Ralph Rotte

 

Der Krieg Paraguays gegen die „Tripel-Allianz“ aus Brasilien, Argentinien und Uruguay von 1864-1870 ist im historischen Bewusstsein in Europa praktisch nichtexistent. Obwohl er von zeitgenössischen Beobachtern aufmerksam verfolgt wurde, ist die Zahl der Beiträge in der deutschsprachigen Militär-, Geschichts- und Sozialwissenschaft nach 1945 sehr überschaubar. Der Tripel-Allianz-Krieg wurde bis zur Mitte 20. Jahrhunderts von konservativer und nationalistischer Seite v.a. als Heldenkampf eines autoritären Musterstaats gegen eine liberale, angeblich vom britischen Imperialismus gesteuerte Verschwörung einer übermächtigen Allianz interpretiert. Demgegenüber beschränkte sich die wissenschaftliche Betrachtung des Krieges nach dem Zweiten Weltkrieg im Wesentlichen auf zwei Punkte: erstens auf den Aspekt der totalen Kriegführung Paraguays, die in gewisser Hinsicht als Muster für die deutsche Erfahrung 1939-1945 gesehen wurde, sowie zweitens auf die Frage nach der entwicklungspolitischen Deutung des Widerstands des relativ modernen, aber isolierten Paraguays gegen ein weltmarktorientiertes Staatensystem. Selbst in der internationalen Geschichtswissenschaft und in der Lateinamerikaforschung erfährt der Krieg Paraguays gegen Argentinien, Brasilien und Uruguay von 1864-1870 erst in jüngster Zeit wieder größere Aufmerksamkeit. Tatsächlich ist der Tripel-Allianz-Krieg in mehrer Hinsicht einzigartig: Er war der größte, der jemals auf südamerikanischem Boden ausgefochten wurde; er trug wie der Krimkrieg (1853-1856) und der Amerikanische Bürgerkrieg (1861-1865) bereits deutlich die Charakteristika der modernen industrialisierten Kriegführung, wie sie in Europa mit dem Ersten Weltkrieg verbunden werden. V.a. aber kann er, was die paraguayische Seite angeht, mit Fug und Recht der erste echte moderne „totale“ Krieg genannt werden, dessen relativen Verluste alles übersteigen, was selbst zwei Weltkriege an Opfern, etwa auf der Seite der Sowjetunion oder Deutschlands forderten. Der Tripel-Allianz-Krieg wird heute als wichtiger Bestandteil des nation building-Prozesses in Südamerika im 19. Jahrhundert betrachtet. So leistete er einen bedeutenden Beitrag zur nationalen Konsolidierung Argentiniens, trotz der folgenden Aufstände von Provinzgouverneuren in den 1870er-Jahren. In Brasilien führte er angesichts der Sinnlosigkeit des sich dahin ziehenden Krieges zu einer Stärkung des Republikanismus, v.a. im jüngeren Offizierskorps. Zusammen mit der auf die Rekrutierung zahlreicher schwarzer Freiwilliger (Freigelassener) zurückzuführenden schrittweisen Abschaffung der Sklaverei bis 1888 führte dies langfristig zur Beseitigung monarchischen Systems 1891. Die kollektive Erinnerung an den Tripel-Allianz-Krieg war im Fall Paraguays auch Basis eines ausgeprägten Nationalismus. Als zu Beginn der 1930er-Jahre die Streitigkeiten um das Gebiet des Chaco mit Bolivien zunahmen, weil man dort Ölvorkommen vermutete, war Paraguay bereit, seine Ansprüche gegenüber dem dreimal so großen Nachbarland mit Waffengewalt durchzusetzen. In einem dreijährigen Krieg von Juni 1932 bis Juni 1935 gelang es der zahlenmäßig und technisch unterlegenen, aber taktisch-operativ wie logistisch überlegenen paraguayischen Armee, die Bolivianer klar zu schlagen und etwa drei Viertel des umstrittenen Gebietes für Paraguay zu sichern. Bis heute findet man in Paraguay eine besondere Betonung der territorialen Integrität und Souveränität des Landes, wie noch im Herbst 2008 Grenzspannungen mit Brasilien zeigten.