Gesellschaft, Raum und Macht Aufgaben, Defizite und Neues zur Kritischen Geopolitik (Teil 1)

Heinz Nissel

 

Dieser Aufsatz möchte erneut gegen die zeitgeistige, oberflächliche Anwendung des Terms „Geopolitik/geopolitisch“ angehen und wird deshalb die Leistungen, jedoch auch die Schwächen der dagegen ankämpfenden Kritischen Geopolitik aufzeigen. Einerseits ist die klassische, d.h. deterministische Geopolitik noch immer nicht tot, sondern feiert in einer Reihe von europäischen Think Tanks eine Renaissance, wie erst jüngst vom Geschichtsphilosophen Hauke Ritz (2013) heftig kritisiert. Allerdings schüttet er das Kind mit dem Bade aus: „Die Geopolitik ist eine Disziplin, die seit jeher von den Militärs betrieben wird und somit eine Form von Kriegskunst darstellt.“ Dies kann bestenfalls für Zeiten und Räume akzeptiert werden, in denen auch die politische Macht durch das Militär ausgeübt wird. In demokratisch verfassten Staaten gelten der Primat der Politik und die Weisungsgebundenheit der Militärs. Der „Kriegskunst“ geht die Staatskunst voraus. Eines eint jedoch die Semantik dieser obskuren Zirkel politischer Phantasten wie ihrer Kritiker - sie verharren in Denkmustern, die längst obsolet geworden sind. Sie ignorieren völlig die Existenz wie die „Aufdeckerfunktion“ der Kritischen Geopolitik. Die ÖMZ ist aus der Sicht des Autors der richtige Ort, um diesen Ansatz der Politischen Geographie über das engere Fachverständnis hinauszutragen und zur Diskussion anzuregen. Zum anderen hat sich in den vier Jahren seither in der deutschen Politischen Geographie vieles getan. Deshalb soll die jüngste Entwicklung des Faches kurz vorgestellt werden. Ebenfalls in nur knapper Ausführung geht es dann noch einmal um die Anliegen und Methoden der Kritischen Geopolitik, einem ihrer Hauptforschungsbereiche. Ihre Ziele und Arbeitsweisen werden an unterschiedlichen - alten wie aktuellen - „geopolitischen Leitbildern“ festgemacht. Da sich die postmoderne Politische Geographie der konstruktivistischen Perspektive verschrieben hat, wird die Dekonstruktion geopolitischer Leitbilder in den Fokus gerückt. Es folgt dann eine Analyse der Entwicklungen und Veröffentlichungen der jüngsten Jahre in der Kritischen Geopolitik sowohl im deutschen Sprachraum wie im tonangebenden anglo-amerikanischen Forschungsumfeld. Der Beitrag schließt mit kritischen Hinweisen auf theoretische Schwachpunkte des Ansatzes und möglichen Entwicklungslinien in der Zukunft.