Version: 2
restore

Eberhard Birk/Gerhard P. Groß

 

Die strategisch-politische Analyse der Rahmenbedingungen des internationalen Systems sowie der Gesamtheit der Verflechtungen des dynamischen „Europäischen Konzertes“ zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg offenbart beim Blick auf den „dunklen Kontinent“ im „Zeitalter der Extreme“ eine scheinbare Paradoxie: Trotz der Niederlage des zentralkontinentalen Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg und dessen politischer und militärischer Beschneidung durch den Versailler Vertrag konnte es innerhalb von etwas mehr als 20 Jahren eine machtpolitisch dominante Position zwischen „Eiffelturm“ und „Kreml“ erringen. Diese ging weit über jene hinaus, zu der bereits das 1871 mit großer politischer Symbolik im Spiegelsaal von Versailles ausgerufene deutsche Kaiserreich einen im Ersten Weltkrieg gescheiterten - indes weit weniger ambitiösen - Anlauf unternommen hatte. Vor dem Hintergrund der Frage nach (Dis-)Kontinuitäten in der Außenpolitik des Deutschen Reiches ist daher aufzuzeigen, wie es selbst bei unterschiedlichen innen- und außenpolitischen, ideellen und ideologischen Grundausrichtungen unter Ausnutzung divergenter sicherheitspolitischer Ansätze in einem dynamischen Umfeld eine einerseits erhoffte, andererseits befürchtete kontinentale Führungsposition erlangen konnte.

Komplementär dazu ist zu fragen, inwieweit die militärischen Planungen den strategischen Optionen nationaler Machtpolitik folgten - oder aber unter Ausblendung der hierzu notwendigen Verzahnung von politischen, (rüstungs-) wirtschaftlichen und militärischen Gesichtspunkten auf substrategisch-operativer Ebene eine dysfunktionale Dynamik entfalteten. Letzteres konnte dann drohen, wenn die Akzeptanz neuer strategischer Rahmenbedingungen mental genauso verweigert wurde wie eine lediglich dienende Funktion des militärischen Instruments, strategische „Raum“-Fragen auf den operativen Faktor „Gelände“ reduziert, kriegsgeschichtliche „lessons learned“-Konzepte auf positive Erfahrungen verkürzt und die Überlegenheit eigenen operativen Führungsverhaltens als Grundkonstante „gesetzt“ wurden.

Die Niederlage des Jahres 1918 bestätigte den Generalstab in der Überzeugung, Deutschland könne einen langwierigen Abnutzungskrieg nicht gewinnen. Überraschung, Schwerpunktbildung, Umfassung, Vernichtung, innere Linie, Kampf in der Unterlegenheit und Feldherrnkunst waren im deutschen militärischen Denken auch später gekoppelt mit dem Glauben an die schnelle Schlachtentscheidung zum Unterlaufen der gegnerischen Potenziale die Eckpfeiler dieses Denkens. Der Durchbruch als Voraussetzung für eine gelungene Umfassung, im Kaiserreich noch heftig umstritten, rückte zudem immer stärker ins Zentrum des operativen Interesses. Langsam begann man den Durchbruch in Verbindung mit anschließender operativer Umfassung als eine durchgehende Operation zu begreifen. Die zur Umsetzung dieses operativen Denkens notwendigen Kriegsmittel wie Panzer oder Flugzeug standen jedoch dem Reichsheer aufgrund der Auflagen des Versailler Vertrages nicht zu Verfügung. Dieser Zustand sollte sich nur wenige Jahre später ändern.