan“ einer hochrangigen US-Diplomaten- und internationalen Expertengruppe propagiert worden ist. Dabei wird unter „Renaissance der Kernenergie“ nicht nur eine deutliche Steigerung des prozentualen Anteils der Kernenergie im globalen Energiemix verstanden (wie bei vielen Kritikern), sondern im breiteren Sinne auch eine deutliche Zunahme der Anzahl der Kernreaktoren und damit auch des Neubaus sowie der weltweiten Gesamtkapazitäten.

 

Globale Energietrends und geopolitische Risiken der Energieversorgungssicherheit

Nach den neuesten Szenarien und Prognosen der Internationalen Energieagentur (IEA) in Paris wird die Weltenergienachfrage bis 2035 um bis zu 36% zunehmen. Auch aus Sicht der IEA sind die gegenwärtigen energiepolitischen Megatrends nicht nur aus klimapolitischen, sondern auch aus Gründen der Bewahrung der globalen Energiesicherheit nicht länger tragbar. 2008 haben die Entwicklungsländer mit China an der Spitze erstmals die OECD-Staaten beim Verbrauch von Primärenergie übertroffen. Gegenwärtig erwirtschaften 82% der Weltbevölkerung nur 25% des globalen Bruttoinlandsproduktes, benötigen hierfür aber 50% der Weltenergieproduktion. Dabei spielen die folgenden globalen energiepolitischen Megatrends eine besondere Rolle für die künftige Stabilität der Weltwirtschaft:

- Bis 2035 wird der zusätzliche globale Anstieg zu 93% auf die Nicht-OECD-Staaten entfallen, obwohl auch die Energienachfrage der OECD-Staaten sich um bis zu 15% erhöhen dürfte.

- Der Anteil der fossilen Energieträger im globalen Energiemix wird 2035 unter Berücksichtigung der neueren energiepolitischen Pläne aller weltweiter Staaten noch immer bei 74% liegen und somit auch den Großteil des Anstiegs der weltweiten Energienachfrage decken müssen.

- Rohöl bleibt mit etwa 28% (33% im Jahr 2008) im weltweiten Energiemix der wichtigste Energieträger bis 2035. Der durchschnittliche Rohölbedarf wird bis 2035 weltweit um 37% gegenüber 2008 zunehmen. Da nicht nur die Zunahme der Weltrohölnachfrage, sondern auch viele erschöpfte Ölfelder ersetzt werden müssen (die weltweite Produktion von 68 mb/d der gegenwärtigen Erdölfelder von 2009 wird auf ganze 16 mb/d 2035 abnehmen), muss die Rohölproduktion bis 2035 sogar um faktisch 28 mb/d bis 2020 und sogar um 67 mb/d (das Sechsfache der heutigen Gesamtrohölproduktion Saudi-Arabiens als weltgrößter Rohölproduzent) bis 2035 gegenüber heute zunehmen, um die Lücke zwischen globaler Rohölnachfrage und abnehmender Produktion in den gegenwärtigen Erdölfeldern zu kompensieren.

- Während die Peak-Oil-Debatte auch in den nächsten Jahren kontrovers bleiben wird, so ist heute schon unstrittig, dass die „Ära des billigen Öls“ bereits vorbei ist.

- Die Zunahme der weltweiten Erdgasproduktion um 44% von 3.049 billion cubic meters (bcm) im Jahr 2008 auf 4.500 bcm 2035 wird mit 46% im Mittleren Osten erfolgen müssen - derjenigen Region, die bereits für die Stabilität der Weltrohölversorgung ohne Alternative ist, bis 2035 ihre Erdgasproduktion gegenüber heute verdoppeln muss und gegenwärtig mit politischen Revolutionen konfrontiert ist. Auch bei Gas werden die Nicht-OECD-Staaten für 84% des globalen Nachfrageanstiegs verantwortlich sein. China allein wird dabei ein durchschnittliches jährliches Wachstum von 6% aufweisen. Dabei werden Chinas Erd- und Flüssiggasimporte von gerade einmal 5 bcm 2008 auf bis zu 200 bcm 2035 zunehmen und damit rund 40% des weltweiten interregionalen Gashandels ausmachen. Der interregionale Gashandel wird von 680 bcm 2008 um 80% auf 1.190 bcm bis 2035 zunehmen. Davon wird der größte Teil in Form von Flüssiggas (LNG) transportiert werden, dessen Anteil von 52% im Jahr 2006 auf 69% 2030 ansteigen und zahlreiche neue Sicherheitsprobleme aufwerfen wird. Die globale Erdgasnachfrage wird allerdings durch die globale „stille Revolution“ der Fördertechnologien von unkonventionellem Erdgas erleichtert, die bis 2035 nicht weniger als 35% des Anstiegs der globalen Erdgasproduktion ausmachen könnte.

- Der weltweite Strombedarf wird zwischen 2007 und 2030 um über 75% ansteigen. Während der Kohleanteil an der weltweiten Stromerzeugung von 41 auf 44% zunehmen wird, dürfte der Anteil der erneuerbaren Energien von gegenwärtig 16% auf 25% bis 2030 ansteigen und damit Erdgas bereits bald nach 2010 als zweitwichtigste globale Erzeugungsquelle für Strom ablösen.

- Um die weltweite Energienachfrage zu befriedigen und die globale Energiesicherheit zu garantieren, sind rund 26 Billionen USD an Investitionen bis 2030 notwendig. Diese Investitionen in die globale Energiewirtschaft werden allerdings nur dann erfolgen, wenn sich die Rahmenbedingungen für ausländische Investoren und die politische Stabilität in vielen der Förderländer deutlich verbessern. Derzeit bestehen erhebliche Zweifel, dass dieser Investitionsumfang rechtzeitig und in ausreichendem Maß geschehen wird.

 

- Die staatliche Subventionierung des weltweiten fossilen Energieverbrauchs belief sich 2009 auf 312 Mrd. USD, 2008 waren es sogar 558 Mrd. USD. Dementsprechend ist der Energieverbrauch dieser Staaten von realen Marktpreisen weitgehend abgekoppelt, sodass auch keine Anreize bestehen, den Energieverbrauch durch Einsparungen zu verringern und die Energieeffizienz zu erhöhen.

- Damit steht die Welt vor einer doppelten Herausforderung: einerseits eine verlässliche und bezahlbare Energieversorgungssicherheit zu gewährleisten, andererseits aus Gründen des globalen Klimawandels v.a. in den Nicht-OECD-Staaten auf höhere Energieeffizienz mit gleichzeitig niedrigerem CO2-Ausstoß strukturell umzusteuern. Trotz der eher enttäuschenden Ergebnisse des gerade zu Ende gegangenen Kopenhagener Klimagipfels werden die weltweiten Anstrengungen die Optionen zur Bewältigung der globalen Herausforderungen der internationalen Energiesicherheit einengen und damit mittelfristig bis 2035 zusätzliche Risiken für die globale Energieversorgungssicherheit aufwerfen.

Gleichzeitig sollen die Treibhausgasemissionen in den nächsten Jahren massiv verringert werden, um so den bedrohlichen Klimawandel zumindest abzubremsen. Das gegenüber dem „New Policy Scenario“[1]) noch ehrgeizigere 450-Politik-Szenario berücksichtigt daher die Begrenzung des Temperaturanstiegs um 2 Grad Celsius, das für die meisten Klimaexperten als die eigentliche Zielsetzung angesehen werden muss. Egal, wie sehr sich die EU und die USA bei der Treibhausgasemissionsminderung anstrengen mögen: Eine Temperaturreduzierung um 2 Grad Celsius setzt jedoch nicht nur eine Einbindung der USA, sondern auch Chinas, Indiens und anderer wirtschaftlicher Schwellenländer voraus, zumal China bereits seit 2006 zum größten Treibhausgasemittenten aufgestiegen ist.

 

Auch vor diesem Hintergrund setzen immer mehr Staaten auf die weitgehend emissionsfreie Kernenergie. Nach dem neuesten „World Energy Outlook 2010“ sieht das „New Policy Scenario“ auch einen weiteren Anstieg bei der zivilen Nutzung der Kernenergie vor. Während der weltweite Strombedarf um 2,7% jährlich bis 2035 steigt, wird die Zunahme bei der Kernenergie mit 2,2% lediglich von den erneuerbaren Energien übertroffen, die allerdings von einem sehr viel geringeren Niveau ausgehen. Der Anteil der Kernenergie am gesamten globalen Energiemix nimmt von 6% 2008 auf rund 8% - trotz der allgemeinen weltweiten Zunahme des Energiebedarfs - 2035 zu (im Vergleich bei den erneuerbaren: Anstieg von 3% auf 7%), während der Anteil an der Stromerzeugung mit 14% bis 2035 gleich bleiben wird.

