Martin Pabst

 

Während des „Kalten Krieges“ hatte kein Sezessionsversuch in Sub-Sahara-Afrika Erfolg. Doch seit 20 Jahren muss sich die internationale Gemeinschaft dort mit Abspaltungen beschäftigen. 1991 erklärte sich Somaliland für unabhängig von Somalia und ist heute ein De-facto-Staat, der auf diplomatische Anerkennung hofft. 1993 spaltete sich Eritrea nach einer von der UNO beobachteten Abstimmung von Äthiopien ab. Nun ist auch der flächenmäßig größte Staat Afrikas Sudan von einer Sezession betroffen. Ein international anerkanntes Plebiszit unter den Südsudanesen vom 9.-15. Januar 2011 erbrachte eine überwältigende Mehrheit von knapp 99% für einen eigenen Staat. Dieser Aufsatz untersucht die allgemeinen Rahmenbedingungen für Sezessionen, skizziert die Entwicklung der letzten Jahrzehnte in Sub-Sahara-Afrika, beschreibt gegenwärtige Abspaltungsbestrebungen und untersucht, ob und inwieweit der Präzedenzfall Südsudan weitere Sezessionen ermutigen wird. In der Tat hat die Sezession des Südsudans eine neue Qualität. Konnten sich Somaliland und Eritrea noch auf koloniale Vorläufer berufen, wird nun erstmals das Prinzip der Unverletzlichkeit der früheren Kolonialgrenzen in Afrika durchbrochen. Sicherlich wird dieser Vorgang andere Sezessionsbewegungen ermutigen, von Somaliland über Sansibar bis Casamance und Cabinda. Durch die erfolgreiche Sezession des Südsudans werden die Darfur-Rebellen Auftrieb im Nordsudan erhalten. Wahrscheinlich werden sie ihren bewaffneten Widerstand verstärken und ihre Forderungen erhöhen, möglicherweise sogar eine separatistische Agenda übernehmen. In diesem Zusammenhang sei angemerkt, dass ein südsudanesischer Staat kein historisches Vorbild hat; hingegen bestand von ca. 1650-1916 ein eigenständiges Sultanat Darfur. Freilich pflegen die Darfuris traditionell enge Verbindungen nach Khartum. Außerdem gibt es innerhalb Darfurs Spannungen zwischen sesshaften Ackerbauern und Nomaden, zwischen schwarzafrikanischen und arabischsprachigen Muslimen. Mit einer Dezentralisierung des politischen Systems wäre Darfur wahrscheinlich mehr gedient. Mit der Teilung des Sudans hört das klassische Brückenland zwischen „Schwarzafrika“ und Nordafrika auf zu existieren. Der entlang des 12. Breitengrades verlaufende Graben zwischen Süd und Nord wird sich damit vertiefen. Damit könnten die latenten Spannungen in allen Ländern der Sahelzone zunehmen, von Mauretanien über Niger und Mali bis zum Tschad. Ethnisch-kulturelle Gegensätze werden hier durch die Konkurrenz um knappe Ressourcen verschärft. Dennoch dürfte die Abspaltung des Südsudans keinen Dominoeffekt auslösen. Wie auch immer sich die internationale Gemeinschaft gegenüber Sezessionen künftig verhalten wird: Ihre Zahl wird zunehmen, auch in Sub-Sahara-Afrika. Im Südsudan und anderswo wird sich zeigen, ob neue Staaten und Grenzen mehr Stabilität und mehr Entwicklung leisten können.