Lebenswichtige Bildung für Heere und Soldaten

Klaus Zapotoczky

 

Der zukunftsweisende und hervorragende UNESCO-Bericht „Lernfähigkeit: Unser verborgener Reichtum“, der Bildungsperspektiven für das 21. Jahrhundert bietet,1) wurde von einer prominenten Kommission unter der Leitung von Jacques Delors erstellt und enthält viele richtungweisende Aspekte, an denen kein modernes Heer und v.a. kein demokratieorientiertes Heer, das auf der allgemeinen Wehrpflicht der Männer und einer (breit angelegten) Miliz aufbaut, vorübergehen darf.

Schon Maria Theresia hat die Wichtigkeit einer allgemeinen Schulpflicht für die Entwicklung der österreichischen Gesellschaft erkannt und einen Bildungsschub bewirkt. Heute - und das zeigt der UNESCO-Bericht - sind die Bildungsanforderungen umfassender und noch wichtiger geworden, und jeder Bereich der Gesellschaft muss diese Herausforderung ernst nehmen und entsprechend gestalten.

Damit stellen sich auch für das Österreichische Bundesheer folgende Fragen:

- Wie sieht der gebildete Soldat der Zukunft aus?

- Welche Formen lebenslangen Lernens sind für ein Heer adäquat und von welchen (Fach-)Kräften kann dieses Lernen getragen werden?

- Wie können das gesamte Heer und alle seine Teilgliederungen Wissen systematisch mehren?

- Welche Fertigkeiten und Qualifikationen wird ein modernes, einsatzbereites Heer brauchen?

- Wie kann sich die komplexe und interdependente Welt wandeln, und welche Anpassungsfähigkeiten werden von einem modernen Heer und seinen verschiedenen Gliederungen erwartet?

- Wie lässt sich ein moderner Bildungsbegriff, den die Arbeitsgruppe um Jacques Delors im Bildungsbericht für das 21. Jahrhundert auf vier Säulen aufbaut, beschreiben und in einem modernen Heer umsetzen?

- Welche Weiterbildungsangebote werden - auch im Heer - notwendig, um eine permanente, effiziente und umfassende Bildung zu ermöglichen?

- Welche Chancen eröffnen sich umfassend gebildeten Soldaten auch in zivilen Verwendungen?

 

Herausforderungen einer Bildung für das 21. Jahrhundert

Die Entwicklung der modernen Gesellschaften wird auch in den nächsten Jahren sehr schnell vor sich gehen, sodass sich viele (neue) Anforderungen auch an die Bildung stellen, von denen die folgenden vier von besonderer Bedeutung sind.

 

Fähigkeit zu lebenslangem Lernen

Früher hieß es: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“ Heute wissen wir, dass auch die alten Menschen lernfähig sind, dass aber oft auch schon bei jungen Menschen und in vielen Bereichen der Gesellschaft (oft auch im Heer) Motivation und Gelegenheit fehlen bzw. nicht wahrgenommen werden. Motivieren, Gelegenheiten suchen und bieten ist daher ein Gebot der Stunde.

Eine der größten Gefahren für die Entfaltung Europas und seiner Menschen ist die Resignation und ein Melancholisch-Werden. Der bedeutende deutsche Soziologe Wolf Lepenies hat schon früh und immer wieder auf dieses Hemmnis aufmerksam gemacht.2) Jeder Einzelne muss sich selbst und andere zum Lernen motivieren, Neugierde wecken, Gelegenheiten zur (Weiter-)Bildung suchen und bieten, aber auch die Institutionen und insbesondere auch das Heer müssen eine bildungsfreundliche Atmosphäre schaffen. Das Heer sollte eine Schule der Nation werden und die Miliz eine Trägergruppe für Bildung in der Gesellschaft darstellen. Das Heer belebt über die Bildung (im umfassenden Sinn) die ganze Gesellschaft.

Da immer mehr Menschen in Europa alt und sehr alt werden und ständig - auch im alltäglichen Lebensvollzug - Neuerungen auf uns zukommen, ist diese Fähigkeit zu lebenslangem Lernen besonders wichtig und muss eingeübt werden. Ein - für jeden Menschen zu forderndes - Altern in Würde setzt diese Bildungsfähigkeit voraus und erfordert ein Umdenken der Bevölkerung auf allen Linien.

 

Wissen systematisch mehren

Wie eine systematische Erweiterung des Wissens konkret ausschauen kann, hängt mit den individuellen Ausgangsbedingungen (Bildungsstand), dem jeweiligen bisherigen Lebensverlauf und den Motivationen stark zusammen. Aber auch die Umfeldbedingungen müssen entsprechend gestaltet sein, und hier stellen sich einem modernen Heer neue Aufgaben.

Beim Bildungsstand sind sowohl die objektiven Gegebenheiten wie auch die subjektiven Wahrnehmungen zu beachten. Viele Menschen sind - objektiv gesehen - nicht gebildet, halten sich aber - subjektiv gesehen - für sehr gebildet. Leider ersetzt oft Einbildung die echte Bildung.

Aber nicht Vielwisserei, sondern systematisch erworbenes bzw. zugängliches Wissen mit entsprechendem „Sitz im Leben“ ist wesentlich. Systematisch Wissen erwerben und mehren braucht Kritikfähigkeit und Auseinandersetzung mit anderen und anderem. Ein Ansatz ist: in Alternativen denken lernen. Ein anderer Ansatz ist die Innovation. Beide Fähigkeiten, Kritikfähigkeit und Innovationskraft sind für die Bedeutung eines Heeres in Zukunft entscheidend. Neue Entwicklungen kreativ zu verarbeiten ist meist wichtiger, als das bisher Gewusste zu vervollständigen. Neue Durchblicke sind wichtiger als die Komplementierung von Checklisten. Insbesondere aber sind der Blick und die Einsicht, dass Wissen nicht alles ist, sondern der Ergänzung durch die anderen Bildungssäulen bedarf, für die gesamte Gesellschaft und insbesondere das Heer wichtig.

 

Erwerb jeweils notwendiger Fertigkeiten und Qualifikationen

Die Raschlebigkeit und die zunehmende Differenzierung aller Lebensbereiche bringen es mit sich, dass für eine optimale Gestaltung der verschiedenen Bereiche sowohl in der Arbeits- und Berufswelt als auch im Bereich von Freizeit und Erholung, insbesondere aber im Bereich der Außen- und Sicherheitspolitik, immer neue Fertigkeiten günstig bzw. notwendig sind.

Diese Fertigkeiten und Qualifikationen sind nicht nur kognitiver Art, sondern beinhalten auch Haltungen, die in jahrelangen Aneignungsprozessen erworben bzw. nicht erworben wurden. Auch die Fähigkeit, Unannehmlichkeiten verschiedenster Art ertragen zu können bzw. mit Befehlen als Vorgesetzter und als Untergebener konstruktiv umgehen zu können, braucht einen (oft langen) Lernprozess. Wichtige Qualifikationen für das Heer der Zukunft sind Belastbarkeit, Initiative und Kreativität, aber auch Teamfähigkeit und soziale Kompetenz.

Letzteres erfordert, dass wir unser Interesse an der Welt, an unseren Mitmenschen und an unserer Umwelt aufrechterhalten und versuchen zu erkennen, welche Fertigkeiten und Qualifikationen notwendig erscheinen, welche Kollegen diese besitzen und wie sie optimal genutzt werden können. Diese Offenheit lebendig zu erhalten, ist nicht immer leicht. Manchmal haben wir genug und wollen nichts mehr sehen und hören und am liebsten zu den verschiedenen Ereignissen nichts sagen, wie die berühmten drei Affen. Leben bedeutet aber neugierig sein, Bescheid wissen wollen. Dazulernen kann nur der, der lernfähig und lernwillig ist und bleibt.

