Eberhard Birk

 

im Folgenden soll es nicht um eine Wiederholung der „Entstehung des Politischen bei den Griechen“ und noch weniger um eine „Kulturgeschichte Griechenlands“ gehen. Im Zentrum der Untersuchung sollen alleine mögliche „strategische“ historisch-politische und militärische Ableitungen stehen - orientiert an Marathon. Bei dem Versuch eines strategischen Fazits ist zunächst festzuhalten, dass sich sämtliche Akteure (Persien, Athen, Sparta) innerhalb ihrer weltanschaulich-ideellen „Systeme“ sowie ihrer veranschlagten politischen und militärischen (Nicht-) Vorgehensweisen zweckrational verhielten. Es wird aber auch deutlich, dass selbst klug gewählte politische und militärstrategische Zielsetzungen sowie operative Maßnahmen - wie jene Spartas und insbesondere Persiens - in der Konfrontation mit anders als „geplant“ handelnden Akteuren nicht zwangsläufig zum Erfolg führen müssen. Die Verknüpfung von Innen-, Militär- und Außen- resp. Sicherheitspolitik führt darüber hinaus zu einer grundsätzlichen strategischen Ableitung in Form einer axiomatischen Überlegung: Es gehört ganz wesentlich zum strategischen Lernen hinzu, am eigenen (Miss-)Erfolg, dem (gescheiterten) Kulminationspunkt der Zielverwirklichung resp. Selbstbehauptung, nicht mit den eigenen Anstrengungen aufzuhören. Neue Herausforderungen bedürfen neben ihrem Erkennen neuer Antworten. Bereits die nächste strategische Konstellation kann ganz andere Ursachen haben und Erscheinungsformen annehmen. Das Antizipieren von Zukunft erfordert rechtzeitiges, gelegentlich auch radikales Erneuern der - ideellen und professionellen - Instrumente zur Begegnung. Dies zeigt auch die strategische Neuausrichtung Athens nach dem Erfolg bei Marathon unter Themistokles. Dieser sah wohl bereits nach der Niederschlagung des ionischen Aufstandes die Notwendigkeit, den maritimen Fähigkeiten Persiens im östlichen Mittelmeerraum mit dem Aufbau einer starken Flottenkomponente entgegen zu treten. Zu einer strategischen Ableitung gehört jedoch auch eine objektive Betrachtung beider Seiten. Sie offenbart eine gewisse Janusköpfigkeit, wenn man sie auf die Moderne, und hier insbesondere auf die Gegenwart anwendet: Persien war - eine Analogie zu Rom oder der USA zwingt sich geradezu auf - zum damaligen Zeitpunkt die antike „leading nation“. Über direkte (Eroberung) und indirekte Einflussnahme entstand ein gigantisches Imperium, das nach seinem Selbstverständnis Herausforderer oder Insurgenten abzustrafen hatte. Der ionische Aufstand war im Kern eine Bestreitung des universalen Herrschaftsanspruches. Eine militärische Intervention zur Stabilisierung des ägäischen Raumes sollte begleitet werden durch einen Regimewechsel (Re-Installation von Tyrannis resp. Monarchie oder Oligarchie). Als dies 490 v. Chr. bei Marathon keinen Erfolg zeitigte, wurden 480 v. Chr. mehr Truppen entsandt - am Ende stand die große Niederlage. Persiens strategische Politik liest sich wie jene der Gegenwart, in der die USA, stellvertretend für einen „westlichen“ Politikansatz, in und mit ihrem nach wie vor imperialen Selbstverständnis als „indispensable nation“. Betrachtet man die Geschichte in ihrer Gesamtheit, so lautet ihr fundamentales Lernangebot „Military history should be studied in width, depth, and context.“ Nur so kann valides Orientierungswissen für politische und militärische Transformationsprozesse für die jeweiligen Gegenwarten bereitgestellt werden.