 

Die Unsicherheiten der globalen Energieversorgungssicherheit bis zum Ausbruch der gegenwärtigen globalen Finanz- und Wirtschaftskrise im Sommer 2008 erklärten sich einerseits aus der rapide zunehmenden Energienachfrage in China und Indien sowie einer Versechsfachung der Ölpreise von 2002 bis 2008 auf über 147 USD, andererseits aus der zunehmenden Ungewissheit, wie lange die Öl- und Gasreserven noch ausreichen und wieviele Ressourcen zukünftig tatsächlich auf dem Weltmarkt zur Verfügung stehen werden. Dabei bilden auch unzureichende Investitionen in den Up- und Downstreamsektoren, eine zunehmende strukturelle Instabilität in zahlreichen Förderländern und immer begrenztere freie Produktionskapazitäten wichtige Faktoren bei der Beantwortung der Frage, warum das globale Erdöl- und Erdgasangebot nicht mit der globalen Nachfrage Schritt halten konnte. Aufgrund dieses Ursachenmixes unterschied sich diese Krise der weltweiten Energiepreise und globalen Energieversorgung grundlegend von früheren Energiekrisen. Doch wird die globale Wirtschafts- und Finanzkrise kaum etwas an den grundsätzlichen Megatrends ändern können, sondern hat diese nur zeitlich verzögert.

Die entscheidende Frage jedoch (Wie viele Erdöl- und Erdgasressourcen stehen nicht nur auf dem Papier, sondern tatsächlich auf dem Weltmarkt jederzeit zur Verfügung?) hängt somit nicht nur von eng definierten ökonomischen Faktoren wie Angebot und Nachfrage ab, sondern maßgeblich auch von den sich dramatisch verändernden politischen Rahmenbedingungen seit Ende der 1990er-Jahre. Dabei spielen die geopolitischen Risikofaktoren im Zusammenhang mit der weltweiten Nachfrage, u.a. Faktoren auch bei der globalen Öl- und Gashausse, eine entscheidende preistreibende Rolle, die künftig noch größer und volatiler ausfallen wird. Bereits die Renationalisierungswelle in den weltweiten Energie- und Rohstoffsektoren hat seit Ende der 1990er-Jahre zu grundlegenden Verschiebungen des Machtgleichgewichts zwischen Produzenten und Konsumenten zugunsten der Energieexporteure geführt. Rund 85% der globalen Öl- und Gasressourcen befinden sich heute in der Hand staatlicher Energiekonzerne und ihrer Regierungen, die ihre Produktion nicht allein nach Angebot und Nachfrage ausrichten, sondern mindestens ebenso sehr nach innen- und außenpolitischen Interessen. Das Entstehen politisch „autoritärer Petrostaaten“, ihre Ablehnung von Demokratie und sozialer Marktwirtschaft, ein außenpolitisch konfrontativeres Grundverhalten (wie Iran, Venezuela, Russland etc.) sowie unzureichende Investitionen in eine effiziente Ausweitung der Produktion werfen nicht nur grundlegende Fragen für die Nachhaltigkeit der globalen Energiesicherheit bis 2030 auf, sondern auch auf die internationalen Grundstrukturen und weltweite Ordnungspolitik sowie Möglichkeiten eines effektiven internationalen Krisenmanagements. Zudem lassen sich seit Ende der 1990er-Jahre eine zunehmende Angebotskonzentration sowohl bei den Energie- als auch den meisten Industrierohstoffen auf immer weniger Länder und Unternehmen und verschärfte Handels- sowie Wettbewerbsverzerrungen durch politisch induzierte Einschränkungen der Energie- und Rohstoffverfügbarkeit empirisch nachweisen.

Vor diesem Hintergrund ist die Frage der Versorgungssicherheit nicht nur in Europa als Folge der Gaskonflikte Russlands mit der Ukraine und auch Belarus in den Vordergrund der Energie- und auch Sicherheitspolitik vieler Staaten gerückt, sondern auch in Asien, Eurasien, Lateinamerika und im Mittleren Osten. In diesem globalen und geopolitischen Zusammenhang gilt es auch, die Renaissance der Kernenergie sowohl auf der weltweiten Ebene als auch in Europa zu analysieren und zu erklären.

 

Globale Renaissance der Kernenergie

Während sich in den 1990er-Jahren der Neubau von Kernkraftwerken v.a. auf Asien beschränkte, kann inzwischen eine nukleare Renaissance auch in anderen Weltregionen nicht länger geleugnet werden. Aus Sicht der IEA werden die Gesamtkapazitäten der Kernenergie an der Stromerzeugung von 391 GW 2008 auf 646 GW 2035 bzw. von 2.731 TWh auf 4.883 TWh steigen. Demgegenüber wird erwartet, dass die erneuerbaren Energien von 3.772 TWh auf 11.200 TWh ansteigen. Die stärkste Zunahme der Kernenergiekapazitäten wird dabei in Asien (v.a. China, Indien, Südkorea u.a.) erwartet. Allein China wird für 40% des globalen Anstiegs der Stromerzeugungskapazitäten verantwortlich sein. Zwischen 2009 und 2025 wird China die gesamte derzeitige US-Stromerzeugungskapazität zusätzlich aufbauen müssen.

Derzeit befinden sich weltweit 442 Reaktoren in Betrieb, die rund 2,5 Mrd. t CO2 (das Doppelte des Ausstoßes von Deutschland) vermeiden. Weitere 63 Reaktoren sind trotz der ungelösten Endlagerung mit Gesamtkapazitäten von über 64 GW in Bau, davon nur 16 GW in den OECD-Ländern. Darüber hinaus sind 156 Reaktoren in Planung mit über 174 GW. Siemens und andere Energieunternehmen für Nukleartechnologie hoffen sogar auf einen weltweiten Neubau von bis zu 400 Reaktoren mit einer zusätzlichen Gesamtleistung von 393 GW. Von den derzeit 63 im Neubau befindlichen Kernkraftwerken müssen zwar bei 22 z.T. erhebliche Bauverzögerungen konstatiert werden, dennoch ist dies die höchste Zunahme der im Bau befindlichen Anlagen seit mehr als zwei Jahrzehnten.

 

In den USA sollen nach Angaben der Nuclear Regulatory Commission (NRC) in den nächsten beiden Jahrzehnten bis zu 34 neue Kernkraftwerke gebaut werden. Die letzten Bauaufträge endeten im Oktober 1973. Nach dem Nuklearunfall in Three Miles Island 1979 und dem Tschernobyl-Unglück 1986 war an den Neubau von Kernkraftwerken in den USA kaum noch zu denken. In den 1990er-Jahren wurden sogar einige Kernkraftwerke aus Kostengründen vom Netz genommen und geschlossen. Allerdings sind die USA mit noch immer 104 kommerziellen Reaktoren, die ihre Verlässlichkeit erheblich verbessert haben, und 20% Anteil an der Elektrizitätserzeugung auch weiterhin die größte zivile Nuklearmacht der Welt. Das größere Interesse in den USA während der letzten Jahre resultiert sowohl aus Gründen der Versorgungssicherheit, um die Abhängigkeit von Importen fossiler Energieträger (v.a. Erdöl) zu reduzieren, als auch aus klimapolitischen Gründen. Die Obama-Regierung treibt den Bau eines ersten Kernkraftwerks mit einer Bürgschaft von 8,7 Mrd. USD voran und plant für 2011 weitere 54 Mrd. USD als Bürgschaften für den Bau von sechs bis sieben zusätzlichen Atomkraftwerken bereitzustellen. Konkret liegen der NRC 13 Bauanträge vor. Ob dies dann wirklich ausreicht, eine Neubauwelle in den USA zu entfachen, bleibt aber wegen der hohen und weiter ansteigenden Kosten, fehlender Rücklagen und Kredite vorerst noch fraglich. Doch auch wenn am Ende wohl kaum 34 neue Nuklearreaktoren errichtet werden, so wird am Neubau nicht gezweifelt, da ältere Reaktoren absehbar in naher bis mittelfristiger Zukunft ersetzt werden müssen und gleichzeitig der Strombedarf trotz größerer Anstrengungen zum Stromsparen und zur Effizienzsteigerung auch künftig steigen wird. Gleichzeitig wird die Laufzeit der moderneren Kernkraftwerke auf 40-60 Jahre verlängert.