 

Fähigkeiten zur Anpassung

Die Globalisierung konfrontiert die Menschen - heute schon - mit vielen bisher unbekannten Gegebenheiten. Diese Tendenz wird anhalten und einerseits alle Lebensbereiche berühren und andererseits auch bedingen, dass sich die Menschen in verschiedenste andere Situationen und Menschen hineindenken können und müssen (Fähigkeit zur Empathie), ohne deshalb schon die jeweils eigene Position aufzugeben. Diese Fähigkeit der Empathie wird als spezifische Eigenschaft des Menschen der Moderne bezeichnet. Eine große Gefahr der Entwicklung dieser spezifischen Fähigkeit der Empathie können Charakterlosigkeit, Beliebigkeit und Heimatlosigkeit der modernen Menschen sein, die zu Aggressivität und Ablehnung von Fremden und Fremdem führen können. Nur wer selbst beheimatet ist, kann anderen Heimat geben und Heimat vermitteln. Heere und verteidigungsbereite Menschen, insbesondere Soldaten, brauchen eine Heimat. Heimat ist ein unverwechselbares Zuhause, das eine schwierige Lebensaufgabe darstellt. Flexibel-Sein und Sich-Anpassen-Können sind wichtige Eigenschaften der modernen Menschen, die dann leichter zu erwerben sind, wenn sie eine tragende Bindung, eine tiefe Geborgenheit besitzen. Unbedingt und im Vollsinn des Wortes ist dies niemand gegeben, sodass für jeden Menschen eine gewisse Verunsicherung immer bestehen bleibt. Völlige Sicherheit bedeutet letztlich Stillstand und Tod. Wer den Tod fürchtet, ist immer unsicher.

 

Die vier Säulen der Bildung

Im 21. Jahrhundert hat „Bildung“ insbesondere ein ausgewogenes Verhältnis folgender vier Bildungsbereiche herzustellen, damit eine entsprechende Entfaltung der Menschen und der Aufbau von Menschenwürde möglich werden. Die UNESCO-Kommission entwickelte ein Haus der Bildung der Zukunft, das auf vier gleichwertigen (und solide errichteten) Bildungssäulen ruhen soll.

 

Lernen, Wissen zu erwerben

Die bisherige Bildungspolitik hat sich vorwiegend mit dieser ersten Säule der Bildung beschäftigt. Heute wissen wir, dass so viel Wissen - in den verschiedensten Wissensbereichen - existiert, dass es - selbst für Spezialisten - unmöglich ist, dieses präsent zu haben. Es kommt zu immer größerer Spezialisierung, und das notwendige Wissen um den Gesamtzusammenhang droht verloren zu gehen. Die Kooperation von Generalisten und Spezialisten wird immer wichtiger, und das Wissen, wo bzw. bei wem die jeweiligen Detailkenntnisse vorhanden sind, wird entscheidend. Neben dem vielfältigen Verfügungswissen wird aber ein Orientierungswissen, das oft fehlt, immer wichtiger. Orientierungslosigkeit ist eine Grundgefährdung des modernen Menschen.

Die alte Illusion der Aufklärung, dass durch mehr Wissen die Menschen auch (moralisch) besser würden, hat sich nicht erfüllt. Wir gebrauchen zwar immer mehr Verfügungswissen für unseren alltäglichen Lebensvollzug, aber immer deutlicher zeigt sich, dass Wissen allein nicht genügt und oft auch bewusst missbraucht wird.3)

Dieser Entwicklung muss dadurch begegnet werden, dass - wenigstens in einigen tragenden Institutionen der Gesellschaft, in der Ärzteschaft, im Heer oder in der Scientific Community - das gefordert und gelebt wird, was Vaclav Havel schon in den 1970er-Jahren unter schwierigen Bedingungen in der Tschechoslowakei gefordert hat: in Wahrheit zu leben.4) Wo Wahrheit gelebt wird, kann auch Vertrauen entstehen, das v.a. die komplexen modernen Gesellschaften brauchen, um die Komplexität zu reduzieren, denn Gewalt ist zur Reduktion von Komplexität immer weniger geeignet. Niklas Luhmann und andere haben sich bemüht, verschiedene Ansätze zur Komplexitätsreduktion zu entwickeln.5)

 

Lernen, verantwortlich zu handeln

Oft drängt sich der Eindruck auf, dass sich Menschen, die über Zusammenhänge viel wissen, scheuen zu handeln, vielleicht auch deshalb, weil sie meinen, noch nicht genug bzw. noch nicht alles (Erforderliche) zu wissen. Verantwortliche Lebensgestaltung erfordert aber - in allen Lebensbereichen - ein entsprechendes Handeln. Sonst handeln andere, aber in der Regel auf andere Weise.

In jüngerer Zeit hat die Forschungsgruppe „Kulturen der Verantwortung“ am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen unter Leitung des Kieler Forschers Ludger Heidebrink verschiedene Forscher zum Nachdenken über das „widersprüchliche Prinzip“ Verantwortung bewogen, die in einer umfangreichen Publikation den Ressourcen der Verantwortungsgesellschaft nachgegangen sind, Ambivalenzen zivilgesellschaftlicher Verantwortung aufgezeigt haben, Verantwortung in verschiedenen Kontexten behandeln und sich zuletzt Gedanken zum Thema Verantwortung und Gerechtigkeit gemacht haben.6) Es ist schade, dass der Autor der Risikogesellschaft, Ulrich Beck, der den Vorwurf der „organisierten Unverantwortlichkeit“ geprägt hat, in die Auseinandersetzungen nicht (direkt) einbezogen war, aber es ist zu hoffen, dass der Dialog weitergeht, auch weitere Disziplinen einbezogen werden und neue Möglichkeiten und Grenzen er- und bearbeitet werden. Auch die Ansätze einer Umsetzung in die Praxis sind mehr zu berücksichtigen, damit - weltweit gesehen - Politik, Programme und Projekte stimmig entwickelt und verwirklicht werden, was wir mit Rückgriff auf Bourdieu kürzlich für die Entwicklungszusammenarbeit gefordert haben.7)

Verantwortliches Handeln will gelernt sein, und dies auf allen Ebenen im persönlichen Bereich, in Gruppen und Institutionen, auf gesellschaftlicher bzw. staatlicher Ebene und international. Auch Nichtstun, Keine-Entscheidung-Treffen, Nicht-Mitwirken ist ein Tun, es ist in der Regel aber kein verantwortungsbewusstes Handeln. Verantwortliches Handeln muss v.a. eingeübt werden, was in Gemeinschaften wie sie eine Schule, ein Heer oder eine religiöse Gemeinschaft darstellen, leichter möglich ist als anderswo.

 

Lernen, friedlich zusammenzuleben

In den traditionellen Gesellschaften lebten die Menschen - in der Regel - in kleinen wohlbekannten und vertrauten Kreisen zusammen. Die modernen offenen Gesellschaften bringen es mit sich, dass wir häufig Unbekanntem und Unbekannten begegnen und lernen müssen, mit diesen, und eventuell auch unter neuen, fremden Bedingungen, friedlich zusammenzuleben. Je besser es uns gelingt, mit anderen friedlich und konstruktiv zusammenzuleben, umso größer sind unsere Lebensqualitätschancen. Zusammenleben kann und muss gelernt werden; es braucht Zeit, Interesse und Kraft. Sich Zeit nehmen für ein Leben in Frieden, wird zu einer lebenswichtigen Aufgabe.

Frieden schaffen, in Frieden zusammenleben erfordert aber nicht nur Zeit, sondern auch eine menschen- und umweltfreundliche Haltung. Eine solche Haltung - dies hat z.B. der Krieg in Vietnam gezeigt - wird aber in Auseinandersetzungen erbitterter Art nicht immer geübt. Es kann der Natur Gewalt angetan werden, wie z.B. durch eine Dioxinvergiftung des Bodens, die auch in Jahrhunderten nicht abgebaut werden kann, und es können Menschen so gefoltert werden, dass die Spuren dieser „Behandlung“ physisch, psychisch und sozial ein Leben lang bemerkbar bleiben. Beides ist durch internationale Abkommen verboten, aber wo entsprechende Haltungen fehlen, können sich solche Fehlleistungen ereignen. Dies zeigt deutlich, dass militärische Haltung heute (und morgen) nicht mehr nur eine äußere Haltung sein darf (so wichtig diese nach wie vor ist), sondern auch eine zielorientierte Haltung sein muss, wobei das Ziel nicht die Ausschaltung (oft auch Vernichtung) des Gegners sein kann, sondern ein konstruktives Zusammenleben zum Wohle aller Beteiligten. Dies setzt voraus, dass die Handlungen aller auf das gemeinsame Wohl und nicht auf egoistische Vorteile einzelner, gewisser Firmen oder Konzerne, aber auch nicht auf Vorteile bestimmter Staaten und Staatengemeinschaften gerichtet sein dürfen. Solches Streben nach Frieden und Einheit muss und kann gelernt werden.

