Frankreich und Clausewitz: Perzeption und Rezeption - ein Überblick

Ulrich C. Kleyser

 

Clausewitz ist ein bedeutender Teil der europäischen Militärkultur. - Bei aller historischen, vom jeweiligen Kriegsbild abhängigen aber auch von französischem intellektuellen Selbstverständnis getragenen im Zeitablauf schwankenden Perzeption und Rezeption von Clausewitz und seinem Gedankengut. Missverständnisse sind auch eine Bestätigung einer unterschiedlichen militärischen Denkkultur und einer grenzüberschreitenden Schwierigkeit in der Interpretation von Clausewitz’ Werk. Den über 150 Jahre dauernden Weg von der Annäherung an Clausewitz über die widersprüchliche Bewertung und Diskussion des menschlichen Faktors oder des Primats der Politik bis hin zur Herausstellung der Ungewissheit als aktuelles Element der Theorie konnte die Studie darstellen. Insgesamt lässt sich heute für Frankreich daher weniger von einer Renaissance des Denkens von Clausewitz sprechen, als tatsächlich erstmalig von einer tiefergehenden und übergreifenden Beachtung und zwar sowohl philosophisch wie historisch und politisch wie militärisch und sozialwissenschaftlich bis hin zum ökonomischen Aspekt. Das diese neue Beachtung ausgerechnet mit der Entwicklung der so genannten „Neuen Kriege“ zusammenläuft ist bemerkenswert und würde Clausewitz sicherlich erfreuen. Gleichzeitig aber konnte die Studie an dem Beispiel der - wenn auch unterschiedlichen - französischen Interpreten von Clausewitz zeigen, in welch hohem Maße historisch und gedanklich ein Doktrindenken in den Militärwissenschaften sowohl in der Theorie wie auch in deren Umsetzung in die Praxis verwurzelt ist. Allein diese Clausewitz widersprechende Denkkultur musste dessen Verständnis in der französischen Rezeption erschweren. Die Veröffentlichungen in den letzten Jahren in Frankreich scheinen dagegen auf ein freieres, offeneres und damit „schwebendes“ gedankliches Verständnis hin zu weisen. Clausewitz gilt als fest verorteter Punkt in einer chronisch instabilen Welt, die nicht mehr von den festen Axiomen Newtons geprägt wird, sondern durch eine dem menschlichen Handeln inhärente Gesetzmäßigkeit der Unsicherheit, die - nach Montesquieu - erzwingt, jede Handlungsalternative in Abhängigkeit von der jeweiligen Lage immer wieder neu auf ihre Applikation hin zu prüfen. Auch hier könnte sich ein Weg von bisherigem dogmatischem Doktrinverständnis zu offenen Handlungsalternativen aufzeigen. Hierzu ist jedoch noch anzumerken, dass sich diese französische Denkkultur als „Strukturdenken“ nicht nur auf das Militärische erstreckt, sondern sich auch in anderen staatlichen wie gesellschaftspolitischen Bereichen niederschlägt. Die nach wie vor verfochtene Idee einer wirtschaftspolitischen „planification“, die eben das freie Spiel wirtschaftlicher wie gesellschaftlicher Kräfte zu systematisieren, zu berechnen und damit staatlich zu ordnen sucht, kann hierfür als aussagefähiges Beispiel dienen.

Schließlich täte die Rückkehr oder zumindest die Entwicklung eines gemeinsamen Standpunktes in strategischen Fragen nicht nur dem französisch-deutschen Verhältnis, sondern auch Europa insgesamt gut, einhergehend mit der Vermeidung der aktuellen „semantischen Inflation“ von Konfliktkonfigurationen und ganz im Verständnis von Clausewitz Forderung nach klaren Begriffen.