Franz Felberbauer


Das Maschinengewehr war ein Produkt der industriellen Revolution und entstand in den USA. Für die militärischen Führer Europas war es daher vorerst nicht relevant. Man sah 1914 im Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett die Waffe der Entscheidung. Maschinengewehre waren gut für Kolonialkriege, um mit wenigen Weißen die Eingeborenenmassen zu beherrschen. In den taktischen Vorstellungen der Europäer kam das Maschinengewehr vielfach gar nicht vor. Zu Kriegsbeginn 1915 betrug die Grundausstattung einer italienischen Division mit Maschinengewehren ein Viertel einer österreichisch-ungarischen bzw. deutschen und weniger als ein Fünftel einer russischen Division. Der italienische Generalstab gehörte offensichtlich ebenso wie der englische und französische, nicht zu den Befürwortern des Maschinengewehres. Der auf falscher Zuordnung (zur Artillerie statt zur Infanterie) und falschem taktischen Einsatz beruhende Misserfolg der französischen Mitrailleusen, der ersten in einer europäischen Armee organisatorisch eingeführten Maschinenwaffe im deutsch-französischen Krieg 1870/71 führte nicht nur in Frankreich, sondern auch in England zur Ablehnung dieses neuen Waffentyps. Dies obwohl Engländer und Franzosen Maschinengewehre in ihren Kolonialkriegen mehrfach mit durchschlagendem Erfolg verwendet hatten. Selbst die grauenhaften Massaker, welches Maschinengewehre im Sudan (Omdurman 1898) und im russisch-japanischen Krieg unter der angreifenden Infanterie anrichteten, trug nichts zur Meinungsänderung bei.

Der generelle Widerstand der Militärs gegen das Maschinengewehr resultierte weniger aus seiner taktischen Einsatzfähigkeit oder Störanfälligkeit, als aus seiner Masse. Die zu Beginn des Ersten Weltkriegs üblichen 40-65 kg schweren MG brauchten 4 bis 6 Mann Bedienung und dazu ein Tragtier zum Transport. Sie wurden weithin als für den Angriff ungeeignet und nur als Verteidigungswaffe, besonders für Festungen, angesehen. Da ganz offensichtlich die Engländer selbst im Jahr 1916 ihre Lektion noch nicht gelernt hatten, kann dies eigentlich vom italienischen Generalstab Anfang 1915 nicht verlangt werden. Es ist durchaus anzunehmen, dass den Maschinengewehren 1915 keine besondere Rolle im italienischen Angriffskrieg zugewiesen wurde. Die Ansicht, dass der Abwehrerfolg der österreichisch-ungarischen Truppen an der Südwestfront einer höheren Zahl an Maschinengewehren gegenüber den italienischen, in allen anderen Belangen zahlenmäßig hoch überlegenen, Angreifern zuzuschreiben wäre, ist nach dieser Untersuchung nicht haltbar. Gerade an der kritischen Isonzo-Front kann einwandfrei für die österreichisch-ungarischen Truppen eine viel geringere MG-Zahl nachgewiesen werden. Die veraltete italienische Taktik, die organisatorische Zuordnung der italienischen Maschinengewehre zu einem ungeeigneten Truppenkörper (Regiment) und ihre geringe mechanische und ballistische Leistungsfähigkeit, lässt möglicherweise die zahlenmäßige Überlegenheit nicht zum Tragen kommen.