Vermehrt wird solches Streben in den Heeren gelehrt und eingeübt werden müssen. Gewaltsame Auseinandersetzungen sollten stets vermieden werden, aber niemand darf (einseitig) sich so schwächen, dass er eine (leichte) Beute von Gewalttätern - welcher Art auch immer - werden kann. Gewalt muss dabei umfassend verstanden werden, d.h. auch die Strukturen der Gewalt und ungerechte Verhältnisse umfassen,8) sodass Friede sowohl einer Verhaltens- als auch einer Verhältnisprävention bedarf. Friede braucht dann nicht nur Zeit, sondern auch möglichst gerechte Verhältnisse, friedliebende Haltungen und den (politischen) Willen der jeweils Mächtigen.

 

Lernen für das Leben

Diese Säule kann in zwei Richtungen verstanden werden:

1. Gelernt werden soll nicht für die Schule, für den Erwerb von Titeln oder für formelle Qualifikationen, sondern dafür, in den verschiedensten Lebensbereichen - nicht nur in der Berufswelt - qualitätsvoll leben zu können. Wissen und Fertigkeiten, Verfügungswissen werden für die Lebensqualität der Zukunft entscheidend sein, aber ohne Orientierungswissen, das zunehmend an Bedeutung gewinnt und unsere Ratlosigkeit9) vermindern hilft, werden wir die Atomisierungstendenzen auf allen Ebenen und in jedem Bereich der Gesellschaft nicht überwinden können. In Isolation zu geraten ist lebensgefährlich. Leben ist immer Leben mit anderen.

2. Früher wurde oft gesagt: „Der Krieg ist der Vater aller Dinge“, und es wurden für kriegerische Auseinandersetzungen viele Erfindungen und Forschungsergebnisse genutzt. Heute wird bewusst, dass Wissen mit ähnlichem Einsatz wie früher für kriegerische Zwecke auch für Friedensschaffung, Friedenssicherung und Friedenserhaltung und somit für das Leben eingesetzt werden muss, um ein Überleben für alle zu sichern. Das erfordert zunächst ein Umdenken bei den Strategieverantwortlichen jeglicher Prägung und in der Folge ein nachhaltiges, geduldiges und verlässliches Handeln.

Auf allen Ebenen der Gesellschaftsgestaltung und in allen gesellschaftlichen Bereichen, insbesondere auch im militärischen Bereich, kommt der Friedensarbeit größte Bedeutung zu. Dies erfordert neue Ausbildungs- und Trainingswege, die an den vier Säulen der Bildung, insbesondere aber an der speziellen Säule der Lebensbildung, orientiert sein müssen. Wahrscheinlich braucht es für das Leben und den Frieden ein ähnlich umfangreiches und eingehendes Buch wie den Versuch einer Theorie des großen Krieges, die von Carl von Clausewitz Anfang des 19. Jahrhunderts aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen und Erkenntnisse entworfen wurde. Dieses Buch ist erst nach seinem Tod von seiner Frau 1832 herausgegeben worden.10) Eine solche Theorie vom großen Frieden wird sich auch Gedanken darüber machen müssen, wie eine Spirale des Friedens, die vielleicht zum ewigen Frieden11) führen kann, gestaltet sein sollte und die Frieden weniger als Zustand, sondern eher als dynamischen Entwicklungsprozess versteht.

Nur ein ausgewogenes Verhältnis der vier Säulen der Bildung kann ein qualitätsvolles Leben im 21. Jahrhundert sichern. Jeder einzelne, alle Bildungseinrichtungen, aber auch alle anderen Institutionen, insbesondere das Heer, die einzelnen Staaten und die Staatengemeinschaften und nicht zuletzt auch die - hoffentlich im Werden begriffene - Weltgesellschaft und alle ihre Institutionen - weit über die UNESCO hinaus - sollen lernen, Bildung als ausgewogenes Verhältnis von Wissen, verantwortlichem Handeln, friedlichem Zusammenleben und positiver Lebenseinstellung zu verstehen und sich dementsprechend zu verhalten. Das werden nicht alle sofort tun. Vernetzte Kreise von in dieser Weise gebildeten Menschen können attraktive und beispielgebende Multiplikatoren sein. Nur gelebte Bildung ist echte Bildung.

Wie können in den einzelnen Heeresverbänden und zwischen Stäben unterschiedlicher Heere, aber auch zwischen einzelnen Soldaten aller Ränge Friedensnetzwerke entstehen, die (praktische) Erfahrungen und neue theoretische Ansätze austauschen, diskutieren und in die Praxis umzusetzen suchen?

 

Die Institutionen „Schule“, „Universität“ und „Europäische Armee“ als europäische Herausforderungen und Chancen

Die gesellschaftlichen Einrichtungen werden nur dann sinnvoll gestaltet werden können, wenn die Grundvoraussetzungen von Institutionen, wie sie schon früh Hauriou formuliert hat,12) erfüllt werden und zugleich die vielen neuen Notwendigkeiten und Möglichkeiten unserer Zeit erkannt und konstruktiv genutzt werden.

 

Institutionen als einzigartige Entfaltungsmöglichkeiten der Menschen

Die Menschen entwickelten neben und statt ihrer Instinkte, die parallel zu diesen Entwicklungen weniger stark gefordert und ausgestaltet wurden, nicht nur Werkzeuge, sondern auch Gemeinschaftseinrichtungen, die ihr Leben bestimmten und bestimmen. In den verschiedenen Lebensbereichen bildeten sich bei allen Menschen der Welt Einrichtungen, die das Leben der jeweils zugehörigen Gruppen stark prägten, ja ihr (Zusammen-)Leben erst möglich machten. Es ist sehr bemerkenswert, dass zwar überall und in allen Lebensbereichen Institutionen gebildet wurden und werden wie Familie, Schule, Betriebe, Einrichtungen der Politik, zu denen in der Regel auch die Heere zählen, Institutionen der Religion usw., die jeweiligen Ausprägungen dieser Einrichtungen aber sehr unterschiedlich waren und sind.13)

Verschiedene Autoren sprachen von einer sekundären Abhängigkeit der Menschen von diesen Einrichtungen und stellten diese Abhängigkeit jener von den Grundbedürfnissen, die primäre Abhängigkeit genannt wurde, gegenüber.14) Diese Einrichtungen sollen helfen, die verschiedenen Bedürfnisse auf Dauer zu erfüllen, und haben daher ein gewisses Beharrungsvermögen und tragen zur Stabilisierung der Menschen und Gesellschaften bei. In Zeiten raschen gesellschaftlichen Wandels nehmen viele Menschen Anstoß an diesen (beharrenden) Institutionen, und manchen scheinen diese Institutionen dann eher hinderlich als förderlich.15) Auf diese Besonderheiten will ich hier aber nicht eingehen, sondern lediglich die drei Hauptforderungen für das Gelingen bzw. die optimale Wirksamkeit einer Institution darstellen: Werkidee, sachliche und personelle Mittel und eine verschworene Gemeinschaft.

 

Werkidee oder Leitidee

Jede Institution braucht eine Leitidee, deren Verwirklichung den beteiligten Menschen wichtig und langfristig tragend erscheint. Manche Ideen haben zu manchen Zeiten in bestimmten Kulturen eine besondere Bedeutung, sodass die Institutionen, die der Verwirklichung dieser Ideen dienen, in den betreffenden Gesellschaften besonders beachtet werden. Nicht jede entwickelte Idee ist allein schon deshalb, weil sie in einer Gesellschaft sehr viele Anhänger hat oder begeistert begrüßt wird, eine „gute“ Idee. Die Macht der Ideen muss durch ein kritisches Stellungnehmen der Menschen geprüft und beurteilt werden. Das Motto könnte sein: „Prüft alles, das Gute aber behaltet.“ Jeder ist also sowohl zur Prüfung (der Ideen) als auch zum Tun des „Guten“ aufgerufen. Denn das „Gute“ muss nicht nur erkannt, sondern auch gelebt werden. Eine Hilfe, das „Gute“ zu tun und das „Böse“ zu meiden, kann es sein, auf das zurückzugreifen, was sich schon bewährt hat, eine gewisse tragfähige Tradition hat.16)

 

Sachliche und personelle Mittel

Jede Institution braucht entsprechende sachliche und personelle Mittel, damit sie ihre Aufgaben erfüllen kann. Zu den sachlichen Mitteln gehören auch Gebäude, mit denen die Institutionen oft identifiziert werden: die Kirche, die Schule, die Gemeinde, der Betrieb, die Werkstätte sind dann oft die Gebäude, die der Verwirklichung dieser Ideen dienen. Neue Ideen brauchen dann oft auch neue sachliche Mittel, weil die alten diesen neuen Ausrichtungen nicht mehr entsprechen.

