Jörg-Dietrich Nackmayr

 

War das historische Great Game um die Vorherrschaft in Zentralasien im 19. Jahrhundert insbesondere eine Auseinandersetzung der europäischen Mächte Russland und Großbritannien, so spielt Europa mit Ausnahme Russlands heute keine entscheidende Rolle mehr. Im Vergleich zu den Kräften, Ideen und Staaten die das 18., 19. und 20. Jahrhundert geprägt haben, erlebt das 21. Jahrhundert eine Neuausrichtung. Europa ist heute allenfalls eine Randmacht, wird wenig zur Lösung beitragen und findet sich in einer Assistentenrolle an der Seite der Großen Spieler wieder. Umso wichtiger bleibt die Bündelung der bis heute stark fragmentierten europäischen Kräfte, insbesondere im Bereich Sicherheit und Verteidigung, um wenigsten diesen Einfluss zu erhalten. Das eurozentrische Zeitalter ist unwiederbringlich beendet. Und mit China haben wir ein Imperium vor uns, das über die älteste Kultur der Welt und ein entsprechendes Selbstbewusstsein als ewiges Reich der Mitte verfügt. Aus chinesischer Sicht tritt China im 21. Jahrhundert erneut in dem ihm zustehenden Platz auf der Welt als größte bestimmende Macht ein, einen Platz, den China in der Zeit der europäischen Antike bis zur Renaissance tatsächlich innehatte. Im Unterschied zu unserer westlichen Kultur, die von den kurzfristig messbaren Rhythmen von Quartalszahlen, Jahresabschlüssen oder vier Jahres Wahlperioden geprägt ist, wird die Zeit in den Kulturen Asiens immer auch zum Verbündeten derer, die langfristig vorgehen. Während die europäische Kultur seit ihren Anfängen auch im strategischen Denken eine Kultur der Entweder-oder Entscheidung gewesen ist, die im politisch-militärischen Realismus der Athener über die Melier ihren ersten überlieferten Ausdruck fand, hat sich ungefähr zur gleichen Zeit in der auf Konfuzius zurückreichenden Staatstradition ein Wissen als Symbiose von Weisheit und Schlauheit herausgebildet, dass uns als Lehre der Strategeme entgegen tritt. Strategeme sind dabei nicht mit dem in Europa geläufigen strategischen Denken zu verwechseln. Anders in China, wo bis heute mittels der internalisierten uralten Strategeme Erfahrungen gedeutet und das Wissen bewertet wird, um daraus Handlungen abzuleiten. In den uralten bis auf die Zeit Konfuzius (551-479 v. Chr.) zurückreichenden Strategemen beschreibt Meister Sun Tzu in der weltweit ältesten bekannten Abhandlung über die Kriegskunst die drei Arten einen Sieg zu erringen:

- Der militärische Sieg über den Feind steht an dritter Stelle.

- Der Sieg mit diplomatischen Mitteln steht an zweiter Stelle.

- Der Sieg durch Strategeme steht am Höchsten.

Sun Tzu wird in China aber auch an der Frunse Akademie in Moskau während der Offizierausbildung als Grundlagenwerk bis heute gelehrt. Wir sollten davon ausgehen, dass seine Strategeme das Denken unserer Nachbarn in Russland und in Asien bis heute prägen.