Luftkrieg neu: Mehr Evolution als Revolution (Teil 1)

Friedrich W. Korkisch

 

Bis 1945 führte man Kriege, seither vermeidet man diesen Begriff und führt „Polizeiaktionen“, „UNO-Missionen“ und „multinationale Interventionen“ durch, die aber ebenfalls Kriegshandlungen sind. Da es keine Mobilmachung mehr gibt, benötigt man für solche Kriege keine Zustimmung oder Überzeugungsarbeit bei der zumeist desinteressierten Bevölkerung. Daher sind (falls vorhanden) interventionsfähige Luftkriegspotenziale besonders populär, denn sie reduzieren die politischen Barrieren für eine Beteiligung, senken die Kriegskosten und die eigenen Verlustzahlen. Als Besonderheit ist anzuführen, dass der Luftkrieg bis heute nicht völkerrechtlich geregelt ist, daher alle Beschränkungen politischer Natur sind. Auch Atomwaffen sind nicht verboten und die Bemühungen, den Einsatz von Streubomben und Napalm zu verbieten, sind keineswegs überall umgesetzt worden. Es gibt eine laufende Debatte über den Luftkrieg: Entweder Air Power kann als entscheidende Waffe massiv eingesetzt werden (auch als Ersatz für einen Landkrieg oder im Rahmen von „Air-Sea“), oder die Politik nützt, je nach Lage, die Air Power-Option selektiv oder im Verbund mit anderen Instrumentarien. Wichtig ist eine „Coalition of the Willing“: Wenn die Politik zögert, verspielt sie Vorteile, programmiert Probleme, allenfalls eine militärische Niederlage. In Zukunft werden technisch überlegene, bestens ausgebildete Kräfte den Luftkrieg für sich entscheiden. Zur „Coalition of the Able“ gehört neben Kenntnissen über den modernen Luftkrieg auch mentale Bereitschaft zum Risiko. Die klassische Militärstrategie ist auf die frühere Operationsebene verlagert worden, die klassische Operation und die mit ihr verbundene Operational Art wurden auf die taktische Ebene verlagert. Luftkriegsdoktrinen müssen beherrscht werden; sie haben die typischen Theorien über Strategien, Operational Art und Taktik ersetzt. Ein massiver Luftangriff überwindet immer die Luftverteidigung des Gegners. „Parallel Aerial Warfare“ (die Gleichzeitigkeit von Luftverteidigung und Luftangriff) ist heute die Norm; sequentieller Luftkrieg findet sich zumeist in der ersten Phase des Luftkrieges, wenn es um die Luftüberlegenheit geht. Die Erringung der Luftüberlegenheit ist und bleibt die erste Phase in jedem Luftkriegsszenario und erst nach dieser verlagert sich für den Rest eines Krieges die Priorität auf Air-to-Ground-Einsätze. Überraschungsschläge sind der Schlüssel für einen raschen Erfolg. Es gibt mehrere Domains: Air, Land, Sea, Space, Cyber, Strategic Attack und Tactical Attack; neu ist nur die Kombination von solchen Fähigkeiten in Form der „Improved Cross Domains“, was aber einen hohen Grad an Interoperabilität im Rahmen von „Jointness“ und entsprechende Quantitäten und einen hohen Ausbildungsstand der Führung und Durchführung erfordert. Erkannte Luftziele durch Armed-/In-flight- Reconnaissance und darauffolgende Autonomous Air Attacks, bei denen der Pilot das Ziel selber identifiziert und angreift, oder mittels Data Link die Zieldaten von anderen Luftfahrzeugen (wie UAVs oder Bodenstationen) übertragen bekommt, wird in Zukunft häufiger sein und erfordert eine gute Ausbildung der Piloten für das Erkennen feindlicher Waffensysteme - wie schon im Zweiten Weltkrieg. Die Dinge wiederholen sich…