Henrique Schneider

 

Zeichnete man früher Weltkarten, welche nicht den Atlantik ins Zentrum stellten, so rückte der Indische Ozean in die Mitte der Welt. Asien und Ozeanien sind schon viel länger untereinander und mit Afrika verbunden als Europa mit Nordamerika. Um das Jahr 1500 konnte man in Nanjing, China, afrikanische Giraffen bestaunen. Sie wurden von den Seefahrern aus Afrika mitgebracht. Indische Priestersklaven wirkten bereits im XVII. Jahrhundert in Sansibar. In Sumatra gab es bereits im XVIII. Jahrhundert eine afrikanische - schwarze - Minderheit. Malaysische Nationalisten nach dem II. Weltkrieg orientierten sich ideologisch bewusst an Ägypten. Selbst das britische Kommando für Südostasien nach der japanischen Kapitulation umfasste bewusst alle die am Indischen Ozean gelegenen Länder und Territorien. Eine erweiterte Perspektive vom indischen Raum, welche Australien ebenso selbstverständlich wie der arabische Raum und das heutige Israel umfasst, zeigt schnell auf, dass die drei monotheistischen Religionen, Judentum, Christentum und Islam, zudem die zwei großen östlichen Religionen, Hinduismus und Buddhismus, dort ihren Ursprung fanden. Die Seidenstraße gehört ebenso zu dieser Perspektive wie die alten Seehandelsrouten von Indien nach Afrika und Indonesien. Die Entwicklung der Schrift, die ersten städtischen Siedlungen und die ersten Kriege, an denen sich mehrere Hunderttausend Menschen beteiligten, verbinden ebenso die Geschichte der einzelnen Völker im Großraum. Im Schatten des Kalten Krieges verlor der Indische Ozean vorübergehend seine vordergründige strategische Bedeutung. Heute bringt der Indische Ozean drei wirtschaftliche, sicherheitspolitische und kulturelle Problemfelder zurück in die Öffentlichkeit: die zentrale Stellung des Islams (inklusive des damit verbundenen aber nicht in der Religion intrinsischen, Terrorismus und des Nahen Ostens), die weltweite Energiepolitik und die Entwicklungen von China wie Indien zu „Global Players“ und potenziellen Antagonisten in einem dezentralisierten, multipolaren System. Die Auswirkungen dieser Spannungsfelder haben verschiedene Facetten und sprechen Europa aktiv an. Es geht hier darum aufzuzeigen, wie aus der handelspolitischen Dimension der Interaktionen im indischen Raum Interessenskonflikte entstehen, welche gleichzeitig geostrategische Herausforderungen provozieren. Daraus ergeben sich militärische Chancen.

Der Indische Ozean muss nicht immer im Mittelpunkt unter anderem der Weltsicht Österreichs stehen, doch es läge im Interesse der Republik, sich selbst als fokaler Bezug der eigenen Politik zu sehen. Mit der wachsenden geostrategischen Bedeutung des indischen Raums wächst der Einfluss jener, die sich an der politisch-militärischen Architektur der Region beteiligen. Wenn Österreich die richtige Schlussfolgerung zieht, kann auch Wien seiner Bedeutung nachkommen.