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Eberhard Birk

 

1921 formulierte Giulio Douhet in seinem Werk „Luftherrschaft“ (ital.: Il dominio dell’aria) seine neue Vision des Krieges der Zukunft - den Raumkrieg, basierend auf einer eigenen Teilstreitkraft Luftwaffe. Das Douhets strategischer Philosophie zugrunde liegende Gedankengebäude war zwar revolutionär, nicht jedoch einzigartig. Große Teile seiner Überlegungen waren bereits in der Smuts-Denkschrift vom 17. August 1917 während des Ersten Weltkrieges antizipatorisch niedergelegt worden. Vor diesem Hintergrund erscheint es zumindest unredlich, Douhet posthum stets gebetsmühlenhaft Vorhaltungen über Rechenfehler und die den traditionellen Teilstreitkräften zugewiesene Nachrangigkeit zu machen. Auch mit dem „Argument Geschichte“, dem Nichtzutreffen seiner „Prophezeiungen“ im Zweiten Weltkrieg, wurde er von (Militär-)Historikern, Kriegs- und Strategiewissenschaftlern „in der Luft“ zerrissen. Tatsächlich war Douhet wie alle militärischen Denker und Pragmatiker vor und nach ihm Kinder ihrer Zeit: einerseits geprägt von den eigenen Erlebnis- und Erfahrungshorizont begrenzenden politisch-gesellschaftlichen, sozio-kulturellen sowie strategischen und technischen Rahmenbedingungen und andererseits bestrebt, diese in der jeweiligen Gegenwart für die Zukunft „zu überwinden“. Aber wer wie Douhet ein „strategisches“ Ziel hat, wird die bisherigen „Hauptkriegsschauplätze“, die dominante Rolle von Heer und Marine, zu „Nebenkriegsschauplätzen“ degradieren müssen, um die Relevanz des neuen Gedankengutes medial eingängig und wirkungsmächtig platzieren zu können. Vor dem Erfahrungshintergrund des vorangegangenen Ersten Weltkrieges wollte sich Douhet die Hoffnung auf einen schnellen militärischen Sieg im Zukunftskrieg durch die permanente Mobilisierung der Wehrkraft eines Staates erkaufen, der im Frieden mit starken Luftstreitkräften „toujours en vedette“ zu sein hatte. Durch die Herauslösung aus der genuin militärstrategischen Perspektive Italiens erklärt sich die theorie-immanente Einseitigkeit seiner Lehre - erst so wurde sie zum „Douhetismus“. Ihre Adaption für andere Mächte mit anderen sicherheits- und militärpolitischen Rahmenbedingungen war jedoch nur mit Abstrichen umzusetzen. So hatten zum Beispiel die USA im Zweiten Weltkrieg zwei transozeanische Kriege zu führen. Sie waren daher auf eine starke, die Kriegführung erst ermöglichende maritime Komponente angewiesen. Selbst wenn seine Prophezeiungen sich im Zweiten Weltkrieg als nicht zutreffend erwiesen haben, so waren sie in den Luftkriegplanungen zu Beginn des Nuklearzeitalters wieder en vogue. Entscheidend war, ist und bleibt folglich, wie ein neuartiger Denkansatz weiterentwickelt wird. Die Ziele seiner strategischen Bombardements waren jene, die zur damaligen Zeit von vitalem Interesse der kriegführenden Nationen waren. Zielsetzungen, Mittel und Methoden unterliegen indes dem Wandel - sie hätten sich aber auch schon zu Zeiten Douhets unter dem Begriff „center of gravity“ zusammenfassen lassen können. Die Verhinderung der multiplen Dimensionen von Potenzialentfaltung des Gegners ist auch heute noch die - „negative“ - Zielsetzung von „Luftmacht. Dass politische und terroristische Akteure heute im Nahen und Mittleren Osten für die Durchsetzung ihrer Ziele Verluste in der eigenen Bevölkerung durch gegnerische Luftschläge bewusst in ihr Kalkül einbeziehen, war für Douhet noch unvorstellbar, wenngleich er bereits die grundsätzliche Fragestellung parat hatte: „Das Studium des politischen Einflusses dieser neuen Waffe wäre allein schon interessant.“