Ähnlich ist es bei den personellen Mitteln. Im deutschsprachigen Raum war früher z.B. der Beamte eine Person, die sich völlig mit ihrer Aufgabe identifiziert hat. Bei manchen Berufsgruppen wird das heute noch - mit mehr oder minder großem Erfolg - gefordert und versucht: Priester, Ärzte, Soldaten u.a.

 

Verschworene Gemeinschaft

Menschen, die die ihnen gestellten Aufgaben in einer Institution verlässlich erfüllen, sind für die betreffende Institution wichtig und wertvoll. Damit eine Institution aber begeistern kann, braucht sie eine Trägergruppe, d.h. Menschen, die voll - das heißt weit über das erwartbare, normale Maß hinaus - hinter der Idee, „ihrer“ Idee, stehen und in der Umsetzung dieser Idee ihren Lebensinhalt sehen. Ideen brauchen nicht nur „treue Diener“ der Idee, sondern ausreichend viele - eng miteinander verknüpfte und zu einander haltende und miteinander tätig werdende - zu einer Trägergruppe vereinte, begeisterte Menschen. Nur wo in einer Institution auch Begeisterung herrscht, werden die Ideen lebendig und lebensprägend.

An drei Beispielen wird versucht, Institutionen für Europa zukunftsweisend anzudenken und drei Einrichtungen, nämlich Schulen, Universitäten und eine Europäische Armee, auf diese Grundanforderungen an Institutionen hin zu untersuchen. Allerdings muss allen Europäern und noch mehr denen, die noch nicht europaweit zu denken gelernt haben, klar sein, dass Europa nur ein kleiner (hoffentlich feiner) Teil der Welt und ohne das Ganze der Welt nicht existenzfähig ist. Die gesamte Welt sitzt im gemeinsamen Boot und findet (hoffentlich) immer wieder sichere Häfen. Jeder im Boot hat seine Aufgaben und seine Verantwortung. Weder eine Ohne-mich-Haltung noch ein Ausgrenzungsverhalten sind zielführend. Die Alternative zum gemeinsamen Weltaufbau und Weltweiterbau ist der Untergang, den (hoffentlich) keiner will.

 

Die Schule des 21. Jahrhunderts für Europa

Zunächst wird zu fragen sein, von welcher Werk- oder Leitidee die Schule des 21. Jahrhunderts in und für Europa getragen sein soll. Die eben erwähnten vier Säulen der Bildung müssen hier zum Tragen kommen und mit konkretem - modernem - pädagogischem Know-how vermittelt werden. Lernen, Wissen zu erwerben, wird nur eine Säule sein.

Wie sollen aber die bisher ausgebildeten Lehrer den Schülern vermitteln, verantwortlich zu handeln, wo sie selber quasi in der geschützten Werkstätte der meist vom normalen Leben abgehobenen Schule, jedenfalls aber weitgehend isoliert vom „wirklichen“ Leben ihren Beruf ausüben? Lernen, friedlich zusammenzuleben, wurde auch bisher in den Schulen versucht, aber als markante Bildungssäule noch selten betrieben. Ansätze der Mediation und der Anleitung zur mediativen Tätigkeit in den Schulen werden bereits geleistet, aber noch nicht als wichtige Bildungssäule verstanden.

Ähnlich verhält es sich bei der vierten Säule, der Einübung in die positiven Seiten des Lebens. Wie kann ich an den Schulen ein Leben aus der Fülle der Lebensmöglichkeiten gestalten, wenn überall - wie reich wir auch sind - der Mangel beklagt wird und Neid vorherrscht?

Es wird aber weiters zu überlegen sein, wie eine Schule - auch gebäudemäßig - beschaffen sein soll, die auch die anderen Herausforderungen einer Bildung für das 21. Jahrhundert erfüllen hilft:

1. Die Fähigkeit zu lebenslangem Lernen wecken, fördern und erhalten.

Wahrscheinlich müssen die Schulen Bildungshäuser der Gemeinde werden, in denen - entsprechend den jeweiligen Altersgruppen - permanent Bildungsarbeit für und mit den Menschen aller Altersgruppen geleistet wird.

2. Wissen systematisch mehren

In den Schulen wird dokumentiert werden müssen, wer über welches Wissen verfügt und wie er oder sie erreichbar ist. Wissensnetzwerke werden sich zu anderen Gemeinden und Einrichtungen spannen, und so wird potenzielles Wissen konkret verfügbar gemacht und auch Orientierung gefunden. Auch andere Bildungsbereiche werden systematisch entwickelt werden müssen, und entsprechende Haltungen sollen systematisch gefördert werden.

3. Fähigkeiten und Qualifikationen erwerben

Eine zentrale Voraussetzung wird sein, sich darum zu bemühen bzw. herauszufinden, was in der Gemeinde in Zukunft gebraucht wird und wie dieser Bedarf gedeckt werden kann. Viel mehr als bisher wird Schule mit Bildungsplanung und Manpower-Findung konfrontiert sein und wird gefragt werden müssen, wo und von wem die entsprechenden Fähigkeiten gelehrt bzw. eingeübt werden. Auch das Heer könnte manche Formungsaufgaben übernehmen bzw. in Notsituationen einspringen.

4. Anpassungsfähigkeit in einer sich wandelnden Welt

Mehr als bisher werden sich die Schulen mit den Wandlungsvorgängen in der Welt in allen Bereichen beschäftigen müssen. Es muss gelehrt und gelernt werden, diese Wandlungsvorgänge zu beobachten, zu verstehen und entsprechend mitzugestalten. Wenn wir anderswo helfen bzw. internationale Einsätze leisten, können wir auch für die Probleme, die bei uns auftreten können, konkret lernen. Erfahrene Helfer sind äußerst wertvoll. Immer weniger werden Hilfeleistungen Einzelaktionen sein, Teamarbeit ist gefragt, Interdependenz herrscht vor und vernetztes Denken muss eingeübt werden, und all dies ein Leben lang. Wie müssen die neuen Schulen aussehen, um dies leisten zu können? Wo werden außerhalb der Schulen solche Haltungen eingeübt? Ein Heer könnte viele Möglichkeiten bieten.

Sollen Schulen aber auch noch andere Aufgaben übernehmen, wie den Menschen einen gesundheitsfördernden Lebensstil nahe zu bringen und zur Umsetzung beizutragen, die Menschen zu regelmäßiger Bewegung, gesunder Ernährung und einem ausreichenden Stressmanagement anzuleiten, ihnen bei der Einübung dieser Aufgaben zu helfen und zu einem nachhaltigen Beibehalten dieser Fähigkeiten beizutragen?

Wie kann Schule zugleich auch zur Heimat für Schüler, Eltern und Lehrer werden, v.a. dann, wenn mehr als ein Acht-Stunden-Tag in der Schule verbracht wird? Welche Infrastrukturen brauchen solche Schulen? Noch sind die Anforderungen nicht klar, noch weiß niemand, wie hoch die Kosten sein können und wie das alles optimal umgesetzt werden kann. Aber es ist höchste Zeit, daran zu denken, Planungsunterlagen zu erarbeiten und Modellversuche zu starten. Worauf warten wir in Europa? Bis anderswo die besseren Schulen errichtet werden? Schulen als Europa-Schulen zu bezeichnen, war ein erster Schritt, in neuen Qualitäten zu denken. Heute sind viele neue Anstrengungen - von möglichst vielen - notwendig, wenn wir morgen als (österreichische) Europäer bestehen wollen.

 

Die unbedingte Universität - eine Realutopie für Österreich

Der große französische Philosoph Jacques Derrida (1930-2004) hat die Idee einer unbedingten Universität entwickelt,17) einer Universität, unabhängig von allen politischen Einflüssen, nicht geprägt durch Geldzuwendungen (gleichgültig von welcher Seite), die versuchen könnten, die Universitäten zu kaufen oder zu korrumpieren, und eine Universität frei und unbeeinflusst von den Medien, die ihnen Anerkennung, Prestige und Ansehen in der Öffentlichkeit versprechen. Eine solche Universität wäre tatsächlich autonom, unabhängig und frei, aber sie existiert nicht wirklich.

