Wolfgang Pusztai


Bis zum Beginn der 90er-Jahre übernahm der Kalte Krieg eine der wichtigsten Aufgaben für Strategen: das Setzen von Prioritäten. Durch die starren Strukturen war der Handlungsspielraum insbesondere für europäische mittlere und kleinere Staaten sehr eingeschränkt. Das Aufbrechen dieser alten Gegebenheiten mit dem Ende des Kalten Krieges führte zu einem gestiegenen Spielraum. Dem einzelnen Akteur stehen nun mehr Werkzeuge („tools of strategy“) zur Verfügung, die - richtig eingesetzt - zum Erreichen von priorisierten Zielen führen können. Es bieten sich dafür auch mehr Gelegenheiten („opportunities“), denen aber auch mehr Bedrohungen („threats“) gegenüberstehen. Strategie muss von Anfang an berücksichtigen, was den Parteien, dem Parlament und der Öffentlichkeit „verkauft“ werden kann. Ohne breite Akzeptanz kann eine Strategie nur schwer funktionieren. Der Verlust der öffentlichen Unterstützung für eine Strategie kann letztendlich sogar zu Fehlschlägen führen. Dies kann entweder durch mangelhafte Umsetzung (z.B. durch zu geringe Zuweisung von Ressourcen), die aktive Behinderung der Umsetzung (z.B. durch Demonstrationen und Aktionismus) oder durch die Perzeption der Uneinigkeit eines Staates durch die Zielobjekte der Strategie erfolgen. Wenn eine Angelegenheit für die Öffentlichkeit (= die Wähler) nicht (mehr) interessant und wichtig ist, ist es zu erwarten, dass auch das Interesse der Politik gering bleibt. Damit ist es auch wenig wahrscheinlich, dass die für die Strategie notwendigen Ressourcen langfristig bereitgestellt werden. Wenn die Stimmung der Bevölkerung nachhaltig umschlägt, wird dieses Problem beim nächsten Wahlkampf ein wichtiges Thema werden, mit dem v.a. die Opposition auf Stimmenfang gehen wird. Dann darf man nicht vergessen, dass die Popularität und der Erfolg eines Politikers zu Hause zumeist Voraussetzung für eine erfolgreiche Außen- und Sicherheitspolitik sind. Da eine Strategie langfristig anzulegen ist, sollte deren Erarbeitung möglichst aus der Tagespolitik herausgehalten werden. Je klarer Interessen definiert und je breiter sie akzeptiert sind, desto leichter können negative interne Einflüsse bei der Umsetzung der Strategie verhindert werden. Internationale Politik ist somit auch ein Produkt des domestic Context. Menschen - und nicht Nationen - fällen Entscheidungen, und sie haben auch persönliche Interessen und Vorlieben, die diese Entscheidungen beeinflussen. Obwohl Foreign Affairs Strategy auf die Beeinflussung des internationalen Umfeldes abzielt, ist sie doch in diesem domestic Context tief verwurzelt. Daher sind die Assumptions des Strategen über das heimische Umfeld gleich wichtig, wie die über das internationale. Der domestic Context und die Kultur eines Landes sind auch die Quellen für die Werte eines Landes, die wiederum die nationalen Interessen untermauern. Das richtige Erfassen des gesamten strategischen Umfeldes, der Zusammenhänge und der langfristigen Trends ist wesentlich für die Tätigkeit des Strategen.