 

Obwohl Russland über die weltweit größten Gasvorräte verfügt und derzeit nach Saudi-Arabien der weltgrößte Rohölproduzent ist, haben die mangelnden Investitionen in neue eigene Gasfelder bis zum Ausbruch der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 dazu geführt, dass sich Russland mittelfristig einer hausgemachten Gaskrise gegenübersieht, da das Land nicht gleichzeitig seine Exportverpflichtungen einhalten und den stark angestiegenen einheimischen Gasbedarf decken kann. Aus diesem Grund hat der frühere russische Präsident Wladimir Putin bereits im Frühherbst 2006 einen alternativen Energieplan entwickelt, der einen drastischen Ausbau von Kohle- und Kernkraftwerken vorsieht, um so die nationale Abhängigkeit vom stark subventionierten einheimischen Gasbedarf zu reduzieren und um die Gasexportverpflichtungen v.a. gegenüber der EU aufrechterhalten zu können. Nachdem Ende 2001 die Regierung noch den Bau von 60 neuen Atomkraftwerken verkündet hatte, sank die Zahl dann auf 40 neue Atommeiler im Frühherbst 2006 ab und wurde seitdem noch einmal auf 26 neue Reaktoren reduziert, wovon inzwischen zehn Kernkraftwerke in Bau und weitere 14 konkreter geplant sind. Die russische Regierung hat sich das Ziel gesetzt, die inländische Stromversorgung mittelfristig von 16% auf 32% zu verdoppeln. Doch dem Ausbau sind in mittelfristiger Perspektive sowohl technische, finanzielle als auch industrielle Grenzen gesetzt.

Die größte Expansion der Kernenergienutzung findet jedoch in Asien, v.a. in China und Indien, statt. Im Jahr 2000 machte der chinesische Energieverbrauch nur 50% des amerikanischen aus. Innerhalb von nur acht Jahren hatte sich dieser bis 2008 mehr als vervierfacht und übertrifft heute sogar den US-Verbrauch. China muss nicht nur den gewaltigen Anstieg der Energienachfrage decken, sondern gleichzeitig auch den Übergang zu einer sauberen „grünen Energiewende“ einleiten, die im Eigeninteresse und völlig unabhängig von der weltweiten Klimapolitik sowie dem Kyoto-Prozess die CO2-Treibhausgasemissionen verringern muss. Dabei spielt auch der Ausbau der klimafreundlichen Kernenergie eine zentrale Rolle. Derzeit sind 13 Nuklearreaktoren in Betrieb und 27 weitere in Bau. 2009 machte der Anteil Chinas am globalen Neubau von Nuklearreaktoren rund 43% aus. Bis 2020 sollten ursprünglich die Kernkraftwerkkapazitäten von derzeit 10 GW auf offiziell mindestens 40 GW erhöht werden. Inzwischen sehen die aktuellen Planungen jedoch bereits eine Verdoppelung auf mindestens 70-80 GW vor, während das State Council Research Office (SCRO) jetzt sogar eine Kapazitätserzeugung von 100 GW Strom bis 2020 empfohlen hat. Diese soll dann bis 2030 auf 200 GW und 400 GW bis 2050 ausgebaut werden. Gleichwohl wird der Anteil der Kernenergie bis 2020 von derzeit 2,7% auf 7-10% der Stromerzeugung ansteigen und dann bis 2030 auf 15% und bis 2050 auf 22% erhöht werden. Dies ist insofern unabdingbar, als die Elektrizitätserzeugung noch immer zu 80% durch Kohle sichergestellt wird und die Treibhausgasemissionen bis 2020 um 72-80% noch weiter zuzunehmen drohen. Trotz bekannter und eingestandener Schwächen bei der Atomaufsicht, kleinerer Störfälle und auch der in China bisher ungelösten Endlagerung von Atommüll gibt es keine öffentlichen Sicherheitsbedenken oder gar eine Anti-Atombewegung wie in Europa oder den USA. So arbeitet die chinesische Atomindustrie auch intensiv an der Wiederaufarbeitung von gebrauchten Brennelementen, um die Importabhängigkeit von Uran zu reduzieren. Ob es hierbei tatsächlich kürzlich einen „Durchbruch“ gegeben hat, wie offiziell vermeldet, wird von der internationalen Fachwelt noch eher skeptisch aufgenommen. Allerdings ist China auch in Kooperation mit dem französischen Atomkonzern Areva dabei, eine Mischoxid-Wiederaufbereitungsanlage zu bauen wie auch „schnelle Brüter“ in Zusammenarbeit mit Russland. Trotz der Abhängigkeit von ausländischer Technologie und dem entsprechenden Technologietransfer, den China stets zur Bedingung seiner Zusammenarbeit mit ausländischen Konzernen macht, tritt Peking inzwischen auch als Exporteur von Kernreaktoren wie in Pakistan auf, wohin China zwei weitere Nuklearreaktoren im April 2010 verkauft hat, obwohl dies zumindest dem Geist des NPT-Vertrages und den Richtlinien der Nuclear Suppliers Group (NSG) widerspricht, da Pakistan - auch im Vergleich zu Indien - weder ausreichend Transparenz über seine Nuklearaktivitäten geschaffen hat noch eine erfolgreiche Bilanz seiner Nichtverbreitungspolitik aufweisen kann. Es wird erwartet, dass China in den nächsten Jahren zunehmend auch als weltweiter Exporteur von Nuklearreaktoren auftreten wird.

Auch Indien plant den Ausbau seiner zivilen Kernenergienutzung. So konnte der französische Energiekonzern Areva im Februar 2009 einen Kooperationsvertrag mit dem staatlichen indischen Energiekonzern Nuclear Power of India unterzeichnen, der den gemeinsamen Bau von zwei bis sechs neuen Kernkraftwerken in Indien vorsieht. Derzeit unterhält Indien 19 Reaktoren und baut sechs neue. Die Nuklearkapazitäten Indiens, die gegenwärtig 2,2% des Strombedarfs Indiens decken, sollen in den nächsten 20 Jahren mit dem Bau von bis zu 18 neuen Reaktoren um das bis zu Zehnfache gesteigert werden, um den riesigen zusätzlichen Strombedarf in den nächsten zwei Jahrzehnten zu decken. Im Dezember 2009 wurde mit Russland, das gegenwärtig bereits zwei Reaktoren in Indien baut, eine engere Kooperation beim Ausbau der Kernenergie in Indien vereinbart, die den Bau von weiteren vier bis zwölf Reaktoren vorsieht. Vorangegangen war die wegweisende Vereinbarung einer Nuklearkooperation mit den USA, die ein 34-jähriges US-Moratorium bei der Nuklearkooperation beendet, das 1974 als Folge des ersten indischen Atomwaffentests geschaffen worden war. Auch Japan ist sehr an einer Stärkung der zivilen Nuklearkooperation mit Indien interessiert, muss hierfür allerdings noch die Restriktionen beim Verkauf von Nukleartechnologie an andere Staaten erleichtern. Dies ist auch Folge einer zunehmenden Zusammenarbeit in Sicherheits- und Verteidigungsfragen im letzten Jahrzehnt, in deren Mittelpunkt zunehmende Besorgnisse gegenüber den militärischen Aufrüstungsprogrammen Chinas stehen. Der Ausbau der Kernenergie in Indien ist allerdings auch vom weiteren Ausbau des Stromnetzes abhängig, bei dem Indien gegenüber China - wie insbesondere bei der Versorgung der Landbevölkerung mit Strom - weit zurückliegt. Auf dem Land haben noch immer 380 Mio. Inder keinen Zugang zu Elektrizität.

Darüber hinaus wird auch der Bau neuer Kernreaktoren in Japan (elf Reaktoren), Südkorea und Taiwan forciert, auch wenn dies häufig (wie in Japan) dem Ersatz älterer Reaktoren dient. Zugleich ist jedoch die politische Unterstützung der Bevölkerung in Japan zweifelhaft. Lokale Widerstände haben den Bau neuer Reaktoren in den letzten Jahren zeitlich verzögert, in einigen Fällen auch verhindert. Doch mit den globalen Bemühungen zur Eindämmung des Klimawandels und der notwendigen Verringerung der CO2-Emissionen sehen die Regierungen und die Energieindustrie dieser Länder wenig Alternativen zum Bau neuer Kernreaktoren. Gleichzeitig unterstützen die USA ihren Verbündeten Japan auch beim Aufbau eines vollständigen Brennstoffkreislaufs, obwohl dieser auch Plutonium inkludiert, das zur Herstellung von Atomwaffen genutzt werden könnte, was harsche Kritik aus China hervorgerufen hat.