Derrida entwickelte den Gedanken des „Als ob“ und schlägt vor: Tun wir so, als ob es eine solche unbedingte Universität gäbe und denken wir darüber nach, wie eine solche unbedingte Universität aussehen sollte und wie sich Österreichs Universitäten einem solchen Ideal annähern könnten oder welche neuen universitären Einrichtungen - auch für das Heer - notwendig würden.

Zuerst müssen wir fragen: Was sind die Aufgaben der Universitäten?

Von den zehn Aufgaben, die im Universitätsgesetz 2002 genannt werden, wollen wir uns auf vier beschränken:

1. Förderung der Wissenschaft und Heranbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses

Dieses Ziel ist dann erreichbar, wenn es gelingt, die besten Köpfe des Landes für die Universitäten als Studenten, Forscher und Lehrer zu gewinnen. Die Realität sieht anders aus. Viele Absolventen höherer Schulen bewerben sich zunächst bei außeruniversitären Einrichtungen (z.B. Fachhochschulen), und wenn sie dort abgelehnt werden, gehen sie an die Universität. Die besten Absolventen der Universitäten gehen ins Ausland für ergänzende Studien und Ausbildungen oder in die Wirtschaft, nicht zuletzt, weil ihnen die einheimischen Universitäten zu wenig (nicht nur im materiellen Sinn) zu bieten haben. Wie kann die Attraktivität der Universitäten in Österreich wieder hergestellt werden? Wissenschaft wird faszinierend bleiben, aber vorwiegend anderswo. Auch in der Bundesverwaltung und nicht zuletzt im Heer wird man sich Gedanken machen müssen, wie die Heranbildung des wissenschaftlich befähigten Nachwuchses wirksam gesichert werden kann. Anderswo (z.B. in Australien) ist Wissenschaft-Treiben eine wichtige Einnahmequelle, bei uns wird es als Kostenfaktor missverstanden.

2. Wissenschaftliche Berufsausbildung

Immer weniger sind die Universitäten in der Lage, die Studien so zu gestalten, dass sie zugleich praxisrelevant und auf höchstem Stand der Wissenschaften sind. V.a. in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, aber auch in den technischen Wissenschaften ist die Verbindung von Theorie und Praxis erforderlich und wird auch international für die Besetzung höchster Positionen verlangt. Gelingt Österreich diese wissenschaftliche Berufsvorbildung inhaltlich und formal nicht, werden die höchsten (international relevanten) Positionen von Nicht-Österreichern besetzt werden, weil Österreich keine praxiserfahrenen und bestausgebildeten Kandidaten hat. Höchste Ausbildung für begabte Praktiker ist nötig, die Wissenschaften müssen diese Praktiker suchen und beharrlich auch für wissenschaftliches Arbeiten gewinnen.

3. Bildung durch Wissenschaft

Der Bildungsreport der UNESCO für das 21. Jahrhundert: Lernfähigkeit, unser verborgener Reichtum, baut auf vier Säulen der Bildung auf, die gleichwertig und ausgewogen verfolgt werden sollen:

- Lernen, Wissen zu erwerben,

- Lernen, (verantwortlich) zu handeln,

- Lernen, (friedlich) zusammenzuleben,

- Lernen für das Leben.

Die Universitäten konzentrieren sich nach wie vor auf die Wissensvermittlung, obwohl seit Max Weber (1864-1920) klar sein sollte, dass wir von der „naiven Selbsttäuschung des Fachgelehrten“, der an die reine Objektivität, an die Evidenzen des reinen Geistes oder des bloßen Auges glaubt, zum Homo academicus fortschreiten müssen, der der „denkbar schärfsten sachlich-wissenschaftlichen Kritik ausgesetzt“ ist und sich gerade dadurch im wissenschaftlichen Wettstreit befindet. Solche Akademiker haben wir viel zu wenige.

4. Weiterbildung (der Absolventen, aber auch des gesamten Universitätspersonals)

Hier liegt vieles im Argen oder - sagen wir es positiv - steckt noch ganz in den Anfängen. Angesichts dieser Situation ist zunächst eine realistische Situationsanalyse zu leisten. Der Bedarf ist enorm, kann aber wegen vielfältiger Überlastungen im existierenden Betrieb der Universitäten nicht auf dem zu fordernden (internationalen) Niveau von den bestehenden Universitäten geleistet werden. Ein weiterhin Sich-Selbst-Belügen, Schönfärben oder Gesundbeten ist nicht nur sinnlos, sondern kontraproduktiv und verhindert einen echten Neuanfang. Wir haben nicht zu viele Bildungswillige, wir brauchen alle Leistungswilligen und Leistungsfähigen, und das nicht nur für die so genannte Ausbildungszeit, sondern ein Leben lang. Permanente Weiterbildung ist notwendig.

Die Bildungsökonomie nennt zumindest vier Ansätze, die bei einer echten Bildungsplanung beachtet werden müssen und natürlich auch für alle Weiterbildungsmaßnahmen Gültigkeit haben:

- Manpower approach: Welche Wissenschaftler und wissenschaftlich ausgebildeten Praktiker werden gebraucht? (Qualitative und quantitative Anforderungen sind zu beachten).

- Social-demand approach: Wer will sich wissenschaftlich ausbilden (lassen)? Zum Glück ist der Andrang in Österreich sehr groß. Wie geht Österreich mit dieser Situation sinnvoll um? Fragwürdige Zugangsbeschränkungen sind ein ungeeigneter Weg.

- Financial approach: Was kostet eine gediegene und brauchbare universitäre Bildung? Für 2007 hat die OECD anerkannt, dass Österreich für einen Studenten aus einem so genannten Entwicklungsland im Durchschnitt (verschiedene Studien verursachen unterschiedliche Kosten) 8.300 EUR pro Jahr an Studiengebühren verrechnen darf. Die Kosten sind also bekannt und sollten von den Universitäten autonom festgesetzt und eingehoben werden. Soziale Bedürfnisse sollten entsprechend ausgeglichen werden. Alle sollen studieren können und für diese in Anspruch genommenen Leistungen entsprechend bezahlen: In- und Ausländer gleich. Die österreichische Gesellschaft kann dann entscheiden, wer in welcher Form durch Stipendien, Kredite, Sparformen unterstützt werden soll. Niemand soll auf Kosten der österreichischen Steuerzahler eine höchste Bildung erwerben und dann beliebig für seinen eigenen Vorteil verwenden dürfen. Die Universitäten brauchen ausreichend Eigenmittel, (auch zur Stärkung des Selbstbewusstseins), die sie unter den gegebenen Verhältnissen nur durch angemessene Gebühren für ihre Leistungen erwirtschaften können.

- Institutional approach: Die Institutionenlehre zeigt uns, dass viele Einrichtungen (nicht nur im Wissenschaftsbereich), die sich überlebt haben, weiter bestehen und (viel) Geld kosten. Auch Österreich braucht neue, zukunftsweisende höchste Bildungseinrichtungen und darf nicht bei dem stehen bleiben, was immer schon war.

Nicht nur, weil Österreich als Land der Parallelaktionen in die (Literatur-)Geschichte eingegangen ist, sind Evaluierungen der Universitäten notwendig und sind auch neue Ansätze der Vermittlung universitärer Bildung auf den verschiedenen Gebieten und unterschiedlichen Ebenen immer wieder zu überlegen. Dabei muss aber darauf geachtet werden, dass sich die Studenten (und auch die Lehrenden) auf Curricula und Ausbildungsgänge verlassen können, neue Vorschriften nicht rückwirkend gelten und Berechtigungen nicht leer werden, weil sie praktisch nicht durchsetzbar sind. Forschung und Lehre müssen geeint und das Zusammenwirken von Lehrenden und Studierenden gesichert werden, sollen die Universitäten wieder zu begeisternden Stätten der höchsten Bildung werden.

Zusammenfassend muss gesagt werden, dass alle vier Säulen der Bildung für ein qualitätsvolles Leben im 21. Jahrhundert entwickelt und gesichert werden müssen und dass nirgendwo die kognitive Säule, lernen, Wissen zu erwerben, so einseitig ausgeprägt ist wie an den Universitäten besonders in (Mittel-)Europa.

