Dschihadismus im Irak

Andreas Armborst

 

Mit Beginn des Irakkonfliktes 2003 beginnt für den globalen Dschihadismus eine neue Episode, die bis in den syrischen Bürgerkrieg hinein andauert. Für die Ideologie der Al Qaida (AQ) bedeutet der Einmarsch amerikanischer Truppen im Irak eine neue Bewährungsprobe: Im Verlauf der Kampfhandlungen und der politischen Entwicklung ergeben sich für AQ konkrete Chancen zur Realisierung der drei wichtigsten politisch-religiösen Anliegen in ihrer Weltanschauung: Erstens, wird im Irak der von AQ antizipiert Konflikt zwischen dem Islam und dem Westen militärisch ausgetragen, zweitens offenbart sich hier das von AQ kritisierte Phänomen der Apostasie (Verrat am Islam) ganz deutlich in Form der Anbar Awakening Räte und anderer mit den amerikanischen Besatzern kollaborierender Gruppen, und drittens entfalten sich im Irak Säkularismus und Demokratie, in denen AQ ebenfalls eine immanente Bedrohung für den Islam sieht. Für den globalen Dschihadismus steht im Irak mit dem Einmarsch amerikanischer Truppen im März 2003 sehr viel auf dem Spiel. Mit dem Ende der regulären Kampfhandlungen zwischen Saddam Husseins Baath Regime und den USA beginnt ein sehr komplexer und lange andauernder Konflikt, in dem zahlreiche Konfliktparteien mit vielen unterschiedlichen Zielen, in ständig wechselnden Allianzen und Konstellationen mal untereinander, mal gegen die amerikanischen Besatzer oder mal gegen die irakische Übergangsregierung kämpfen. Die irakischen Aufständischen setzen sich überwiegend zusammen aus militanten, sunnitischen Gruppierungen, die sich entscheiden gegen die amerikanischen Besatzer zu kämpfen als sie realisieren, dass die Pläne der USA zur politischen Neuordnung des Iraks darauf hinauslaufen, eine schiitisch dominierte Regierung zu installieren, die die sunnitische Gemeinschaft marginalisiert. Unter Saddam Hussein ging die Staatsmacht noch von der sunnitischen Minderheit aus (ungefähr zwei Drittel der Iraker sind Schiiten, nur etwa ein Drittel Sunniten). Nach jahrelanger Unterdrückung und Diskriminierung der schiitischen Bevölkerung durch das Baath Regime befürchteten Sunniten ein ähnliches Schicksal für ihre Zukunft. Konfessionelle Spannungen und Machtansprüche von Schiiten und Sunniten beschreiben den Irakkonflikt aber nicht vollständig. Der Einfluss Irans verkompliziert den irakischen Konflikt zusätzlich. Neben dem Einfluss Irans ist der Dschihadismus ein wichtiger externer Faktor, der den Irakkonflikt mitprägt. Transnationale Dschihadisten betreten die Bühne zum Ende seiner ersten Phase, als der bewaffnete Widerstand gegen die Besatzer immer deutlicher von den sunnitischen Arabern geführt wurde und der Salafismus auch von Gruppen übernommen wurde, die sich vorher nicht mit ihm identifizierten. Im Widerstandskampf vermischt sich der islamische Nationalismus der irakischen Aufständischen mit der globalen Ideologie des Dschihadismus. Im Syrischen Bürgerkrieg weitet die irakische Qaida ihre militärischen Aktivitäten erstmals im nennenswerten Umfang über die irakisch-syrische Ländergrenze hinaus aus. Zu dieser Zeit erstarkt auch der interne blutige Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten im Irak wieder droht das krisengeschüttelte Land zusätzlich in den Abgrund zu reißen.