Demgegenüber tritt Korea als neuer Exporteur von Nuklearreaktoren auf und konnte 2010 beim Bau von bis zu vier großen Reaktoren in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) mit einem Umfang von 20,4 Mrd. USD sogar französische Nuklearanbieter aus dem Rennen schlagen. Auch in Indien und der Türkei erhofft sich die Korea Electric Power Co. (KEPCO) weitere Bauaufträge von Nuklearreaktoren. Bereits im März 2010 konnte ein Kooperationsabkommen mit der Türkei zum Bau ihres zweiten Kernkraftwerkes unterzeichnet werden. Bis 2030 erhofft sich KEPCO einen weltweiten Marktanteil von 20% und den Export von 80 zivilen Nuklearreaktoren mit Unterstützung der koreanischen Regierungen. Dagegen sieht sich die südkoreanische Regierung innenpolitisch zunehmender Kritik wegen des geplanten Baus von 18 neuen Kernkraftwerken gegenüber. Derzeit sind 21 Reaktoren in Betrieb und fünf weitere in Bau.

Darüber hinaus wollen auch Myanmar und Vietnam zur zivilen Nuklearmacht werden. V.a. im Fall Myanmars werden nicht nur zivile Motivationen unterstellt. Nordkorea wie auch Russland haben bisher nukleartechnische Unterstützung gewährt, wobei besonders die Zusammenarbeit mit Pjöngjang das internationale Misstrauen geweckt hat. Im Fall Vietnams haben neben Russland auch die USA eine engere Kooperation zum Bau von Kernkraftwerken aufgenommen, die zugleich Transparenz und die Anforderungen an eine Nichtverbreitungspolitik gewährleisten soll. Auch Japan erhofft sich ein Abkommen zum Bau von zwei Nuklearreaktoren in Vietnam und sucht darüber hinaus eine Kooperation beim Abbau und dem Export der seltenen Erden nach Japan. Insgesamt sieht Vietnam den Bau von acht Kernkraftwerken bis 2030 vor. Innerhalb der ASEAN-Staatengruppe haben auch Indonesien (vier AKWs bis 2025) und Thailand (zwei AKWs bis 2022) konkrete Nuklearpläne, während auch Singapur über den Bau von Kernkraftwerken nachdenkt.

Angesichts der iranischen Nuklearambitionen ist v.a. der Trend im Mittleren Osten und auch am Persischen Golf beunruhigend. So hat die Türkei inzwischen ihr früheres Kernkraftwerkprogramm wieder aufgenommen und bei dem Besuch von Ministerpräsident Wladimir Putin Anfang August 2009 eine engere bilaterale Nuklearkooperation vereinbart. Bis 2020 will die Türkei 10% ihres Strombedarfs durch Kernenergie abdecken. Die konkrete Energieplanung sieht den Bau von mindestens vier Kernkraftwerken vor. Im Mai 2010 haben Russland und die Türkei den Bau von vier Kernkraftwerken mit einem Umfang von 20 Mrd. USD beschlossen. Die Türkei unterläuft mit ihrer Energiekooperation mit dem Iran auch die Wirksamkeit der internationalen Sanktionen. Problematisch ist insbesondere auch ein Swap-Abkommen mit Teheran, bei dem die Türkei 1.200 kg gering angereichertes Uran gegen nukleare Brennstäbe in einem medizinischen Forschungsreaktor des Irans austauscht.

Die jüngsten türkischen Nuklearambitionen scheinen auch eine Reaktion auf die zivilen und militärisch verdächtigten Nuklearforschungen des Irans zu sein, sodass besonders in dieser Weltregion die militärische Proliferation einer Nuklearwaffenentwicklung unter dem Deckmantel einer ausschließlich zivilen Nutzung voranschreiten könnte. Da diese Region jedoch ohnehin als politisch instabil gilt, gleichzeitig aber die wichtigste Region der künftigen Öl- und Gasexporte sein wird, muss der Bau ziviler Kernkraftwerke mit besonderer Aufmerksamkeit und Besorgnis gesehen werden. Dementsprechend hoch muss die Transparenz aller künftigen nuklearwirtschaftlichen Tätigkeiten in den arabischen Regionalstaaten sowie ihre politische Bereitschaft gewährleistet werden, sich umfassenden und stringenten Kontroll- sowie Verifikationsmaßnahmen der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) zu unterwerfen. Doch gerade das Beispiel Iran zeigt, dass dies bisher nicht der Fall ist.

Auch der Golf-Kooperationsrat hat sich für ein gemeinsames nukleares Zeitalter ausgesprochen und forciert die regionale Nuklearkooperation. Sowohl Ägypten als auch Jordanien und Kuwait haben zivile Nuklearambitionen. Während Ägypten inzwischen einen Reaktorbau im August 2010 ausgeschrieben hat, verkündete Saudi-Arabien als weltgrößter Rohölexporteur den Aufbau eines neuen Zentrums für Nuklearenergie und erneuerbare Energien. Angesichts der Rivalität und Bedrohungsperzeptionen wird v.a. Saudi-Arabien verdächtigt, sich insgeheim womöglich eine Nuklearwaffenambition zumindest offen zu halten im Zuge der Forcierung des Baus ziviler Nuklearreaktoren, zumal Riad auch den Bau der pakistanischen Nuklearwaffenoption mitfinanziert haben soll.

Auch in Lateinamerika - einer Region, wo Energie und Politik in Form eines Energienationalismus traditionell noch enger verbunden sind als in anderen Weltregionen - wird eine Renaissance der Kernenergie unterstellt, auch wenn über die Nuklearprogramme in Mexiko, Argentinien und Brasilien öffentlich wenig diskutiert wird sowie eine geringe Transparenz der Nuklearprogramme konstatiert werden muss. Eine Neubewertung scheint insbesondere in Brasilien stattzufinden, die mit dem Energiehunger der aufstrebenden regionalen Großmacht erklärt wird und auch der Meerwasserentsalzung zur Verhinderung einer Wasserknappheit dienen soll. So kündigte der brasilianische Präsident Lula da Silva 2007 an, ein drittes Kernkraftwerk Angra-III mit 3,5 Mrd. USD zu bauen, dem bis 2030 „mindestens vier weitere“ folgen sollen. Zudem ist Brasilien der drittgrößte Uran-Produzent, will längerfristig am milliardenschweren Uranhandel beteiligt sein und besitzt weltweit die größten Thorium-Reserven, die als Nuklearbrennstoff weiter reichen, militärisch aber weniger brisant sind. Brasilien und Argentinien, dessen Kernkraftwerksbau Atucha-II seit Jahren allerdings nicht vorankommt, werden auch weiterhin verdächtigt, nicht nur ein ziviles Atomprogramm zu unterhalten bzw. ein militärisches Atomprogramm zumindest bewusst offen zu halten. So lehnt Brasilien eine internationale Urananreicherung unter Leitung der IAEA ab und verweigert auch intensive IAEA-Inspektionen, auch wenn das Land Nuklear-Inspektoren mit seinem nuklearen Erzrivalen Argentinien austauscht. Mexiko und Argentinien arbeiten zudem an internationalen Kernkraftwerkprogrammen der vierten Generation mit. Gerade die beiden Kernenergieprogramme in Argentinien und besonders Brasilien sind - weitaus mehr als in Mexiko - mit internationalem Prestige und Status als Surrogat des jeweiligen nationalen Energienationalismus verbunden.

Besonders beunruhigend sind jedoch v.a. die jüngsten Kernenergieambitionen Venezuelas und seines Präsidenten Hugo Chavez, der verstärkt in die Kernenergienutzung einsteigen will und hierfür beträchtliche Finanzmittel in den letzten Jahren bereitgestellt hat, sowie jene Boliviens und seines Präsidenten Evo Morales. Dabei gelten auch die verstärkten Kontakte beider Länder mit dem Iran, womöglich auch mit Nordkorea, als besonders verdächtig. Sollte insbesondere Venezuela eines Tages unter seinem jetzigen Präsidenten Chavez auch noch über eine Nuklearwaffenoption verfügen, würde sich das regionale Machtgefälle mit internationalen Auswirkungen noch weitaus mehr verändern als bereits in den letzten Jahren konstatiert wurde.