 

Eine Institution „Europäische Armee“ als Trägergruppe Europas?

Im Folgenden sollen zunächst in einer Art Vorgeschichte frühere Ansätze europäischer Armeen dargestellt werden, dann gefragt werden, mit welchen Herausforderungen sicherheitspolitischer Art wir im Zusammenhang mit der Entwicklung der EU konfrontiert sind und welche konkreten Möglichkeiten einer Europäischen Armee heute diskutiert werden.

 

Vorgeschichte einer Europäischen Armee

Im Mittelalter entstand die Idee, das Heilige Land für die Christenheit in Besitz zu nehmen, und daraus entwickelte sich - von verschiedenen Heerführern geleitet und aus mehreren Ländern rekrutiert - die Kreuzzugsidee, die von 1095 an zu mehreren europäischen Kreuzzügen nach Palästina führte, die unterschiedlich erfolgreich waren, aber letztlich damit endeten, dass diese europäischen Eroberungspläne scheiterten und als letzte europäische Bastion Akkon im Jahr 1291 fiel. Rund 200 Jahre europäische Kreuzzüge waren gescheitert.

Spätere Eroberungen - oft auch Entdeckungen genannt - waren keine gesamteuropäischen Unternehmungen, sondern Besitzergreifungen für einzelne Länder, (wirtschaftliche) Gesellschaften oder Herrscher.18) Erst gegen den großen Expansionsdrang Napoleons schlossen sich im Laufe der kriegerischen Handlungen mehrere europäische Staaten zu einer gemeinsamen europäischen Armee zusammen, die letztlich bei Waterloo Napoleon vernichtend besiegen konnte.

Auch im Ersten und Zweiten Weltkrieg gab es Zusammenschlüsse von verschiedenen nationalen Heeresverbänden zu gemeinsamen Kampfhandlungen, aber eine europäische Armee, wie sie heute diskutiert wird, stellten sie nicht dar.

 

Bedeutungsverlust Europas seit 1945 und neue Herausforderungen heute

Der ungeheure Aderlass, den der Zweite Weltkrieg und seine Opfer für Europa bedeuteten, wird heute durch die Verbrechen des Holocaust in den Schatten gedrängt und oft auch verdrängt. Der Emanzipationsprozess der sehr verschiedenen Länder der so genannten Dritten Welt ist zwar langsamer vor sich gegangen als die Protagonisten dieser Entwicklung auf der Bandung-Konferenz 1955 (unter Ausschluss der Ersten und Zweiten Welt) gedacht hatten,19) aber es hat sich in diesen mehr als 50 Jahren viel verändert. Insbesondere hat sich dieser - immer schon sehr inhomogene - Block der Dritten Welt immer weiter differenziert, man spricht einerseits von so genannten Schwellenländern und Tiger-Staaten und andererseits von Vierter und Fünfter Welt. Mit der Suezkrise 1956, bei der die USA Großbritannien nicht unterstützten, und der Unabhängigkeitsbewegung vieler afrikanischer Staaten ab 1960 ist ein weiterer Einflussverlust der europäischen Staaten einhergegangen, der die Gründung der EU 1957 und ihre stetige Erweiterung und Konsolidierung entgegengesetzt wurde und wird. Aber sowohl der bevölkerungsmäßige Anteil Europas an der Weltbevölkerung als auch der machtpolitische Einfluss Europas in der Welt nehmen weiter ab.

Durch den Zusammenbruch der Sowjetunion 1990 und die neuen Erweiterungen der EU, die Einführung einer eigenen europäischen Währung und durch eine ungeahnte Attraktivität der EU für nichteuropäische Staaten und Bürger haben sich für Europa neue Möglichkeiten, aber auch Schwierigkeiten ergeben. Dabei ist der Einfluss sowohl der neuen Machtfaktoren China, Indien und Brasilien kaum zu überschätzen, aber auch die dynamische Entwicklung der anderen Länder des westpazifischen Raumes zu beachten.

Werner Fasslabend sieht für die sicherheitspolitischen Aufgabenstellungen Europas heute folgende Schwerpunkte:20)

- dauerhafte Stabilität am Balkan;

- Stabilisierung „Zwischeneuropas“ (Europa zwischen EU und Russland) auf Grundlage des Prinzips freier, autonomer, nationalstaatlicher Entscheidungen;

- Aufbau einer intensiven strategischen Partnerschaft mit Russland;

- Sicherung der Energieversorgung Europas unter Vermeidung eines Angebotsmonopols;

- Abbau der Spannungen zwischen moslemischer und westlicher Welt, insbesondere durch eine Lösung der Palästinafrage auf Basis eines funktionierenden Zweistaatenmodells;

- Verminderung der Bedrohung durch die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, insbesondere durch atomare Proliferation;

- Abwehr von asymmetrischen Bedrohungen;

- Vorsorge gegen Cyberattacken;

- Nutzung des Weltraums für sicherheitspolitische Informations- und Schutzzwecke;

- Krisenbekämpfung und Vermeidung von Failed States, insbesondere im kaspischen Raum und im nordäquatorialen Afrika;

- Konfliktprävention für potenziell auftretende Streitfragen in der Arktis.

Diese Auflistung zeigt, dass Europa nur dann einen wesentlichen Beitrag zu diesen Aufgaben leisten kann, wenn es geeint, entschlossen und rasch auftreten kann, sonst werden andere globale Akteure einflussreicher sein. Es wird auch zu überlegen sein, welche strategischen Partnerschaften für Europa jeweils wichtig und (langfristig) vorteilhaft sind. Ohne entsprechende - auch militärische und eigenständige - Stärke wird ein solcher weltweiter Einfluss (langfristig) nicht zu sichern sein. Meiner Meinung nach ist Europa - dank seiner Vielfältigkeit und internen Differenziertheit - besonders in der Lage, weltweit vermittelnd aufzutreten und in den unterschiedlichen Blöcken gemeinsame Ziele und Interessen zum Wohle aller zu entwickeln.

 

Ansätze zu einer wirkungsvollen Europäischen Armee

Die Idee einer Europäischen Armee ist nicht neu. So waren etwa schon für die an der „Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl“ beteiligten Staaten gemeinsame Verteidigungsanstrengungen vorgesehen.

1951 wurde ein Vorschlag betreffend eine gemeinsame Armee unter einem europäischen Verteidigungsminister unterbreitet. Auslöser dafür waren der sich verschärfende Ost-West-Konflikt, der Ausbruch des Koreakrieges 1950 und die auf Druck der USA wieder aufgeworfene Frage nach deutschen Streitkräften, die nun aber v.a. aus französischer Sicht unter ein europäisches Kommando gestellt werden sollten.21)

Typisch erscheint, dass die für die Energiegewinnung wichtigen Bereiche militärisch gesichert werden sollten, allerdings nicht mehr nationalstaatlich, sondern international. Dieses internationale Denken hat dann auch zur Gründung der EU geführt. Aber das Denken einer Sicherung von Rohstoffen durch militärische, später auch paramilitärische Aktionen hat dazu geführt, dass viele an Rohstoffen reiche Länder überproportional in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt sind und (häufig) auch korrumpiert werden. Außerdem wird von den weltweit Mächtigen tendenziell eine Schwächung der Staaten angestrebt, die über interessante und interessierende Rohstoffvorkommen verfügen, damit die Nutzung dieser Rohstoffe durch die Mächtigen (Länder) leichter gelingt.

Dem stehen allerdings andere Schwerpunkte sicherheitspolitischer Überlegungen insbesondere in Europa gegenüber, da viele nationale Armeen die notwendigen militärischen Fähigkeiten nicht mehr vorhalten können und aus diesen Gründen eine kostengünstige und leistungsfähige Europäische Armee von immer mehr europäischen Ländern als sinnvoll angesehen wird.

