Dschihadismus im Irak - Ein Update

Andreas Armborst

 

Der Beitrag zeigt auf, wie sich der Dschihadismus im Irak von seiner fast vollständigen Zerschlagung im Jahr 2010 erholt hat, und wie er sich seitdem zu einem ernstzunehmenden politischen und militärischen Akteur im Irak und Syrien entwickelt hat, der im Sommer 2014 die Welt abermals in Atem hält. Der Text fasst Beiträge von Denkfabriken und Journalisten zu diesem Thema zusammen, und gibt dem Leser dadurch einen knappen Überblick über die wesentlichen Wendepunkte in der kurzen Entwicklungsgeschichte des Dschihadismus in Irak. Die vielleicht folgenreichste Wendung in dieser Geschichte ist die Abspaltung des Islamischen Staates (IS) von der globalen Al Qaida (AQ) Bewegung. Dieses Manöver hat das Potenzial den globalen Dschihadismus zu entzweien, was wiederum zu einer Neuausrichtung der Strategie und Bündnisse seiner regionalen Ableger im Kaukasus (Kaukasisches Emirat), Maghreb (AQIM, Ansar Dine), auf der Sinai Halbinsel, im sub-saharischen Afrika (al-Shabab, Boko Haram), und auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) führen kann.

Der Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs im März 2011 hat der Entwicklung des Dschihadismus im Irak eine erneute Wendung gegeben. Bis heute hat die irakische Al Qaida (AQI) sechs Mal den Namen ihrer Organisation geändert. In zeitlicher Reihenfolge waren ihre Namen: at-Tawhid wa‘l-Jihad, Al Qaida in Mesopotamien, Mudschahedeen Shura Rat (MSC), Islamic State of Iraq (ISI), Islamic State of Iraq and al-Sham (ISIS) und aktuell The Islamic State (IS). Tatsächlich waren in der 11-jährigen Entwicklung der AQI wichtige organisatorische Umstellung, Zerwürfnisse, oder neue Allianzen mit einer Namensänderung verbunden. Durch den Zusammenschluss mit der Syrischen Jabaa’t al-nusra am 8. April 2013 hat AQI ihren Einfluss in Syrien entscheidend erweitert. In Wirklichkeit sind der ISI und Jabaa’t al-Nusra zu diesem Zeitpunkt schon tief zerstritten. Wie schon im Irakischen Bürgerkrieg ist der Auslöser des internen Konfliktes die kompromisslose Haltung des ISI, der abweichende Ansichten seiner Alliierten - egal wie tief diese in der lokalen Bevölkerung verwurzelt sein mögen - als Apostasie (Abkehr vom Islamischen Glauben) stigmatisiert, unterdrückt und letztlich auch zu bekämpft. Mit dem Zerwürfnis zwischen Jabaa’t al-Nusra und ISI(S) zeichnet sich immer deutlicher eine Organisatorische Trennung zwischen dem Zentralkommando der afghanisch-pakistanischen Al Qaida (AQ) und „dem Islamischen Staat“ ab, der die Frage aufwirft, welche Organisation den transnationalen Dschihadismus in der Region heute eigentlich repräsentiert. Sowohl Ayman az-Zawahiri als auch Abu Bakr al-Baghdadi erheben den Führungsanspruch für die weltweit agierende dschihadistische Bewegung. Mit dem Ausruf des Kalifats am 30. Juni 2014 untermauert al-Baghdadi den Anspruch, dass „der Islamische Staat“ unter seiner Führung die territoriale Grundlage für die Expansion des globalen Dschihads ist. Mit diesem Schritt schafft er ideologische Tatsachen, die nicht mehr rückgängig gemacht werden können, und die alle Dschihadisten weltweit vor das Dilemma stellen, sich entweder zur AQ oder dem IS zu bekennen. Zwar gibt es andauernde Initiativen von dschihadistischen Rechtsgelehrten den IS wieder in die Organisations- und Kommandostruktur der AQ zurückzuführen, aber zum jetzigen Zeitpunkt sieht es danach aus, als sei der Sunnitische Fundamentalismus dauerhaft um eine einflussreiche Bewegung reicher geworden.