 

Zur Endlichkeit der weltweiten Uran-Reserven

Der häufig geäußerte Einwand gegen eine erwartete globale Renaissance der Kernenergie, dass weder ausreichend Uranreserven zur Verfügung stehen würden und dass dann mit Blick auf die Versorgungssicherheit eine ähnliche Importabhängigkeit wie bei Öl- und Gaseinfuhren entstehen würde, ist nicht überzeugend. Tatsächlich werden oft bewusst oder unbewusst Reserven mit Ressourcen verwechselt. So basiert die Reichweite der Endlichkeitsszenarien bei Uranreserven (gegenwärtig etwa 65 Jahre) auf den gegenwärtigen Kapazitäten der Uranminen. Da in den letzten Jahren aber nicht genügend in neue Minen investiert worden ist und dies erst jetzt wieder einsetzt, wird erwartet, dass sich die Reichweite wieder mit dem Ausbau der Uranminen und Abbaukapazitäten wie in Australien (verfügt allein über 40% der bekannten Uranreserven), Afrika, Kasachstan und anderen Staaten künftig wieder erhöhen wird. Gegenwärtig wird weltweit von 5,5 Mio. t an bekannten Uranreserven zu Gewinnungskosten von weniger als 130 USD/kg in 41 Staaten ausgegangen. Darüber hinaus werden zusätzlich wahrscheinliche Uranressourcen von rund 10,5 Mio. t vermutet. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) geht tatsächlich sogar von einer Endlichkeit von Uranressourcen von bis zu 250-300 Jahren aus. Zudem sind die Uranabbaugebiete weltweit keineswegs vergleichbar in einer politisch instabilen Region wie dem Persischen Golf oder der so genannten Strategischen Ellipse bei den konventionellen Öl- und Gasreserven konzentriert. Der Großteil der Uranreserven lagert u.a. in Kanada, den USA und Australien - und damit in politisch stabilen Demokratien. Des Weiteren eröffnen neue Brennstoffstrategien mit Nutzung zur Wiederaufbereitung sowie der Einbindung von Thorium als sekundärem Brennstoff neue Perspektiven für die Versorgungssicherheit von nuklearen Brennstoffoptionen.

 

Gleichwohl ist das gegenwärtige mittelfristige Angebot mangels ausreichender Investitionen in den letzten Jahren durchaus nicht unbedenklich und dabei von einigen wenigen Mega-Projekten abhängig. Die Situation dürfte sich aber nach 2012 vor dem Hintergrund steigender Uranpreise und einer entsprechend höheren Nachfrage wieder deutlich verbessern. Wenn der internationale Ölpreis nicht unter 40 USD sinkt und stattdessen sogar auf 100 USD oder noch höher steigen sollte, rentiert sich die Exploration neuer Uranminen analog zum steigenden Ölpreis. Bereits zwischen 2003 und Sommer 2007 hatte sich der Uranpreis um das Dreizehnfache verteuert, da der Uranbedarf mit 65.000 t bei Weitem die Produktion mit rund 45.000 t pro Jahr aus Uranminen übertraf. Allerdings darf ebenso wenig übersehen werden, dass die Förderung aus Minen nach Angaben der World Nuclear Association nur rund 65% des Bedarfs deckt. Frisch gewonnenes Uran macht sogar nur die Hälfte des Verbrauchs aus. Die zweitwichtigste Quelle ist die Umwandlung hochangereicherten Urans aus ehemaligen sowjetischen Waffenbeständen in niedrig angereichertes Uran für Kernkraftwerke - noch vor recycelten Brennstäben. Mit der inzwischen wieder aufgenommenen nuklearen Abrüstungspolitik zwischen den USA und Russland könnten sich diese Bestände bei erfolgreich abgeschlossenen Entnuklearisierungsverhandlungen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten sogar weiter erhöhen. Bis 2020 wird erwartet, dass die Urannachfrage um 55% ansteigen und dann ein Jahresvolumen von 102.000 t erreichen wird.

 

Die Renaissance der Kernkraft in Europa

Der 18-tägige Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine im Januar 2009 war die größte Energiekrise Europas seit der Ölkrise von 1973/74. Dabei hatte sie einmal mehr die Abhängigkeit der EU von stabilen Gaslieferungen aus Russland deutlich gemacht und damit erneut die Frage der Versorgungssicherheit auf die politische Agenda Deutschlands und der EU gerückt. Im Zuge der Gaskrise hatte die Slowakei ihr bereits abgeschaltetes Kernkraftwerk trotz harscher Warnungen der EU-Kommission und Österreichs wegen des Energieengpasses zeitweise wieder hochgefahren und plant nun den Neubau von bis zu drei Reaktoren. Nur drei Wochen später entschied die schwedische Regierung Anfang Februar 2009 nach fast drei Jahrzehnten der ursprünglichen Ausstiegsentscheidung von 1980, nun doch wieder in den Neubau von zehn Kernkraftwerken einzusteigen - auch wenn damit nur die bestehenden zehn Reaktoren ersetzt werden sollen. Dabei kann sie sich auch auf einen breiten Konsens in der Bevölkerung stützen. Auch Ungarn mit seinen vier Kernreaktoren plant den Neubau von bis zu zwei Reaktoren, Rumänien (mit zwei Reaktoren) und die Slowakei (mit vier Reaktoren) favorisieren jeweils den Neubau von bis zu drei weiteren sowie Slowenien (mit einem Reaktor) den Bau zumindest eines neuen Reaktors.

Die EU-27 haben weltweit die größte Anzahl der Kernkraftwerke. Gegenwärtig macht die Kernkraft in den EU-27 rund 14% des gesamten Energieverbrauchs aus und garantiert nicht weniger als rund ein Drittel sowohl der primären Energie- als auch der Elektrizitätserzeugung. Der Anteil der Kernkraft am nationalen Energiemix und der nationalen Stromerzeugung der einzelnen EU-Mitgliedstaaten ist jedoch sehr unterschiedlich, wie die folgende Abbildung deutlich macht.

 

Bereits vor einigen Jahren war in Schweden die ursprüngliche Ausstiegsentscheidung durch einen Volksentscheid von 1980 bereits aufgeweicht worden, da sich der skandinavische Staat - anders als Deutschland - für eine Laufzeitverlängerung seiner drei im Betrieb befindlichen Kernkraftwerke mit insgesamt zehn Reaktoren ausgesprochen hat, die gegenwärtig noch immer rund 47% des schwedischen Strombedarfs decken. In Westeuropa setzt nur Frankreich mit 79% Anteil mehr Kernkraft bei der Elektrizitätsversorgung ein als Schweden. Dabei verbraucht jeder Einwohner Schwedens doppelt so viel Strom wie ein Deutscher. Dennoch sind die CO2-Emissionen nur halb so hoch wie in Deutschland und sollen dennoch um weitere 25% sinken. Letzteres ist aber ohne die Kernenergie nicht zu erreichen. Nicht einmal der Reaktorunfall von Forsmark im Jahr 2006, als zwei Notstromgeneratoren versagt hatten, konnte an der zunehmenden Pro-Kernkraft-Haltung der Bevölkerung etwas ändern.

Der schwedische „Ausstieg vom Ausstieg“ aus der Kernenergie hatte v.a. in Deutschland zu neuen Diskussionen über eine Laufzeitverlängerung der bestehenden Kernkraftwerke geführt. Für viele deutsche Atomkraftgegner und Anhänger der erneuerbaren Energien war Schweden bis dahin stets ein Vorbild gewesen, da das Land auch 45% seines Strombedarfs durch Wasserkraft abdeckt und bis 2020 den Ausstoß von Treibhausgasen um 40% reduzieren will. Aus Sicht der Regierung und der meisten schwedischen Energieexperten ist diese ehrgeizige Zielsetzung jedoch nicht ohne den Neubau von Atomkraftwerken zu realisieren. Allerdings wird die Inbetriebnahme des ersten Neubaus eines Kernkraftwerkes nicht vor dem Jahr 2023 erwartet. Zudem ist ungeklärt, ob die Industrie den Bau eines Atomkraftwerks ohne staatliche Subventionen realisieren wird.

In Finnland wird derzeit das fünfte Atomkraftwerk fertiggestellt, während die finnische Regierung den Bau von zwei weiteren Reaktoren beschlossen hat. Diese sollen einerseits die Energieversorgung der traditionell starken Papierindustrie mit ihrem hohen Energiebedarf sicherstellen als auch die Energieunabhängigkeit stärken. So werden gegenwärtig rund 22% des Energieverbrauchs durch Importe aus Russland gedeckt.