Aus sicherheitspolitischer Perspektive wären wesentliche Elemente eines solchen supranationalen europäischen Streitkräfteverbunds die folgenden:

- Europäische „top-down“-Streitkräfteplanung,

- Zentralisierung der Fassung von Einsatzbeschlüssen durch den Europäischen Rat,

- Ausübung der parlamentarischen Kontrolle durch das Europaparlament,

- gemeinsame Finanzierung der Einsätze und zumindest der strategischen militärischen Fähigkeiten aus dem EU-Haushalt,

- Einführung eines einheitlichen europäischen Wehrrechts,

- autonome Planungs- und Führungsfähigkeit von EU-Einsätzen durch ein Europäisches Hauptquartier,

- Bereitstellung multinationaler Streitkräfteelemente sowie

- Standardisierung und Europäisierung der Ausbildung und Übungstätigkeit.22)

Jeder einzelne dieser aufgeführten Punkte muss genau durchdiskutiert werden: Was heißt eine „top-down“-Streitkräfteplanung? Hat nicht gerade Europa mit einem besonders hohen Bildungsstand gewaltige Chancen, auch eine rasche bottom-up- Kommunikation im Bedarfsfall zu ermöglichen und auf diese Weise die Flexibilität und Einsatzstärke zu erhöhen?

Wie kann eine gemeinsame Finanzierung der Einsätze die Akzeptanz aller finden? Wie kann eine rasche, effiziente Planung und Beschlussfassung von EU-Einsätzen gesichert werden? Wie hat ein Europäisches Hauptquartier auszuschauen? Wie kann dabei aus den Erfahrungen mit einer multikulturellen Zusammensetzung von Heeresverbänden von der seinerzeitigen k.u.k. Armee Österreich-Ungarns gelernt werden? Welche Anforderungen stellen sich inhaltlich und formal an die Übungstätigkeit und Ausbildung einer Europäischen Armee? Wie kann die gesellschaftliche Repräsentanz aller relevanten Gruppen der Gesellschaften Europas in einer Europäischen Armee gesichert werden? Verpflichtungsmöglichkeiten und Freiwilligkeit werden dabei entsprechend abzustimmen sein. Wahrscheinlich lassen sich viel mehr praktikable Heeresgestaltungen entwickeln als die Alternativen Allgemeine Wehrpflicht oder Berufsheer.

Eine Europäische Armee der Zukunft wird nicht nur eine (militär)technisch bestens ausgebildete Truppe sein müssen, sondern hat auch Haltungen zu verinnerlichen, die dem gelebten Humanismus europäischer Prägung entsprechen und alle vier Säulen der Bildung umfassen. Der europäische Soldat der Zukunft wird zugleich ein durchtrainierter Kämpfer und ein Militärmediator und Friedensvermittler sein müssen, oder die Welt wird keine Europäische Armee brauchen. (Schweizer Militärplanungen gehen seit Jahren in diese Richtung.)

Zugleich kann eine begeisterte Europäische Armee auch zur Trägergruppe Europas in allen europäischen Ländern werden. Über das Militär - v.a. die ungarischen Offiziere - hat Maria Theresia seinerzeit zugleich das ungarische Selbstbewusstsein und die Loyalität der Ungarn für das Habsburgerreich gestärkt, vielleicht kann die EU über eine Europäische Armee in allen Ländern europäisches Denken, europäisches Selbstbewusstsein und Solidarität mit allen, die der Hilfe Europas bedürfen, entwickeln und laufend stärken. Die politische Kunst wird darin bestehen, allen Ländern und ihren Bewohnern konkrete Möglichkeiten aufzuzeigen, sich an dieser Europäischen Armee gerne zu beteiligen.

Diesen großen Chancen stehen aber zurzeit noch große Defizite in der EU gegenüber. Die erste Europäische Sicherheitsstrategie hat zwar 2003 die Notwendigkeit einer aktiven EU-Rolle betont, aber die politischen Entscheidungen in diese Richtung und die militärischen Instrumente, die einer Europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik wirksam dienen könnten, sind wenig entwickelt. Nach Werner Fasslabend fehlt im militärischen Bereich insbesondere Folgendes:

- die notwendige Anzahl Soldaten, die außerhalb des Heimatstaates eingesetzt werden können,

- die Fähigkeit zum umfangreichen strategischen Transport,

- die nötige Anzahl und Ausrüstung international in Krisengebieten einsetzbarer Hubschrauber, mannschützender Transportkapazität und Drohnen,

- Info-, Kommando- und Kontrolleinrichtungen zur Vorbereitung, Führung und Nachbereitung von EU-Missionen.23)

Es ist wenig zielführend, über die bestehenden Schwächen zu jammern, möglichst rasch sind konkrete Verbesserungen herbeizuführen, was aufgrund der neuen Möglichkeiten des Lissabon-Vertrags verwirklichbar erscheint. Fasslabend hat drei Verbesserungsebenen für die Stärkung Europas als globaler Akteur vorgeschlagen:

- möglichst klare strategische Interessen und Ziele formulieren,

- die politische Entscheidungsfähigkeit erhöhen,

- die systembedingte militärische Schwäche mit systematischen Schritten überwinden.24)

Kaum jemand wird sich diesen allgemeinen Verbesserungen verweigern, aber es wird theoretisch und praktisch an Umsetzungsschritten zu arbeiten sein. Österreich könnte sich konstruktiv in diese Arbeiten einbringen und vielleicht Vorarbeiten für ein Weißbuch der Europäischen Sicherheitsstrategie leisten, Vorschläge für eine neue Ausbildung im Bereich Außen, Sicherheits- und Verteidigungspolitik machen und Schritte zur Erhöhung der Krisen- und Katastrophenbewältigungskapazität entwickeln und einleiten helfen. Dabei werden auch Überlegungen zu Dual Use-Ansätzen von Geräten und Personal angestellt werden müssen.

3.5. Erwachsenenbildung als lebenslanges Lernen

Die Erwachsenenbildung wird in Österreich überwiegend von nicht-staatlichen Einrichtungen - zum Großteil mit Unterstützung der öffentlichen Hand - wahrgenommen. Der Erwachsenenbildung stellten sich bisher drei inhaltliche und drei strukturelle Aufgaben. Inhaltlich können wir Allgemeinbildung, Berufsbildung und politische Bildung unterscheiden. Strukturell differenzieren sich die Aufgaben in kompensatorische, komplementäre und transitorische.

 

Inhaltliche Aufgaben

Früher (bis zum Zweiten Weltkrieg und unmittelbar danach) überwogen in Österreich die Einrichtungen, die Allgemeinbildung anboten. Die Volkshochschulen und zum Teil noch früher die Arbeiterbildungsvereine, aber auch viele konfessionelle Organisationen waren die Träger dieser Aufgaben. Der durch Bildung selbstständig gewordene und selbstbewusste Bürger, der auch bei Wahlen verantwortungsvoll entscheidet, war das Ziel vieler Bildungsbemühungen.

Bis heute haben zwei Erwachsenenbildner im Bereich der beruflichen Weiterbildung und Erwachsenenbildung bei Weitem die größte Bedeutung, nämlich das bfi (Berufsförderungsinstitut) und das WIFI (Wirtschaftsförderungsinstitut). Kurspläne mit zum Großteil gesellschaftlich, wenn auch nicht staatlich anerkannten Zertifikaten prägen die Tätigkeit dieser Einrichtungen und decken großkoalitionär die Berufsbildung im Fort- und Weiterbildungsbereich ab. Daneben sind - einem internationalen Trend und neuen Bedürfnissen entsprechend - viele private, eigenständige und dynamische Bildungsanbieter entstanden, die in manchen Bereichen die zwei Großen überholt haben. Der Bildungsmarkt ist in Bewegung und wird immer mehr zu einem europäischen Markt.

Der politischen Bildung dienen die Politischen Akademien der Parteien, die vom Staat für diese wichtige Tätigkeit unterstützt werden. Häufig werden die Angebote zur politischen Bildung von den Funktionären der jeweiligen Parteien genützt, einfache Parteimitglieder sind schon seltener zu finden, und der einfache Staatsbürger wird in der Regel von den Angeboten nicht wirksam erreicht. Dies führte und führt neben anderen Tendenzen zu einem wachsenden Desinteresse an (Partei-)Politik und erklärt auch das geringe Wissen der Mitbürger an politischen Vorgängen in Europa, über die - auch in den meisten Medien - wenig und überwiegend Negatives berichtet wird. Statt einer Tendenz dahin, dass die Österreicher immer mehr österreichische Europäer werden, nimmt der Protzentsatz der Europa-Skeptiker eher zu als ab. Jedenfalls gibt es noch kaum ein tragfähiges und notwendiges Bewusstsein in die Richtungen von: „Nur als geeintes Europa und als Europäer können wir im Weltkonzert mitspielen“, „Nur als Europa haben wir eine Weltchance“, „Nur mit einem dynamischen Europa hat die Welt eine Überlebenschance“.

