Gesellschaft, Raum und Macht Aufgaben, Defizite und Neues zur Kritischen Geopolitik (Teil 2)

Heinz Nissel

 

„Geography is what geographers do“. Diese lapidare, gleichwohl berühmte Aussage des amerikanischen Geographen A.E. Parkins (1934) kann als Totschlagargument für jede Diskussion herhalten. Es würde uns allerdings hier zur Klärung der Standortbestimmung der Kritischen Geopolitik nicht weiterhelfen. Die Identitätskrise der Kritischen Geopolitik hält jedenfalls an, wie jene der Geopolitik. Ihr Gegenstand, ihre Methoden und Beiträge zu sozialwissenschaftlichen Theorien bleiben umstritten. Eine einstimmige Definition dessen, wofür sie stehen soll, wird nicht gefunden werden. Innerhalb der Humangeographie scheint klar zu sein, wofür sie entgegen der „klassischen Geopolitik“ steht. Aber der Begriff „Geopolitik“ in Nachbarwissenschaften wie Politikwissenschaften, Internationale Beziehungen oder in den Medien hat eine andere Konnotation. Für sie ist der Begriff „Kritische Geopolitik“ ein Widerspruch in sich, bestenfalls handelt es sich um eine „falsche“ Begriffskombination. Geopolitik steht seit Ratzel und Haushofer für die Nutzung der Macht durch die Mächtigen und gegen die Schwächeren und kann definitorisch gar nicht „kritisch“ sein hinsichtlich des Zustands einer Gesellschaft oder ihrer Machtbeziehungen. Da moderne und postmoderne Makrotheorien inkompatibel sind, sind auch die Versuche, einzelne ihrer Teilbereiche miteinander zu kombinieren, nicht von Erfolg gekrönt. Was heißt eigentlich „kritisch“ - es gibt sehr unterschiedliche Auffassungen dazu. Interessant ist damit die Frage, ob die Kritische Geopolitik letztendlich nur eine neue (maskierte) Geopolitik ist. Zur Popularität der Kritischen Geopolitik hat aber gerade diese Vermischung von streng genommen Unvereinbarem beigetragen. Das ist ein Kernproblem der „travelling theories“ in den Sozialwissenschaften. Bewahrt der Mangel einer „Großen Theorie“ die Kritische Geopolitik vor ihrer „Ideologisierung“ - viele Fachvertreter lehnen gerade deshalb die Schaffung eines theoretisch-methodischen, verbindlichen Kanons kategorisch ab - oder führt eine solche Einstellung nicht zwangsläufig früher oder später zur Zerstörung der Kernkompetenz des Faches (der Dekonstruktion geopolitischer Diskurse und Leitbilder)? Vielversprechender scheinen andere Wege zu sein: Weg vom hegemonialen Diskurs des „Westens“ und verstärktes Augenmerk auf den „Rest“ der Welt; weniger Verbleiben in den Bereichen der formalen und populären Geopolitik zugunsten der praktischen Geopolitik; stärkere Querverbindungen zur Politischen Ökonomie und Politischen Ökologie, geoökologischen und geoökonomischen Ansätzen insgesamt; mehr Gewicht auf die Untersuchung von Medien und Medienanalysen legen. Es ist durchaus denkbar, dass sich jenseits von (Kritischer) Geopolitik eine kritische Gegenöffentlichkeit (über Internet, Twitter, Facebook) formiert, die sprachmächtig agiert und die Einsatzpläne von Politik-Machern und ihrer Helfer durchkreuzt. Die Orchestrierung von Angstkampagnen durch Medien (insbesondere Fernsehen), um die Akzeptanz militärischer Operationen zu gewährleisten (Irak, Afghanistan) hat in den letzten Jahren herbe Rückschläge erlitten. Die jüngste Kehrtwende hinsichtlich der Bestrafungsaktionen gegen Syrien ist der (nicht mehr) schweigenden Mehrheit der US-amerikanischen Bevölkerung geschuldet.