Französische Energiekonzerne bauen derzeit nicht nur mit Siemens gemeinsam einen hochmodernen Druckwasserreaktor in Finnland (Olkiluoto), sondern auch in Frankreich (Flamanville in der Normandie) selbst, der im Jahr 2017 in Betrieb gehen soll. Nach Angaben der Industrie soll der EPR-Reaktor (Baukosten rund 5 Mrd. EUR) mit einer Leistung von 1.600 MW bis zu 15% weniger Uran benötigen und 30% weniger strahlende Nuklearabfälle produzieren. Zugleich soll der neue Reaktortyp der dritten Generation mehr Elektrizität produzieren, dabei sicherer und leichter zu bauen sein sowie länger in Betrieb bleiben können. Allerdings ist die Radioaktivität des Nuklearabfalls höher, sodass Fragen aufgeworfen wurden, inwieweit die französische Industrie und der Staat in der Lage sind, mit dem toxischen Atommüll entsprechend sicher umzugehen. Eine vergleichbar kritische Öffentlichkeit gegenüber der Atomtechnik wie in Deutschland gibt es in Frankreich jedoch nicht, wie sich derzeit auch beim Bau neuer Endlager für schwach radioaktive Abfälle zeigt. Ebenso wenig ist die prinzipielle Laufzeitverlängerung von 30 auf 40 Jahre der 34 älteren Reaktoren ein Problem. Allerdings müssten für die dringend notwendigen Investitionskosten, die sich pro Reaktor auf bis zu 400 Mio. EUR beziffern, die Strompreise um bis zu 20% in den nächsten drei Jahren erhöht werden. Zwar liegen diese 15-30% unter denen benachbarter EU-Staaten, doch hat dies öffentliche Empörung und politischen Widerstand erzeugt.

Frankreich ist nicht nur gezwungen, die bestehenden 58 eigenen Nuklearreaktoren zu modernisieren und z.T. durch Neubauten zu ersetzen, sondern hat das Auslandsgeschäft massiv forciert. Frankreichs Regierung hat inzwischen den Einstieg von Staatsfonds aus dem Nahen und Mittleren Osten (Abu Dhabi, Kuwait und Jordanien) in die französische Atomwirtschaft ermöglicht. Der französische Präsident Nicolas Sarkozy sieht nicht nur in den eigenen Nuklearwaffen, sondern auch in der zivilen Atomwirtschaft ein wesentliches Instrument französischer Diplomatie und Staats-, Außen- sowie Wirtschaftspolitik. Mit den neuen Kraftwerken der dritten Generation hofft Frankreich zum weltweit führenden Anbieter von Nukleartechnik aufzusteigen und die Politik zur Eindämmung des Klimawandels hierbei nutzen zu können. Zudem kündigten im Februar 2009 die beiden staatlichen Energiekonzerne EDF aus Frankreich und Enel aus Italien an, in einer gemeinsamen Allianz mindestens vier Reaktoren vom Typ des Europäischen Druckwasserreaktors (EPR) in Italien zu bauen. Die erste Anlage soll 2020 ans Netz gehen und damit die hohe Importabhängigkeit Italiens von Gas- und Ölimporten aus Russland und Algerien mindern. Zudem deckt Italien ohnehin 20% seines Stromverbrauchs mit Atomstromimporten v.a. aus Frankreich, während der Strombedarf zu fast 65% allein mit Gas gedeckt wird - wider alle Lehren der Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit. Insgesamt ist Italiens Energieversorgung noch immer zu 80% von Erdöl und Erdgas abhängig, sodass von einer Diversifizierung des Energieträgermix kaum die Rede sein kann. Damit kehrt Italien nach zwei Jahrzehnten zur Atomkraftnutzung zurück, nachdem 1987 infolge des Tschernobyl-Unglücks die italienische Bevölkerung in einem Referendum den Bau neuer Atomkraftwerke abgelehnt und die bestehenden vier Reaktoren stillgelegt hatte. Gleichzeitig sollen jedoch auch kleinere und damit auch günstigere Reaktoren entwickelt werden.

Auch wenn die deutschen Energieunternehmen wie EON, RWE oder EnBW derzeit auch nach der vereinbarten Laufzeitverlängerung keine Perspektiven für den Neubau von Reaktoren in Deutschland erkennen, so sehen auch sie gute Chancen für Aufträge für Kernkraftwerke in Europa und anderen Teilen der Welt und haben daher ihr Auslandsengagement erheblich verstärkt. Nach der Entscheidung von Siemens, sich vom französischen Konzern Areva zu verabschieden und stattdessen die Partnerschaft mit dem russischen Staatskonzern Rosatom zu suchen, sieht Siemens für sich die Möglichkeit, in erheblichem Maß an der globalen Renaissance der Kernenergie zu profitieren und sogar zum weltgrößten Anbieter von Nukleartechnik aufzusteigen. Allerdings gibt es erhebliche Fragezeichen, ob der Zustand der zivilen russischen Nuklearindustrie, die zudem eng mit dem alten und weitgehend unreformierten staatlichen militärisch-industriellen Komplex verknüpft ist (und von wenig Transparenz gegenüber ausländischen Industriepartnern gekennzeichnet ist), eine solche enge Allianz mit Siemens für eine globale Expansion realistisch erscheinen lässt, wie nicht zuletzt zahlreiche russische Experten in Frage stellen.

Aus der Sicht von Siemens könnten bis 2030 weltweit sogar bis zu 400 neue Reaktoren gebaut werden. Angesichts der jüngsten weltweiten Erfahrungen beim Neubau, der häufig zu erheblichen Kostenexplosionen sowie zeitlichen Verzögerungen der Fertigstellung des Neubaus von Kernkraftwerken geführt hat, dürfte dies wohl eine zu optimistische Annahme sein. Dies gilt auch insbesondere hinsichtlich der Tatsache, dass die Endlagerung in keinem Land bisher (zumindest politisch) einvernehmlich gelöst wurde.

Doch auch wenn nicht alle nuklearen Träume wahr werden, so kann an der Expansion der zivilen Atomkraftnutzung nicht länger gezweifelt werden. So haben sich RWE und EON zu einer Atompartnerschaft zusammengefunden, um gemeinsam in Großbritannien vier bis acht neue Kernkraftwerke mit einem Investitionsumfang von 20 Mrd. EUR in den nächsten zehn Jahren zu bauen. Die Labour-Regierung hatte ihrerseits zuvor ein klares Bekenntnis zur Kernenergie und zum Neubau von Atomkraftwerken abgegeben und hält etwa 40% Kernkraftanteil an der Stromerzeugung und 20% des Energiebedarfs mittelfristig für wünschenswert. Außerdem hat RWE gehofft, die Finanzierungsprobleme beim umstrittenen Kernkraftwerk in Belene in Bulgarien zu überwinden, das mitten in einem Erdbebengebiet liegt und innerhalb von RWE selbst umstritten ist. Da Bulgarien während der letzten Gaskrise vom Januar 2009 trotz eher guter Beziehungen der sozialistischen Regierung mit Russland am schwersten von der Gaskrise betroffen war, war die politische Unterstützung des Neubaus mit Blick auf die künftige Versorgungssicherheit des Landes zunächst weiter gewachsen. Allerdings ist die neue bulgarische Regierung mit erheblichen Finanzproblemen konfrontiert und hat inzwischen auch die Wirtschaftlichkeit des Meilers russischer Bauart angezweifelt, sodass das Neubauprojekt möglicherweise vor dem endgültigen Aus steht, nachdem sich RWE inzwischen zurückgezogen hat..

Noch weitaus ausgeprägter ist das Misstrauen in russische Zusicherungen stabiler Gasexporte in den baltischen Staaten. So war Litauen Ende 2009 gezwungen, sein Kernkraftwerk in Ignalina als Folge des EU-Beitritts und seiner Auflagen abzuschalten, das über 70% des Strombedarfs des Landes deckte. Zwar ist ein Neu- und Ersatzbau für Ignalina mit Unterstützung Polens geplant, das dann auch selbst durch einen entsprechenden Atomstromimport aus Litauen profitieren würde. Doch wird dieses kaum vor 2017/18 ans Netz gehen können; soll dann aber auch Strom nach Polen exportieren. Unabhängig von dieser Option hat in Polen auch das konkrete Interesse am Bau eigener Kernkraftwerke zugenommen und wird politisch forciert. Auch die Schweiz, die bereits über fünf Reaktoren verfügt, hat inzwischen angekündigt, einen Leichtwasserreaktor der dritten Generation mit einer Leistung von 1.600 MW nahe der deutschen Grenze neben dem bestehenden Kernkraftwerk Gösgen in Däniken zu bauen, das allerdings frühestens 2025 Strom liefern soll.