Dabei muss uns klar sein, dass diese Bewusstseinstendenzen sowohl innerhalb Europas als auch mit allen unseren Partnern in der Welt durchdiskutiert und gründlich, ehrlich und gerecht durchdacht und gemeinsam realisiert werden müssen.

 

Strukturell bedingte Aufgaben der Erwachsenenbildung

- Kompensatorische Erwachsenenbildung werden jene Bemühungen genannt, durch die ein Einzelner oder eine Gruppe das zu erlernen versucht, was er in seiner Jugend zu lernen versäumt hat bzw. keine Gelegenheit dazu hatte. Die Menschen zu einer solchen Bildung(sanstrengung) zu motivieren, ist heute eine wichtige Aufgabe.

Inhaltlich gesehen entstehen viele neue Bildungsbedürfnisse, die derzeit auf sehr unterschiedliche Weise befriedigt werden. Bildung ist aber nicht nur ein - vielleicht sogar nur vorübergehender - Aneignungsprozess, sondern auch ein Verinnerlichungsprozess, der - in der Regel - sozial getragen werden muss. Weitergegeben kann nur werden, was verinnerlicht ist. In jüngerer Zeit entwickelten sich überall Bibliotheken und Museen zu solchen (sozialen) Bildungsorten, und auch viele private Bildungsanbieter versuchen, ihren Platz im (offenen) Bildungsmarkt zu finden und ergänzend und innovativ tätig zu werden.

- Komplementäre Erwachsenenbildung nennt man jene Bemühungen, die dahin gehen, einen Ausgleich zu den - in der Regel - beruflichen Spezialausbildungen zu erhalten, sodass verhindert wird, dass sich ein bestimmter Mensch zum Fachidioten entwickelt, der in außerfachlichen Bereichen keine (weiterführende) Bildung erfahren hat. Auch die Konzeption der vier (gleichwertigen) Bildungssäulen erfordert viele - bisher kaum wahrgenommene - Ergänzungen und Erweiterungen, für die entsprechende Anbieter weitgehend fehlen. Der Bedarf ist groß, glaubwürdige und ernst zu nehmende Anbieter fehlen.

- Transitorische Erwachsenenbildung heißen schließlich die Bereiche, die sich seit der Zeit, zu der ein Mensch seine Basisbildung erhalten hat, verändert haben. In unserer schnelllebigen Zeit ist dieser dritten Aufgabe - in allen Lebensbereichen - große Bedeutung zuzumessen. Verfügungswissen, aber auch Orientierungswissen, das vielen Menschen heute abgeht, ist in geeigneter Weise und mit Regelmäßigkeit zu vermitteln. Der Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks könnte dieser Aufgabe dienen, tut es aber in meinen Augen zu wenig (systematisch und umfassend). Das Heer als Grundorganisation der Mehrzahl der heranwachsenden Männer und einer Minderheit beherzter Frauen kann hier im umfassenden Sinn aller vier Säulen sehr viel leisten. Auch die systematische Weiterbildung von vielen in allen drei inhaltlichen Bereichen (Allgemeinbildung, Berufsbildung, Politische Bildung) Tätigen könnte hier (z.B. unter der Federführung des Instituts für Human- und Sozialwissenschaften der Landesverteidigungsakademie) angesiedelt werden.

 

Zusammenfassung

Der Bildungsbereich in seinen vielfältigen Formen ist aber nicht nur für sich optimal zu gestalten, sondern es wird von entscheidender Bedeutung sein, ob und wie es lokal, regional, national, auf europäischer Ebene (und vielleicht auch auf Weltebene) gelingt, diesen Bereich mit den anderen Lebensbereichen wie Politik, Wirtschaft, Gesundheit, Religion usw. zu verknüpfen und Wissen, Handeln und Leben optimal zu verbinden bzw. zu vernetzen.

Wenn „Schule“, „Universitäten“, „universitäre Einrichtungen“ und eine „Europäische Armee“ Orte der umfassenden Bildung und des permanenten Lernens sein wollen, die alle Säulen der Bildung umfassen, dann werden sie auch ein Ort des Verstehens und der sozialen Beziehungen sein müssen. In den Schulen, Universitäten und Armeen haben sich - immer wieder - Freundschaften geformt, die ein Leben lang Bestand hatten. Es ist zu hoffen, dass diese „Schulen der Zukunft“ Orte werden, in denen sich Freundschaften gründen und vertiefen können und zugleich Wissen erlernt, Toleranz eingeübt und Konflikte friedlich ausgetragen werden und diese Schulen nicht zu Stätten eines Wissensdrills oder eines Wettbewerbs um Verfügungswissen werden, sondern zu dynamischen Keimzellen eines neuen Europa.

 

ANMERKUNGEN:



1) Jacques Delors (Hrsg.): Lernfähigkeit: Unser verborgener Reichtum. UNESCO-Bericht zur Bildung für das 21. Jahrhundert, Luchterhand Verlag, Neuwied, Kriftel, Berlin 1997.

2) Wolf Lepenies: Melancholie und Gesellschaft. Suhrkamp Verlag, 2. Auflage, Frankfurt/Main 1981.

3) Robert B. Laughlin: Das Verbrechen der Vernunft. Betrug an der Wissensgesellschaft. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2008.

4) Vaclav Havel: Versuch, in der Wahrheit zu leben. Rowohlt Verlag, 10. Auflage, Reinbek bei Hamburg 2000.

5) Annette Treibel: Einführung in soziologische Theorien der Gegenwart, Verlag für Sozialwissenschaften, 7. Auflage, Wiesbaden 2006, S.26ff.

6) Ludger Heidebrink, Alfred Hirsch (Hrsg.): Verantwortung in der Zivilgesellschaft. Zur Konjunktur eines widersprüchlichen Prinzips, Campus Verlag, Frankfurt/New York 2006.

7) Elisabeth Gotschi, Andreas Hunger, Klaus Zapotoczky (Hrsg.): Politik-Programme-Projekte. Menschenorientierte Entwicklungszusammenarbeit im Sinne von Bourdieu, Trauner Verlag, Linz 2007.

8) Johan Galtung: Eine strukturelle Theorie des Imperialismus. In: Dieter Senghaas (Hrsg.): Imperialismus und strukturelle Gewalt. Analysen über abhängige Reproduktion, Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1972.

9) Peter Atteslander: Anatomie der Ratlosigkeit. Kulturkonflikte im Schatten der Globalisierung, Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2007.

10) Carl von Clausewitz: Vom Kriege, Rowohlt Verlag, Reinbek 1963.

11) Immanuel Kant: Zum ewigen Frieden, Ph. Reclam Verlag, Ditzingen 1986.

12) Mauirice Hauriou: Die Theorie der Institution, Verlag Duncker & Humblot, Berlin 1965.

13) William F.Ogburn, Meyer F. Nimkoff: Sociology, Feffer and Simons International University Education, 4. Auflage, Boston 1964.

14) Bronislaw Malinowski: Eine wissenschaftliche Theorie der Kultur und andere Aufsätze, Zürich 1949.

15) Ivan Illich: Die Entschulung der Gesellschaft, München 1972.

16) Leonhard Reinisch (Hrsg.): Vom Sinn der Tradition, Verlag C.H.Beck, München 1970.

17) Jacques Derrida: Die unbedingte Universität, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2001.

18) Heinz Holley, Klaus Zapotoczky (Hrsg.): Die Entdeckung der Eroberung. Reflexionen zum Bedenkjahr 500 Jahre Lateinamerika, Trauner Verlag, Linz 1994.

19) Dieter Nohlen (Hrsg.): Lexikon Dritte Welt. Länder, Organisationen, Theorien, Begriffe, Personen, Rowohlt Verlag, Reinbek 1984, S.66f.

20) Werner Fasslabend: Brauchen wir eine Europaarmee? In: Erich Reiter (Hrsg.): Brauchen wir eine Europa-Armee? Band 34 der Sozialwissenschaftlichen Schriftenreihe des Internationalen Instituts für Liberale Politik, Wien August 2010, S.22ff.

21) Johann Frank: Perspektiven einer Europäischen Armee nach dem Vertrag von Lissabon. In: Erich Reiter (Hrsg.) a.a.O., S.37.

22) Frank Johann: a.a.O., S.36f.

23) Werner Fasslabend, a.a.O. S.23.

24) Werner Fasslabend, a.a.O. S.24.