„Krieg um des Friedens willen“

Die Vorstellung von Frieden und seine Instrumentalisierung in antiken Kriegsreden

Ursula Lagger

 

Krieg ist ein in allen literarischen Genera der Antike behandeltes Thema. Er nimmt quantitativ einen großen Anteil der erhaltenen Texte ein, doch sollte der Versuchung widerstanden werden, deshalb den antiken Menschen zuzuschreiben, sie hätten Krieg als den Normalzustand aufgefasst, und Frieden nur als dessen kurze Unterbrechung. Eher zeigen die Texte, dass Krieg zwar im Alltag durch viele Zeichen präsent, dass aber Frieden als Idee ebenso omnipräsent war, die es zu verwirklichen oder zu bewahren galt. Um dies zu erlangen, wird manchmal auch Krieg als Mittel zum Zweck in Kauf genommen, immer aber als ein zu überwindender Zustand - und niemals wird er positiv beschrieben. Einige Passagen aus Thukydides’ Werk mit unterschiedlichen Argumentationen pro und contra einen Kriegseintritt bilden den Ausgangspunkt für die Untersuchung, wie Frieden bei der Durchsetzung eines Kriegszuges argumentativ eingesetzt wurde. Neben Historiographen und Dichtern waren es Tragödien- und Komödiendichter, aber auch Philosophen, die sich in der griechischen Antike mit dem Thema Krieg und Frieden beschäftigten. Sie spiegeln damit einen Diskussionsprozess, den sie ihrerseits wiederum beeinflussten und der sich in vielen Äußerungen niederschlug. Es handelte sich nicht ausschließlich um theoretische Überlegungen einiger Intellektueller, denn diese Themen waren von großem Interesse für weite Teile der Bevölkerung. In ihnen spiegelten sich deren Anliegen und Ängste, und sie wurden reflektiv aufgegriffen. Da die Entscheidung über Krieg oder Frieden nicht in den Händen einiger Weniger lag, sondern von einem großen Teil der männlichen Bevölkerung getroffen wurde, der in die Diskussionen um den politischen Entscheidungsprozess eingebunden war, mussten Politiker das Stimmungspotenzial in der großen Masse nutzen und beeinflussen, um zu dem von ihnen gewünschten Ergebnis zu kommen. Die Rechtfertigungen und Argumente für geplante militärische Aktionen waren von Krieg zu Krieg verschieden, ebenso die jeweiligen zugrundeliegenden Gründe, die vom Wunsch nach Beute und Vergeltung bis hin zu Hegemoniebestrebungen reichten. Immer wieder lässt Thukydides die Redner an die Gefühlswelt der Zuhörer appellieren. Diesen wird ausführlich vor Augen geführt, dass mit dem geplanten Krieg ein Leben in Frieden erreicht werden kann. Erst dieser Krieg sichere ein friedliches Leben. Die Entscheidung über den Krieg lag in den Händen der athenischen Bürger, die sich stark mit ihrer und über ihre Polis identifizierten. Waren die Argumente plausibel, und die Bürger stimmten für einen Krieg, so waren es dieselben Männer, die gemeinsam mit ihren Söhnen in den Krieg zogen, d.h., sie stimmten über das eigene Schicksal ab. Krieg spielte im gesellschaftspolitischen Diskurs wie auch in der Bildersprache eine große Rolle und war für das Selbstverständnis der athenischen Bürger wesentlich. Besonders die Eliten waren auf kriegerische Erfolge bedacht, die sie auch öffentlich zur Schau stellen konnten und die eine Sicherung ihres Status bedeuteten - Gelegenheiten, die sich in Friedenszeiten kaum ergaben. Krieg um des Friedens willen war ein Argument, das die Bedürfnisse und Wünsche vieler gleichermaßen berücksichtigte und zufriedenzustellen schien.