Auch für Deutschland muss eine Laufzeitverlängerung umso mehr an Bedeutung gewinnen, je mehr sich die überoptimistischen Perspektiven beim Ausbau der erneuerbaren Energie verflüchtigen. Entgegen der ursprünglichen Planung beim Ausbau der Offshore-Windkraft z.B. war noch von 10.000 MW installierter Leistung bis 2020 ausgegangen worden. 2010 hielt auch die SPD eine installierte Leistung von nur noch 1.500-2.000 MW bis 2013 für realistisch. Zudem droht die fortgesetzte Verschiebung des deutschen Energiemix in Richtung noch teurerer Mittel- und Spitzenlastkraft zulasten von hocheffizienten Kohle- und Kernkraftwerken die übrige deutsche Wirtschaft noch weiter zu belasten und damit ihre Konkurrenzfähigkeit gegenüber anderen Ländern zu verringern. Darüber hinaus würde mit der Laufzeitverlängerung der Gasanteil am Primärenergiebedarf Deutschlands von derzeit rund 24% bis 2030 auf dem Niveau eingefroren werden können, anstatt bis auf 29% unverhältnismäßig stark anzusteigen. Dies gilt umso mehr, als die deutsche Industrie über die im Vergleich zu anderen EU-Staaten hohen Gaspreise klagt, die sich wiederum negativ auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft auswirken. Vor diesem Hintergrund vollzog die neue Bundesregierung einen Richtungswechsel hin zu einer Laufzeitverlängerung wie andere EU-Staaten auch (siehe weiter unten).

 

Zusammenfassung und Perspektiven

Unabhängig von der Frage, ob eine Welt ohne Atomwaffen wirklich wünschenswert ist und nicht möglicherweise sogar noch instabiler sein könnte, bestehen erhebliche Zweifel, ob nicht nur die USA, sondern auch Russland, China, Indien, Pakistan, Israel, Iran und Nordkorea wirklich bereit sein werden, auf ihre Nuklearwaffenoption zumindest langfristig zu verzichten. Besondere Besorgnis besteht insbesondere hinsichtlich Pakistans nicht nur aufgrund der politischen Instabilität als beinahe schon „gescheiterter Staat“, sondern auch aufgrund neuer Erkenntnisse, dass es bald Großbritannien als fünftgrößte Nuklearwaffenmacht ablösen könnte. Nach den neuen Erkenntnissen verfügt Pakistan bereits über mehr als 100 dislozierte Nuklearwaffensysteme und hat genug Nuklearmaterial produziert, um dieses Arsenal innerhalb kürzerer Zeit um weitere 40-60 zusätzliche Nuklearwaffen aufzustocken.

Diese Zweifel bestehen auch gegenüber der nuklearen Abrüstungsbereitschaft Frankreichs und Großbritanniens sowie Russlands bei den taktischen Nuklearwaffen. Dessen ungeachtet ist es notwendig, dass der nukleare Abrüstungsprozess zwischen den USA und Russland voranschreitet und dass mittelfristig v.a. das expandierende Nuklearwaffenarsenal Chinas und später auch der anderen Staaten sukzessive einbezogen wird. Nur dann dürfte das nukleare Nichtverbreitungsregime (NPT) mittelfristig gestärkt werden. Allerdings werden diese Prozesse zugleich durch den Trend der zivilen Nutzung der Kernenergie konterkariert, die neue Probleme der Eindämmung der nuklearen Proliferationsgefahren aufwerfen. Diese können nur durch eine erhebliche finanzielle, personelle und funktionale Stärkung der IAEA und ihres Inspektionsregimes sowie durch größere Transparenz- und Kooperationsbereitschaft der Staaten mit ihren zivilen Atomprogrammen aufgefangen werden. Gleichwohl bestehen selbst dann erhebliche Zweifel, ob dies angesichts auch erweiterter Fähigkeiten der IAEA ausreichend sein wird. Daher ist es notwendig, die Produktion und Lagerung von Plutonium, hoch angereichertem Uran und Plutonium-basiertem Reaktorbrennstoff in Nicht-Atomwaffenstaaten gänzlich zu verbieten und stattdessen eine zentrale internationale Brennstoffbank mit der IAEA als Betreiber aufzubauen, wie dies zuletzt US-Präsident Barack Obama vorgeschlagen hat.

Auch unter der Prämisse, dass sich eine Welt ohne Atomwaffen doch realisieren ließe, bedeutet dies nicht automatisch zugleich eine Welt ohne Kernenergie, da die globalen energiepolitischen Herausforderungen v.a. in der mittelfristigen Perspektive bis 2030 gewaltig sind und in Deutschland häufig noch immer unterschätzt werden. Dabei kann die (Neubau-)Renaissance der Kernenergie weder international noch in Europa länger geleugnet werden. Mit den 442 in Betrieb befindlichen Kernreaktoren waren Ende 2008 nur drei Anlagen weniger in Betrieb als 1997, dem Jahr des bisherigen Höchststandes. Auch hinsichtlich der nuklearen Stromerzeugungskapazitäten wurde bereits 2008 mit weltweit 392.597 MWe brutto die bisher höchste Kapazität von 392.958 MWe von Ende 2007 nur wenig verfehlt. Und auch bei der weltweiten Nettostromerzeugung wurde mit ca. 2.628 Mrd. kWh im Jahr 2008 das bisher zweitbeste Jahresergebnis erzielt. Zwar werden künftig nicht alle nuklearen Neubauträume der Industrie in Erfüllung gehen. So wird die atomare Wiedergeburt angesichts des globalen Mangels an Personal, Produktionsstätten, des weltweit zumeist ungelösten Problems von Endlagern stark radioaktiver Abfälle, der in den letzten Jahren explodierenden Kosten (gilt aber für die meisten anderen Energieträger auch) und des Aufstiegs der erneuerbaren Energien wohl eher langsamer verlaufen als von manchem Manager in der Atomindustrie erhofft.

Doch die Erwartung, dass der Ölpreis mittelfristig wieder auf 100-150 USD klettern wird - und mittelfristig nach 2020 auch wieder ein stärkerer Anstieg der Gaspreise - und die Notwendigkeit bei steigendem globalen Energieverbrauch um bis zu 36% bis 2035 gleichzeitig die CO2-Emissionen um 25%-40% unter den Stand von 1990 massiv zu reduzieren, lässt die Renaissance der Kernenergie weitgehend global alternativlos erscheinen - auch wenn dies gleichzeitig am erfreulichen Aufstieg der erneuerbaren Energien nichts ändern wird. Zudem gilt es zu bedenken, dass sich technologische Innovationen nicht nur bei den erneuerbaren Energien durchsetzen, sondern auch bei der Entwicklung neuer sichererer, kleinerer, effizienterer und auch kostengünstigerer Kernreaktoren.

Auch zahlreiche EU-Staaten planen eine Laufzeitverlängerung und/oder den Bau neuer Kernrektoren, um ältere Kernkraftwerke zu ersetzen, den steigenden Strombedarf zu decken, die Versorgungssicherheit zu verbessern und dem Klimawandel entgegenzuwirken. Bis 2009 hatten alle EU-Staaten, die wie Deutschland ursprünglich eine Ausstiegsentscheidung getroffen hatten, diese wieder zurückgenommen. Während z.B. Spanien ursprünglich die acht Atomreaktoren durch Windkraft ersetzen wollte, stimmte auch die sozialistische Regierung schließlich einer dreijährigen Laufzeitverlängerung zu.

Vor dem Hintergrund dieser Renaissance der Kernenergie auch in Europa hat die EU jüngst auch eine neue Richtlinie zur nuklearen Sicherheit erlassen, die weltweit erstmals verbindliche Vorgaben für nationale Rechtsrahmen für eine verbesserte nukleare Sicherheit macht.

Vor diesem globalen Hintergrund wirkte der deutsche Ausstiegsbeschluss bis 2010 zunehmend wie ein energiepolitischer Anachronismus, der mit einer beachtlichen Realitätsverweigerung die veränderten ökonomischen, technologischen, sozialen und politischen Rahmenbedingungen gegenüber dem verbindlichen Ausstiegsbeschluss der rot-grünen Koalitionsregierung von 1998 nicht wahrnehmen will. Seinerzeit gab es weder eine vergleichbare Debatte über die Notwendigkeit einer Stärkung der Versorgungssicherheit noch eine zusätzliche Blockade des Baus von neuen Kohlekraftwerken, noch vergleichbare klimapolitische Verpflichtungen, die Deutschland eingegangen ist. Innerhalb von nur zehn Jahren im Zeitraum 1997 und 2007 hat sich die Importabhängigkeit Deutschlands von 33% auf 67% verdoppelt. Der beschlossene Doppelausstieg der Bundesrepublik aus der Kernenergie bis 2021 und bei der heimischen Steinkohle würde diesen beunruhigenden Trend weiter verstärken, der allerdings durch eine Laufzeitverlängerung der Kernenergie als „Brückenenergie“ bis 2030 erheblich abgemildert werden konnte. Zudem sind auch unabhängig von dem Faktor Versorgungssicherheit ein noch schnellerer Atomausstieg und damit eine noch schnellere Totalumstrukturierung der deutschen Energiewirtschaft kaum zu bezahlen.

Umso bedauerlicher und ärgerlicher waren die neuen Zwischenfälle wie das einsturzgefährdete Atommülllager Asse in Niedersachsen 2008 und der Trafohausbrand im Kernkraftwerk Krümmel im Juli 2009 und das begleitende Kommunikationsdesaster. Dessen ungeachtet war der pragmatische Vorschlag der CDU/CSU-Fraktion und der Energieindustrie, die wirtschaftlichen Gewinne aus einer Laufzeitverlängerung zum Ausbau der erneuerbaren Energien einzusetzen, zu begrüßen. Die politische Ablehnung dieses pragmatischen Vorschlages zeigte jedoch zunächst, wie engstirnig und ideologisch die Energiedebatte in Deutschland in einen energiepolitischen Sonderweg gemündet war, der im krassen Widerspruch zu den Bemühungen der EU und auch der Bundesregierung zu einer gemeinsamen EU-Energiepolitik und der Stärkung der Energieversorgungssicherheit steht. Auch in der G8 war Deutschland bis 2010 das einzige Land, das Kernenergie nicht als wichtigen Bestandteil eines nachhaltigen und energiepolitisch CO2-armen Energiemix zur Lösung des Klimaproblems versteht. Nicht nur für ausländische Energieexperten war ein Atomausstieg bis 2021 zumeist unrealistisch und kontraproduktiv, wenn einerseits der CO2-Ausstoß um 20% bis 2020 gesenkt werden soll und andererseits gleichzeitig mit dem Ausstieg auf 25% seiner CO2-freien Emissionen und auf 50% der Grundlastsicherung bei der Stromversorgung verzichtet werden soll. So hatte eine aktualisierte Klimastudie von McKinsey & Company im Auftrag des BDI kalkuliert, dass bis 2020 etwa 90 Mio. Tonnen CO2 zusätzlich eingespart werden könnten, wenn die Reaktoren länger am Netz blieben und somit die Treibhausgasemissionen um rund 38% gegenüber dem Niveau von 1990 bei zudem deutlich verringerten Kosten abgesenkt werden könnten, wenn gleichzeitig alle bekannten Technologien zur CO2-Vermeidung genutzt würden.

Gleichzeitig zeigen auch die Endlagerpläne anderer Länder, dass Deutschland seine bisherige Spitzenstellung bei der Sicherheits- und Endlagerforschung zunehmend zu verlieren droht. Die Endlagerprogramme sind gegenwärtig in Finnland und Schweden am weitesten vorangeschritten, zumal es keine mit Deutschland vergleichbaren politischen Widerstände gibt. In Finnland wird ab 2015 mit dem Bau des Endlagers und ab 2020 mit der Einlagerung von hochradioaktivem Atommüll begonnen. Im Gegensatz zu Deutschland rangeln sogar spanische und französische Gemeinden um den Bau neuer nuklearer Zwischenlager, da sie sich Arbeitsplätze und höhere Einkommen in ihren strukturschwachen Regionen erhoffen.

Dabei führen die deutschen Diskussionen in den Kategorien des „Entweder-Oder“ (Kernenergie versus Erneuerbare Energien) zugleich in eine energiepolitische Sackgasse und die Illusion, dass nicht nur Deutschland, sondern auch die ganze Welt sich einen solchen energiepolitischen Luxus bis 2030 leisten könne. Ein energiepolitischer Realismus muss stattdessen v.a. für die globale Perspektive anerkennen, dass eine Renaissance der Kernenergie genauso notwendig und unaufhaltsam sein wird wie der Ausbau der erneuerbaren Energien und auch der Neubau sauberer sowie effizienterer Kohlekraftwerke (künftig auch mit CCS-Technologien) als Primärenergieträger. Dieser Erkenntnis hat sich auch die gegenwärtige Koalitionsregierung gestellt und entsprechend eine Laufzeitverlängerung der 17 Reaktoren um durchschnittlich zwölf Jahre vereinbart. Die dabei für die Energiekonzerne erwarteten Zusatzgewinne von bis zu 50 Mrd. EUR werden zu rund 60% zum einen durch eine Kernbrennstoffsteuer mit einem Umfang von 13,8 Mrd. EUR bis 2016 abgeschöpft, zum anderen werden 16,9 Mrd. EUR für den Ausbau und die Forschung der erneuerbaren Energien ausgegeben. Unter Berücksichtigung von Körperschafts- und Gewerbesteuern fließen sogar rund 70% an den Staat zurück. Insofern war Deutschland nur der letzte EU-Staat, der seine einstige Ausstiegsentscheidung der Nutzung der zivilen Kernenergie zugunsten einer Laufzeitverlängerung vorerst zurückgenommen hat. An dem prinzipiellen Ausstieg ist aber festgehalten worden und dieser nur zeitlich später in die Zukunft vertagt worden.

Auch wenn nicht alle Kernenergiepläne in Europa und der Welt angesichts der weiterhin eher zunehmenden Kosten und eines Mangels an ausgebildetem Personal (obwohl dieser inzwischen bereits zunehmend korrigiert wird) Wirklichkeit werden, so kann kaum ernsthaft an einer Renaissance der Kernenergie in Europa und noch weniger weltweit gezweifelt werden. Das im Ausland nicht selten empfundene anmaßende neo-wilhelminische Gebot „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ feiert v.a. hinsichtlich der deutschen Kernenergiepolitik gegenüber der Zukunft der weltweiten Kernenergie keine fröhlichen Urständ’ und wird weder als Vorbild noch als Modell der Zukunft angesehen.

Freilich werden damit aber auch die Proliferationssorgen eher weiter zunehmen, die durch die neue Abrüstungsbereitschaft der USA und Russlands bei den strategischen Nuklearwaffen im Rahmen des neuen START-Vertrages kaum beeinflusst werden. V.a. im Mittleren Osten muss der Ausbau der zivilen Kernenergienutzung, auch wenn dies das verbriefte Recht aller Staaten ist, die den NPT-Vertrag ratifiziert haben, weltweite Besorgnis hervorrufen. Dies gilt insbesondere, weil die strategische Bedeutung dieser weltpolitischen Schlüsselregion bei der globalen Energieversorgungssicherheit angesichts der Erschöpfung vieler alter Erdölfelder im atlantischen Becken in der mittelfristigen Perspektive und angesichts der womöglich zunehmenden sozio-ökonomischen und politischen Instabilitäten bis 2035 sogar noch weiter zunehmen wird. Dies gilt insbesondere dann, wenn die Nuklearambitionen Irans in naher Zukunft politische Wirklichkeit werden. Dann aber wiederum dürfte die Frage eines glaubwürdigen amerikanischen Nuklearschirms und der erweiterten Abschreckung („extended deterrence“) eher wieder an strategischer Bedeutung gewinnen, wie auch die Notwendigkeit einer effektiven Raketenabwehr steigen wird.

 

ANMERKUNG:



[1]) Dieses berücksichtigt die weltweiten Energiepläne und -strategien der einzelnen Länder, auch wenn diese noch nicht implementiert worden sind. Daher ist das Szenario zwischen dem bisherigen Referenz-Szenario („business-as-usual“ und dem ehrgeizigen 450-Szenario angesiedelt).